. – Auch kann ich mich unmöglich grämen über den Verlust; denn ich besitze ja ein Herz, das Herz Auguste's, diesen sprudelnden Brunnen unerschöpflicher Liebe! Was geht mich im Genuss dieser Gewissheit die Welt noch an mit ihren grossen und kleinen Erbärmlichkeiten? Ach, ich fühle es, die Liebe macht egoistisch, rigoristisch, aristokratisch, Alles, Alles, nur nicht kosmopolitisch! Ich werde ganz irre am Laufe der Welt, an Demokratie und Freiheit. Ich weiss nicht mehr, was ich halten soll von mir und dem Streben derer, denen ich so gern meinen brüderlichen Kuss eindrücken möchte in ihr tiefstes Herz! Ach, Auguste, ich werde Dich noch hassen, weil Deine Liebe mich zur Apostasie verführt! –
Eben komm' ich zurück von meiner zweiten Bussfahrt, gestern hielt ich die erste, die süsseste! Glaubst Du, Raimund, dass mich Hunderttausende beneiden würden, könnten sie nur im geringsten ahnen, mit welchen tönenden Fittigen die Stunden um mich fliegen, die Nachtigallen der Zeit, während eine ewige Dämmerung um Himmel und Erde ihre heiligen Grotten baut? Erst im Zaudern der Geliebten lernen wir das Glück kennen. Die Erwartung ist der schöpferische Gott, der Genius aller Begeisterung, das Erlangen ist nur süsse Ermattung, keine reine, ewige Freude!
Aber Auguste ist consequent, reizend consequent, eine Philosophien nach allen Regeln der Logik, die im Kateder ihres Herzens der wunderliche kleine Professor, Eigensinn und Laune, mit meisterhafter Virtuosität vorträgt. Ephraim Klapperbein begegnete mir auf der Flur, sein Lächeln weissagte nichts Gutes. Er flocht einen Korb und hielt ihn mir, ziemlich fertig, entgegen, ein lustiges Lied vor sich hinbrummend. Eine halbgeleerte Flasche Moselwein stand auf einem umgestürzten Fasse, beinerne Würfel lagen daneben, Karten, Spielmarken, Bohrer und Pfriemen bunt unter einander. Mir ward gar seltsam- unheimlich, als ich den halbfertigen Korb erblickte. Gebe der Himmel und die Liebe, seufzte ich in der stillen Kirche meines Herzens, dass diese Symbole keine Bedeutung für mich haben mögen! Ephraim mochte meine Gedanken erraten, er biss die Lippen und lud mich ein, mit ihm auf die Gesundheit des fräulein Auguste zu trinken.
"Wollen Sie eins riskiren?" fragte Ephraim, griff nach einem Stückchen Weissbrod und drehte die Krumen zu Kügelchen. Dazwischen flocht er an seinem Korbe, trank Wein und brummte sein joviales Lied.
"Was soll ich denn riskiren?"
"Nur 'nen Wurf. Mögen sehen, ob Sie Kreuz kriegen oder keins."
"Gott behüte mich; es ist ohnehin Kreuz genug in der Welt! Wir schleppen seit Menschengedenken entsetzlich viel Kreuz mit uns herum, und werden weder froh noch satt davon."
"Schaun's!" rief Ephraim, "ich hab' doch 'n Kreuz geworfen und das freut mich, der Korb wird allerliebst werden!"
"Hole der Teufel Dich und Deinen Korb!" sprach ich im Stillen und griff nach den Brodkügelchen. Denn jetzt erst fiel mir's ein, dass es mit dem Kreuzwerfen eine ganz eigene Bewandniss habe. Am Rhein werfen alle Mädchen ihre Wünsche in Kreuze, und geht's nicht, rücken sie die verzogene Figur sehr naiv in die rechte Form. Das ist allerliebst von den rheinischen Mädchen. Wer doch so harmlos sein und auch Kreuze werfen könnte, um aus den gelungenen, graden oder schiefen die Erfüllung seiner heissesten Wünsche zu lesen! – Nun ich warf lauter schiefe Kreuze von der curiosesten Art; es wollte keins nach Wunsche gelingen, und doch fehlte es wahrhaftig nicht an Wünschen. Von Oben herab hörte ich Auguste's Silberstimme singen:
"kommt er nicht, so lässt er's bleiben
Gräm' ich mich doch nicht zu tot,
Andern auch gefällt mein Füsschen,
Meiner Wangen duftig Rot."
"Es ist gut, dass mein Korb bald fertig ist," sagte Ephraim. "Ich will mich dazu halten, damit Sie nicht warten dürfen. Denn Sie kriegen im Leben nicht, was Sie wünschen."
Ich stiess das Fass um sammt Würfeln, Karten, Wein und Gläsern und stürzte die Treppe hinauf. Ephraim lachte, jeder Andere würde geflucht haben. Die Rheinländer sind aber gebildete Leute, sie trinken keinen Schnaps, und das schützt sie vor brutaler Gemeinheit. Grob sind sie dessenungeachtet, aber es ist eine aromatische Grobheit. Sie duftet immer nach einer Art Grazie.
Vor der Tür angekommen, klopfte ich. Niemand rief, "herein!" auch die muntre Sangesweise war verklungen. Ich rief Auguste's Namen. "Sigismund?" flötete die stimme, deren Echo nie verklingt in meinem Herzen, des Nachts die wunderlichsten Variationen anstimmt und klimpert auf dem Harmonikord meiner zitternden Seele, "Sigismund, willst Du Busse tun?"
"Nein," rief ich, "küssen will ich Dich und nicht büssen!" Ich rüttelte an der Tür, sie war verschlossen. Meine lose Peinigerin lachte und sang wieder:
"kommt er nicht, so lässt er's bleiben."
Beinahe hatte ich angefangen zu schimpfen, doch hielt ich es für angemessener, mich auf's Bitten zu legen. Ich drückte meine fieberglühende Stirn an den Messingbeschlag der Tür und bat in den beglückkendsten Schmeichelworten um Erlass der Busse. Nur den Hauch ihres Mundes sollte sie mich fühlen, ihre Lippe sehen lassen, den blick ihres Auges untertauchen in den sich trübenden Schimmer des meinigen!
"Das ist billig,