1838_Willkomm_134_56.txt

" kicherte die Mutwillige, der Schlüssel klirrte im Schloss, mir ward ein blick vergönnt in das blumendurchduftete Heiligtum. Niederknieend verdammte ich hundertmal alle Schlosser in den Abgrund der Hölle, der Lichtschimmer erlosch, Auguste legte den Mund an die Oeffnung; nur unser Atem berührte sich warm und lind. "So, nun ist's genug," sagte Auguste und ich sah, wie sie im durchZimmer hüpfte, und sich in die Kissen des Sopha warf in der reizendsten, kindlich unbefangensten Stellung. Ein liebendes Mädchen ist grausam, je liebgeglühender desto grausamer! Auguste verschloss mir nicht die Einsicht in ihr Zimmer, sie marterte mich mit dem hingebendsten Lächeln, aber sie liess mich draussen vor der Tür warten, seufzen, bitten! "Busse muss sein!" lallte sie liebreich vergebend, "nach sechs Tagen erhöre ich mich selbst."

Sie löste die blauseidenen Schuhe, die mild und warm, wie ein Stück Frühlingshimmel ihren schönen Fuss umspannten. Sinnend grub sich die weisse Hand in ihr dunkles Haar. Mit dem nackten Fuss zeichnete sie meinen Namen auf den buntfarbigen Teppich, legte sich dann zurück in das Sopha, und liess die warmen Lüfte mit den Blumenstaubfächern sie einwiegen in sanften Schlaf. Ein Luftzug spielte in wunderlichem Necken mit der leichten Kleidung. Eine unschuldige Venus lag sie in der Fülle jugendlicher Schönheit wie unter Rosen begraben. Dann tauchte ein zweiter Hauch die schlummernde Anadyomene wieder in den Rosenschaum der schmeichelnden Gewänder.

Glücklich, sie doch gesehen zu haben, schlich ich die Treppe hinunter. Ephraim überreichte mir den fertigen Korb, den ich zum Dank unter meinen Füssen zerbrach und die Stücke dem alten mann recht derb auf sein graues Haar drückte. Ephraim versteht Scherz; er lachte und hiess mich wiederkommen, denn über Nacht sei der Schade schon wieder herzustellen. Zwar ist mir der schadenfrohe Wächter heute nicht begegnet, aber der Verlauf meiner Bussfahrt blieb ziemlich derselbe, nur ward ich nicht durch eine gleich reizende Ein- und Aussicht wie gestern entzückt. Auguste ist unerbittlich; sie hält erstaunlich viel auf ihre eigenen gesetz. Dabei unterlässt sie nicht, für Andere zu denken. Sie ist zärtlich besorgt für das Wohl ihrer Freunde und Freundinnen, und erinnerte mich an eine Pflicht, deren Vernachlässigung ich nur dem Drange meiner Liebe Schuld geben muss. Auguste trug mir auf, Lucie zu besuchen, von deren Zustande ich seit dem verhängnissvollen Abende nichts mehr gehört hatte.

Eine Viertelstunde später liess ich mich anmelden. Ich ward vorgelassen und traf ausser Lucien ihren Geliebten Oskar, den Pastor Gleichmut! und jenen Pietisten, dessen ich schon einmal Erwähnung getan habe. Diese Gesellschaft fiel mir auf. Was suchte der Pietist bei Lucien, der Katolikin? Oskar erklärte mir mit wenig Worten den Zusammenhang. Der Pietist, ein reicher Kaufmann, Namens Steinhuder, ist Luciens Vormund, gleich bewandert im Wechselgeschschäft des himmels wie der Erde, und ein Todfeind des reinen Protestantismus. Ich begreife recht wohl, wie der bigotte Katolicismus und der evangelische Pietismus sich umarmen können. Sie haben beide ein Ziel, wenn sie es auch nicht immer ahnen.

Lucie hatte sich längst wieder erholt. Sie war flatterhaft, von schalkhafter Laune, wie immer, und ich kann nur nicht begreifen, wie der verständige Oskar, ein junger Jurist, dieser heiteren, gesunden Sinnlichkeit genügen kann. Doch ist mir Oskar noch zu fremd, als dass ich ein bestimmtes Urteil über ihn fällen könnte. In seinem Auge glüht leidenschaft, nur der Nebel der Vorsicht scheint blöd und gleichgiltig darüber hinzustreifen.

"Wie geht's denn meinem unberufenen Chapeau d'honneur?" fragte Lucie, indem sie mir den Arm reichte. "Ich möchte nicht zum zweiten Mal eine Extratour mit ihm tanzen, er ist zu feurig, zu wild, flammender als Ihr jungen Herren, die Ihr Euch schämen solltet!" – Sie gab mir mit dem warmen, feuchten Händchen einen Schlag auf die Wange. Ich küsste ihr die Hand.

"Das ist gut," fuhr sie fort. "Aus Ihnen kann noch etwas werden; ich an Ihrer Stelle hätte mir jedoch die Lippe zum Ruhepunkt gewählt."

Oskar stand am Fenster und warf heimliche Blicke auf uns. Die beiden christlichen Männer sassen am runden Tisch und disputirten eifrig über Sein und Nichtsein des Himmelreiches.

"Lieber Sigismund," sprach Lucie, was halten Sie denn um der Liebe willen von dem Himmelreich? Seit drei langen Stunden brechen sich diese beiden vortrefflichen Menschen im geist die Hälse und zwar um die liebe Zukunft nach dem tod! Ich muss zwar lachen, aber 's wird mir auf die Dauer doch gefährlich; und wenn nun gar der sehr ehrenwerte Steinhuder Recht hat, so bin ich in grosser Versuchung, mich ganz gehorsamst für dies s e i n Himmelreich zu bedanken. Will der Mann nichts wissen von einem liebevollen Leben in seinem Himmel, nur gebetet, gesungen, gekopfhängert, und in einem fort biblische geschichte soll darin gelesen werden.

Ich suchte sie dadurch zu beruhigen, dass ich ihr versicherte, eben so wenig in diesen Himmel der Frömmler zu kommen, als sie, deshalb würde Gott wohl ein Einsehen haben und den Himmel in zwei Teile zerfallen lassen, um die allzustrengen Anhänger einer immerwährenden kalten Ernstaftigkeit von den Verehrern einer freudigeren Art von Seligkeit zu scheiden. Denn anders wäre es, menschlich betrachtet, kaum möglich, einen fortdauernden Frieden aufrecht zu erhalten.

Lucie bekreuzte sich aus purer Gewohnheit, denn sie musste lächeln über meine Interpretation des Himmelreichs. Scherzend