1838_Willkomm_134_58.txt

den Himmel, die Sonne sank glühend hinter dem Dome hinab und hüllte ihn in einen dunklen Purpurmantel. Wir gingen über die Rheinbrücke hinüber nach Deuz.

"Diese Menschen," sagte Gleichmut, "sind wie das Ungeziefer. Sie buhlen mit ihrer eigenen Frömmigkeit und diese Art ist fruchtbar wie Froschlaich."

Nach mancherlei Gesprächen fragte mich der Pastor nach seinem Manuscript; ich versprach es ihm nächstens wiederzugeben.

"Behalten Sie es an sich," entgegnete der Geistliche, "ich glaube, dies Vermächtniss guten Händen übergeben zu haben, und sind Sie der Meinung, es könne durch Mitteilung meiner Lebensgeschichte der Menschheit ein wesentlicher Dienst geleistet werden, so soll es Ihnen unverwehrt sein, der Offentlichkeit davon zu übergeben, was Sie wollen. Nur Verschweigung meines Namens bedinge ich mir aus. Es ist der Sache, nicht meinetwegen."

Ich war sehr erfreut durch dieses Vertrauen. An Bardeloh's stillem haus schieden wir. "Ich bin neugierig," sagte Gleichmut, "wie unser beiderseitiges Leben endigen wird."

"Ruhiger als wir vielleicht meinen."

"Sehr möglich; doch wünschte ich das Gegenteil. Denn sterben wir einmal sanft und selig, so hat die Welt wieder umsonst Hoffnungen gehegt, die im Tau des himmels ertränkt worden sind. Irdische Seligkeit ist unter Verhältnissen, wie die der Zeit, eine Perfidie des eigenen Geistes. Ich wollte Niemand gelänge es mehr, sich diese zu erwerben, so wären wir reif zu neuen Schöpfungen!"

Er sah hinauf nach Bardeloh's Zimmer. "Der Mann dort oben," fuhr er fort, "ist der einzige, von dem ich gewiss weiss, dass er nicht selig stirbt. Darum ist er der Grösste. Sein Andenken verflucht zwar vielleicht die zahme kopfhängerische Nachwelt, Alles das aber macht ihn nur grösser. geben Sie ihm Terrain und er wird ein moderner, zeitgemässer Napoleon. Jede Tat von ihm wird eine Schlacht sein. Wie abgeschmackt, dass die blasirte Sittlichkeit der Civilisirten von einem grossen mann verlangt, er solle gleich dem dümmsten Leinweber auch ein gutmütiger Hansnarr, ein fideler Kerl und ein regulärer Kirchgänger sein! Als ob das Grosse je Brüderschaft machen könnte mit der vergnüglichen Gutmütigkeit des Kleinen!"

Meine Hand heftig schüttelnd versank die dürre Gestalt in den Schatten der hohen Häuser. Es ist ein seltsam-mystisch-dämonischer Mensch, dieser protestantische Gottesgelehrte.

Indem ich dies schreibe, entsteht ein heftiges Hinund Herlaufen der Dienerschaft. Bruder Bonifacius singt wieder einmal den Rachegesang seiner Sinne, Bardeloh gibt laut und stürmisch Befehle!

Neben mir hör' ich, wie Rosalie ihrem schönen Sohne Felix mit mütterlicher Liebenswürdigkeit Unterricht in der Geographie erteilt.

"Gibt's in Amerika auch so grosse und alte Städte wie Köln?" fragt das glückliche Kind.

"Nein, mein Liebling," erwiedert die Mutter, "dort ist Alles jung, neu und frisch; aber die Menschen haben keine Herzen."

"Wie fangen sie's denn da mit dem Leben an? Kann man denn auch leben ohne ein Herz zu haben?"

"Weit besser, mein Sohn, als mit einem Herzen. Menschen ohne Herzen fühlen nichts. Sie empfinden keine Schmerzen und keine Freuden; sie haben keine Poesie und keine Kunst, nur Dampfboote, grosse Schiffe, Wälder und Wildpret die Menge und sehr, sehr viel Geld."

"Da können sie sich ja wohl ein Herz kaufen? Warum kommen sie nicht herüber zu uns nach Europa, wo es so viele Herzen gibt, die nichts haben und gewiss recht gern einiges Geld für ihr armes Herz geben würden?"

"Lieber Felix, das Herz ist Niemand feil für Gold."

"Vater sagt aber doch, uns Allen wäre geholfen, wenn wir den Verstand Amerika's hätten."

"Und der Vater hat Recht, wenn er hinzusetzt, 'und unser europäisches, durch eine sechstausendjährige geschichte erprobtes Herz behalten.'"

"Das ist närrisch Mutter! Ich möchte doch gern einmal so einen herzlosen Amerikaner sehen. Wie kann man frei und froh sein ohne Herz, ohne einen alten Dom und ohne die wunderlichen Geschichten, die mir so warm und süss im Herzen liegen?"

Ich hörte, wie die glückliche Mutter das harmlose Kind mit Küssen der Liebe bedeckte. Meine Tür ward heftig aufgerissen, Bardeloh trat ein. Verstört stammte sein dunkles Auge, er war bleich, wie immer, die seine Kleidung in Unordnung.

"Sigismund, halten Sie sich bereit, Morgen reisen wir. Ich habe vor kurzem einen Brief erhalten, der mich zwingt, schnell den Rhein hinauf in einer ehemaligen Abtei einen Besuch zu machen. Sie werden sich europäisch dabei amüsiren, denn unser Besuch steht in innigem Zusammenhange mit dem, was diese Blätter entalten." Lächelnd legte er hierbei Gleichmut's Manuscript auf den Tisch.

"Also Sie hatten doch" –

"Ja, ich fand das Manuscript auf Ihrem Pult. Geheimnisskrämereien lieb' ich nicht; es gibt deren ohnehin schon viele. Gleichmut ist ein Mann nach meinem Sinn. Werden Sie schlecht, wie er, so zwingen Sie die Menschheit, gut zu werden! Das ist der einzige Weg, Leben und Gesundheit in ein bloss noch vegetirendes geschöpf zu bringen. Ehe ein Jahr vergeht, bin ich im Sinne der Alltagswelt grundschlecht, ein Verbrecherund das wird gut sein für das Allgemeine. Die Tüchtigsten müssen alle Begriffe umändern, wenn die grosse Maschine, die man Welt nennt, grossenteils