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ich gewiss das unbedeutenste, ungraziöseste Compliment in Gesellschaft, weil mich's ergötzt, ein eifersüchtiges Grübeln über Deine Mienen hinwegklettern zu sehen. Ein Fegefeuer vor dem Eintritt in den ganzen Himmel unserer Gunst ist Euch harten Seelen sehr zuträglich. Eure Küsse sind dann wärmer, dauernder, beseligender. Es sind Sterbekissen unserer Seelen mit Goldfunken umsäumt. Auch die meine hofft sich darauf einzuwiegen in den wonnedurchflüsterten Traum des reinsten, glückseligsten Lebens! –

Nun, wirfst Du mir jetzt noch Zurückhaltung vor, Du böser Verführer? – Sieh, wenn ich des vorgestrigen Abends gedenke, so schlägt die Glut meines brennenden Herzens hell leuchtend an den bleichen Himmel meiner Stirn, und die Jungfräulichkeit meiner Empfindungen versteckt sich in die tiefsten Falten des Mieders, wie ein Kind, das sich vor der Strafe fürchtet. Es war sehr, sehr bös von Dir, Sigismund, dass Du Deinen Mund so misbrauchen konntest und bald eine neue Firmelung für Dich nötig gemacht hättest! – Aber ich kann Dir nicht lange zürnen, schmollen ist langweilig und mein ehrenwerter Cerberus, Klapperbein, hat einen so richtigen blick, dass er sogleich weiss, ob ich auf der rechten oder linken Brust Schmerzen empfinde."

"Willst Du mich besuchen, Sigismund? – Bitte, komm, aber nur bis an die Türschwelle. Wart', ich will nachsehen im Kalender, wie lange Deine Busse dauern soll. Nicht barfuss im Schnee und im Hemd sollst Du Busse tun, sondern recht anständig verhüllt, ganz sittsam und in der verzehrenden Glut der Erwartung. – Sehr gutsechs Tage dauere diese Qual, mein geliebtes Herz! Dann will ich den Riegel, wie von Geisterhand gelüftet, niederklirren lassen und farbiger Dämmerschein, wogend auf dem Blütenaroma meiner Lieblingsgewächse, soll Dich umschmeicheln. Dann suche, suche und irre umher in der durchdufteten Halle! Du stehst am Hochaltar der Liebe, die natur schwenkt in ihren Blumenkelchen tausend Weihrauchfässer, und die glimmernden Kerzen der Feuerfliegen leuchten mit sanftem Glanz zu dem heiligen Lebensfest. – Der Hohepriester aber legt das Gewand der Hohheit an. In stiller Andacht, wonnebeglückt, sehnsuchtumrauscht, wirst er das schwellende Gewand der Menschheit um sich. Es verschwindet die hemmende Sitte und nur die natur waltet frei. – Es ist Alles bereit zum erhebendsten Liebesdienst, und es liegt nur an Dir, mein Sigismund, wenn Du nicht hinsinkst in die Andacht des Genusses, betäubt, ohnmachtsüss, wonneschwelgend."

"hinweg mit aller Heuchelei zwischen Herzen, die ihren Pulsschlag schon gefühlt in unmittelbarster Berührung! Prüderie ist der Tod aller LiebeWillst Du mein Glaubensbekenntniss hören? Es ist einfach, so einfach wie ich, der Abdruck meiner innersten Gedanken. Nicht wahr, Sigismund, Du bist, was man so Protestant nennt? verstehe' ich das Wort recht, so bin ich eine sehr starke Protestantin, obwol ich mich für eine gute und fromme Tochter der alleinseligmachenden Kirche halte. Ich protestire eifrig gegen alle zierlichen Verührungen und liebe die Freigeisterei, die Keckheit in der Liebe. Freilich ein sonderbares Gemisch von Rechtgläubigkeit und Frivolität, die mir aber ganz wohlgefällt, weil sie reizt."

"Liebe, mein glühender Freund, heisst das erste und letzte Wort meines Katechismus. Das ist ein vieldeutiger, schwer zu interpretirender Ausdruck, und dennoch bin ich so leicht damit fertig, wie mit einem Kusse Kann dieser nicht die Stelle eines langen Commentars vertreten? – Ach, ist dies ein langweiliges Leben jetzt! Und nun vollends, seit ihr Männer so trübsinnig zerfallen seid mit dem Dasein und an nichts mehr eine heitere Freude findet! Was sucht ihr denn, Törichte? Freiheit, Ausgleichung verworrener Zustände, politische Reformen, eine Umbildung des socialen Lebens. Ich glaube, so ungefähr lauten die Titel zu den Klageliedern, die Ihr nun schon seit Jahren in verschiedenen Tonarten variirt. Sigismund, ich sage Dir und Allen, die Dir gleichen, dass ihr Toren seid, rechte blöde, mondsüchtige Toren! – Liebt, und Ihr seid frei, aber liebt menschlich-natürlich, nicht weltlich-frivol. – – Ach Du lieber Himmel, da hab' ich so eine Art Lästerung geschrieben, ich kann sie aber unmöglich wiederrufen, wenn ich ehrlich bleiben soll. Und nicht wahr, Ehrlichkeit gehört auch zu den Tugenden der Frauen?"

"Hast Du mich verstanden, Sigismund? Ich bin ziemlich unerfahren, schlicht und wenig bekannt mit der Qual des männlichen Lebens, aber eben deshalb glaube' ich ein Recht zu haben, schuldlos und unparteiisch meinen Rat hinwerfen zu dürfen in dieses freudenlose Schwanken und Irren. Versucht zu lieben, ihr Unglücklichen, liebt mit aller Genialität des Geistes, der in Euch bewegter ist, als in früheren Geschlechtern, und Ihr werdet gesunden!

Wir Weiber sind seltsam, wir fühlen auch das Unglück der Zeit, aber uns drückt es nicht nieder, wie den Mann. Das Weib hat Kraft, Alles zu ertragen, so lange sie lieben kann; nur mit der Fähigkeit zu lieben endigt ihr Dasein. Frevelt nicht, ihr europamüden Männer, an der Allmacht der Liebe, sonst vertilgt Ihr Euch selbst und Euren Tatendrang. Frei werdet Ihr sein, sobald Ihr es wagt, frei zu lieben."

"Die Liebe ist die Religion der Welt. Dies sollst Du lernen, Sigismund, nach abgelaufener Bussezeit. Warum schlingt sich diese Weltreligion so fest an einen gemachten Himmel, jenen unbestimmten Begriff alles Ungewiss-Schönen, Traumhaft-Erhabenen? Warum ist die Liebe so feig gewesen, sich