er ahnt noch nicht, dass ein unseliges Geschick ihn selbst triumphiren liess über den frommen Wahn des Andern. Eduard ist jener tolle Mönch Bonifacius, den ich aus dem Kloster gerettet habe, den die rasend gewordene Sinnlichkeit, zum Mörder seines Priors gemacht, in dem ich seinen Verführer zu erkennen glaube.
Mardochai aber, Mardochai, Du bist ein entsetzlicher Mensch! Denn glaube mir, Raimund, dass nur Rache an dem Christentum diesen stolzen Geist einen Glauben erfinden liess, der bei einzelnen Wahrheiten ein blendendes Gewebe verführerischer Dialektik ist! Ich kann nicht glauben, dass Gleichmut, dieser Mensch der Besonnenheit, jetzt den Betrug nicht merken sollte. Mardochai hat sich in der Tat Shylok zum Muster genommen und sein Pfund gerissen aus der Brust des christentum als Zinsen der Rache. Er hat einen seiner edelsten Söhne an den Rand des Verderbens gelockt und als Aschenhaufen mit kümmerlicher Flamme wie ein Irrlicht daran herumgaukeln lassen, um ewig zu zittern vor der Angst des Todes! Es ist eine grosse, poetische Rache des Judentums, aber dennoch entsetzlich! Und nun ist dieser Mardochai ein Handelsmann geworden! Wie liegt hier Ironie neben Ironie; wie springt ein verzweifelter Humor mit hellem Gelächter durch die Lebensgeschichte zweier Religionen in ihren Repräsentanten!
Morgen oder übermorgen verlasse ich diese Stadt der Dumpfheit auf einige Tage. Unterwegs will ich Bardeloh das Manuscript mitteilen, er soll mir enträtseln, was noch im Dunkeln liegt. Das Ende dieser Verkettungen, alle geboren aus der Unnatur europäischen, religiösen, socialen und politischen Lebens, kann kein friedliches sein. Ich beklage mich oft selbst, dass ich ein Kind heisse dieser Zeit und dieses Erdteils! – Aber wohin fliehen, um dem Gift misverstandener zivilisation, verkannter Glaubenslehren und boshaft verdrehter Menschenrechte zu entgehen? Kein Land ist so rein und heilig, dass die Gemeinheit sich nicht anranken könnte mit dem kletternden Finger ihrer reizenden Frivolität. Wie die Einfachheit das Bezaubernde der Tugend, so ist die Grazie das Verführerische des Lasters. Unschuld besticht durch Natürlichkeit, Sünde und Verderben durch den Glanz einer erheuchelten natur, der Koketterie! Dieser Verführerin entgeht kein Land und kein Volk, nur der sittliche Gedanke, dieser Augenstern der wahren Gotteit, mag sie verscheuchen, so lange er nicht ganz verdunkelt wird von der Trunkenheit des Augenblicks. –
Da erhalte ich einen Brief – er ist von Auguste! – Alles Elend wird mir entrückt, in weite, weite Ferne. Wie ein Wüstenbild nur steht es drohend am Horizont der umwälzenden Zeit, und wieder als leitender Magnet, zitternd bewegt und doch friedlich still, glänzt die Liebe mir entgegen und hüllt mit tausend süssen Träumen mich ein in das beseligende Sterbekissen aller Welt! – Ja, es ist und bleibt wahr – die Geliebte ist mein Erretter! –
7.
An Ferdinand.
Köln, den 23. August.
Sind die Weiber doch wunderliche Geschöpfe! Wenn sich alle Gefühle in ihnen nach Hingebung an den Geliebten sehnen, springt die Laune, dieser unablässige Begleiter aller Weiblichkeit, herbei und dictirt Bedingungen, Vorschriften, Verhaltungsregeln, als gälte es die Erhaltung eines künstlich regierten Staates. Glaube aber Niemand, dass in solchem Tun Entaltsamkeit liege; es ist nur Steigerung des Reizes, Vorgenuss der heiligsten Lust.
Die Weiber sind die Götter der Erde, die lebendig gewordenen gesetz jener schönen Religion, die allein unangefochten bleiben wird für immer. Unsere Religion nennt sich die Religion der Liebe. Seltsam! "Die Religion der Kälte" würde zuweilen bezeichnender sein. Liebe ist nicht denkbar ohne Hingebung, und wo diese möglich sein soll, muss Glut, Begeisterung und Auflösung in heilige Lohe als erstes und letztes Gesetz anerkannt werden. Gibt es eine Religion, die uns dies gewährt, die sich die Schönheit der Form zum Muster genommen für innere und äussere Ausbildung? Mir scheint, dem Gesetz der Liebe fehle zuweilen das Ueberzeugende. Die Sucht, recht äterisch und erhaben zu werden, hat die Flachheit geboren; es ist Alles kahl, glatt, sogar solid langweilig geworden! Nur die pulsirende Wärme des Fleisches kann Leben und Seele diesem zu geistigen, idealistisch-toten Wunderbau wieder einhauchen. – Aber höre, was mir Auguste schreibt, das seltsame Mädchen, voll unschuldiger Koketterie, ein Weib in jedem Gedanken!
Auguste an Sigismund.
"Wir werden uns nicht wiedersehen, trauter Freund, bevor Du nicht Busse getan hast. Du sollst zwar immer wissen wo ich bin, meine Tür aber wird für Dich verschlossen sein. Bist Du böse, mein Geliebter? Ich küsse das Wort, um Dich zu versöhnen. Aber was denkst Du von mir, dass es Dir in den Sinn kommen konnte, unter heidnischem jubel und Wahn so mir nichts Dir nichts meinen vollen Besitz erstürmen zu wollen? Jedes Mädchen ist ein verschleiertes Bild zu Sais. Kein Ungeweihter darf mit roher Gewalt den Schleier lüften, er sinkt sonst ohnmächtig zu Boden und seine Ruhe ist dahin für immer. –
Es ist unglaublich, Sigismund, was ich mir Alles einbilde. Was glaubst, was denkst, was rätst Du wohl? – Ich will Dir helfen. Da halte ich mich zum Beispiel für recht hübsch und stütze mich dabei auf Dein eigenes Urteil; auch klug bin ich zuweilen, schlau immer und boshaft nicht selten. Am meisten übe ich diese letzte süsse Tugend meines Geschlechts Dir gegenüber, trauter Freund! Ich muss necken, stacheln und reizen können, was ich lieben soll. Ihr Männer ärgert Euch freilich darüber, und das ist mir gerade recht. Dir, Geliebter, mache