1838_Willkomm_134_57.txt

hüpfte sie durch's Zimmer, küsste in ausgelassener Freude ihren Oskar, und erklärte ihm rund und nett, dass er ganz und gar nicht auf eine langweilige Liebe bei ihr rechnen sollte. "Sigismund gefällt mir," sagte sie, "und wer mir gefällt, den lieb' ich. Wie lange, geht mich nichts an. heute bin ich gut, wen ich morgen hassen kann. Wie mein Puls geht, schlägt meine Liebe. Der Puls ist der Stundenzeiger und Termometer meiner leidenschaft. Ich habe grosse Lust, den Sigismund einmal von ganzem leib zu lieben."

Oskar mochte wohl wissen, dass Luciens Worte keine Taten seien, denn er musste nur lachen über die drollige Beteuerung. Das verdross aber seine Verlobte. "Mein lieber, holder Junge," sagte sie und klopfte mit ihrem heissen Finger die Lippe des jungen Mannes. (Pfui, wer wird so unanständig sein und Alles beissen und essen wollen, wie die Kinder!) Wenn ich nur Zeit hätte und nicht gar so aufgeregt wäre, so machte ich meine Worte wahr, bloss um Recht zu haben. Ich will Recht haben, mein Bester! Nicht wahr, Du lieber, allerwunderlichster, verliebtester Oskar, ich habe immer Recht?

Es ist gefährlich, mit einem geliebten Mädchen rechten zu wollen. Die Liebe ist der parteiischste Richter und der schlechteste advokat von der Welt. Wenn Auguste von mir verlangte, ich sollte Seiltänzer werden und mit verbundenem Auge auf einem Seile über den Rhein laufen, so würde ich sagen: Närrchen, das ist unmöglich, ich purzele hundertmal in den Strom; beharrte sie aber darauf und beteuerte, dass es ein Leichtes sei oder ich liebe sie nicht, so würde ich unter hundert Küssen bei ihren leuchtenden Augensternen schwören, dass sie Recht habe, und wir wären gegenseitig zufrieden und lachten uns zwei Frühlinge mit allem Schmelz ihres klingenden Lebens in die lichtfunkelnden Augen hinein.

Gleichmut's unerschütterliche Ruhe hatte das Himmelreich des Pietisten zum Wanken gebracht. Steinhuder stand auf und schlug mit der Faust auf die aufgeschlagene Bibel. "Das ist Ketzerei, Herr Pastor!" rief er aus, "gottverfluchte, in alle Ewigkeit vermaledeite Ketzerei! Was! Keine Engel sollte es geben?" Und doch steht's klar und deutlich geschrieben: "ich werde aussenden meine Engel. –"

"Nun denn," fiel Gleichmut ein, "wenn Sie durchaus ohne Engel kein Himmelreich haben wollen, so mögen sie Ihnen bleiben, nur muss ich Ihnen bemerklich machen, dass mit diesem Beweis auch zugleich die Nichtexistenz der Pietisten im Himmel klar dargetan ist."

"Das möchte' ich wissen!" rief Steinhuder. "Bin ich nicht, und ist mein Sein nicht gewichtiger als das von tausend Andern?"

"Alle achtung vor Ihrer Gewichtigkeit! In der Bibel, Ihrer einzigen Autorität, ist aber weder der Pietisten, noch Ihrer, Herr Steinhuder, jemals Erwähnung getan worden, also –"

"Ha!" seufzte der Frömmler und sank in der Positur eines vollwichtigen Wollsackes auf seinen Sitz. "Engel gibt's doch und ich werde auch einer werden –"

"Und sollen die Posaune blasen beim jüngsten Gericht," fiel Lucie ernstaft ein. "Sie haben ohnehin immer eine Anlage zu solchen Instrumenten gehabt, das wird sich dann vollends ausbilden zur wahren Virtuosität. Ach, wie freu' ich mich darauf, wenn mein lieber Vormund mit muntern Bausbacken seine himmlischen Fanfaren wird erschallen lassen!"

Die Frömmigkeit der recht eingefleischten Pietisten ist immer bis auf einen gewissen Grad dumm. Steinhuder war sehr vergnügt über den freundlichen Trost seiner Mündel, streichelte sie herzlich und wandte sich triumphirend gegen Gleichmut, indem er ausrief: "der Sieg ist mein, Herr Pastor, denn was ein unschuldiges Kinderherz spricht, das ist Wahrheit und der ewigen Göttlichkeit stimme! Abgemachtes gibt Engel und ich werde die Posaune blasen!"

Gleichmut hielt eine Antwort für überflüssig. Ich empfahl mich dem Frömmler, und führte Luciens Hand an meinen Mund. "Das ist ungezogen," sprach sie, "wenn Sie wiederkommen, geben ich Ihnen zur Strafe den Backen zu küssen. Nicht wahr, Oskar, Du erlaubst es?"

"Buben und Unzüchtige!" rief Steinhuder dazwischen. "Habt Ihr vergessen, was da steht im Worte des Herrn?" "Die Unreinen lassen sich betasten die Brüste etc." Küsse sind sündlich; Liebe ist eine Schändlichkeit der natur, eine blosse, dumme Affenwirtschaft, die sich der gefallene Mensch nebenbei angewöhnt hat.

"Sie sind sehr gütig," sprach Oskar dazwischen.

"Ein reiner Mensch," fuhr Steinhuder fort, der nun einmal wieder im zug war, "ein frommes geschöpf liebt Niemand als Gott, den Heiland, und die heilige Jungfrau Maria. Ein Mensch nach dem Herzen Gottes küsst nur fein sittsam, zierlich und mit sanftem Erröten sein rechtmässiges Ehegemahl, mit andächtigem Aufblick zum Himmel und innigem Dankgebet zu Gott, dem Allmächtigen, für solch grosse Gnade!"

"Da tut er sehr recht dran," brummte Oskar und zog Lucien an sich.

"Gehen wir?" fragte Gleichmut. "Es ist schwer, ruhig zu bleiben, wenn man die Tollheit so sanftmütig rasen sieht."

Im Weggehen warf mir Lucie eine Menge Kusshändchen zu trotz dem hochrotglühenden Posaunenengelgesicht ihres Vormundes. –

Es war ein schöner, weicher Sommerabend. Die Lust wehte sanft und lind; weisse, leichte Wolken zogen über