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wie ein Skelett! –

Betäubung, Ekel, Widerwillen am Leben und Forschen hielten mich lange in tiefster Einsamkeit. Mardochai rüttelte mich endlich aus diesem dumpfen Hinbrüten auf.

'Geht Ihre Poesie schon zu Ende?' redete er mich mit derselben zurückgehaltenen, leidenschaftlichen Wärme an, die ihm eigen war. 'Sie fangen an zu kartäusern, ein unpassendes Spiel für einen Protestanten.'

Ich erzählte ihm meine Erfahrungen und legte offen und bloss den mit Asche bedeckten Heerd meiner Gedanken. Das ist ein Gemälde unserer christlichen Welt, schloss ich, 'an solch wurmgefrässiges Holz lehnt sich die Kirche.'

'Diese Entdeckung ist nicht neu,' erwiderte Mardochai. 'Betrachten Sie die Sache jedoch ruhig, als Christ, mit Liebe, Duldung und unparteilichem Auge! Gehen Sie Lehre und Leben durch und ziehen Sie Parallelen zwischen beiden. So lange Sie trennen, wird keine Einheit geboren. Das Leben im Genuss sinnlicher Lust, ist's etwas anderes, als die in heiliger Umzäunung verrückt gewordene Liebe? Mögen Sie's dem Menschen verdenken, dass er an der natur sich erheben will, wenn ihn zuvor die Unnatur herabgewürdigt hat durch Demut zur Carikatur des Hundes? Lieber Freund, ich finde, Sie sind ungerecht! Harte gesetz verlangen raffinirte Witze, um sie unschädlich zu machen. Besässe ihre Kirche keine Wissenschaft der Moral, so hätten Sie keine Unmoral zu bekämpfen; ohne Ascese gäb' es keinen outrirten Wollustgenuss. – Wo wollen Sie hin mit Ihrem Seufzer über Sündhaftigkeit? Es ist keine Sünde, was sich der gesunden Vernunft als notwendige Folge einer törichten Vorschrift zeigt. Auch der begabte Mensch tut aus Instinkt, was aus Freiheit zu tun ihm seine papiernen Herrscher verbieten. Es ist bloss das jus talionis, das er an sich selbst, dem ursprünglichen Frevler, vollzieht. Dass Untergang des Gestraften oft eng damit verknüpft ist, gehört unter die vielen tragischen Witze, die der Schalksnarr Gottes oft auf Kosten seiner eigenen Ehrlichkeit an dem rand der Weltgeschichte reisst. Auch Gott ist humoristisch, wenn er verdriesslich wird! –'

Mit diesem vernichtenden Troste verliess mich Mardochai. Ich begann zu feiern in der Poesie des Liebesgenusses und suchte mein gefoltertes Herz im Forschen nach Wahrheit zu erfrischen. Das Leben der Vergangenheit und Gegenwart brachte ich unter die Lupe meines vernichtenden Gedankens. Beide nahmen gleiche Gestalt an, die geschichte war und blieb Kokette von Anfang bis zu Ende, das christliche Element schmückte sie nur aus zu haltbarer Liebenswürdigkeit. Mardochai's Worte fanden Bestätigung in allen Nuancenich war beruhigt; denn geschieden auf immer ward von stunde an in mir Mensch und Priester.

Die Liebe lag, wie eine Jungfrauenleiche mit gebrochenen schönen Augen auf dem blutroten Sarge meines Herzens. über sie gebeugt streute die Unschuld die letzten Sonnenfunken ihrer Herrlichkeit, dann sank sie zusammen, ein farbloser Schleier. Sie ward zum Grabtuch für Liebe und Herz. Eins verging und verweste mit dem andern.

Von jener Zeit an datirt sich die Zeit meines ungetrübten Glücks. Leidenschaftlich bewegt für alle Interessen der fortschreitenden Menschheit, war ich teilnahmlos als Lehrer derselben. Ich konnte nicht mit überzeugung Christ sein, weil ich o h n e überzeugung Kirchendiener war. Das Menschentum stand ausgeschlossen von beiden, wie ein betender Zöllner an der Schwelle des Tempels. Ein dumpfer, schrillender Ton fuhr wie Memnonsklingen durch die gewitterschwüle Luft meiner Gedanken, und schlug die Rosenflügel eines neuen Morgens auf in meinem Herzen. 'Heuchele,' sprach die stimme des Gottes der Welt in mir, 'heuchele der Moralität zu Liebe und erringe auf protestantisch-jesuitischem Wege der Zukunft und ihren Kindern, was Offenherzigkeit dem bornirtem Umherblinzeln der Gegenwart nicht anbieten darf. Schicke dich in die Zeit, sei klug und in der Klugheit glücklich!'

Es fehlte mir nicht an gelegenheit, die Trefflichkeit dieses Grundsatzes praktisch zu erproben. Die Meisten von denen, welche sich der Teologie ergaben, waren geistesarme, beschränkte Menschen, denen eine dereinstige Anstellung und leiblich solides Auskommen das höchste Ziel aller Wünsche blieb. – glückliche Einfalt, Göttin der Dummheit, warum verehrst du nicht Jedermann bei zeiten eine warm wattirte Schlafmütze, dieses Ruhekissen der Gedanken, unter deren Knistern wohltätiger Schlaf auf die armen Schlucker herabfallt? – Die Wenigen, deren gleiche Zweifel die Seele zerrissen, wussten nur auf ähnlichem Wege mit mir Befriedigung zu finden. –

Immer damit beschäftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, das geeignet sein könnte, die Welt aus jener misslichen Lage zu befreien, in die sie gerückt worden ist durch verstellte Frömmigkeit und unbegriffenen Bekehrungseifer, glaubte ich es gefunden zu haben in dem stillen Untergraben der Gläubigkeit. Man darf nur gleichgiltig, teilnahmlos auftreten, um Kälte zu erzeugen. Das tödtet, das mattet wenigstens ab, und wo Schlaffheit eintritt, ist der umgestaltenden Kraft bedeutend vorgearbeitet.

Mit dieser überzeugung ward und blieb ich Teolog. Mein Leben unterwarf ich keiner Aenderung. Ich setzte es jetzt aus Verachtung der zukünftigen Abgeschlossenheit fort, wie ich es früher begonnen in begeisterter Liebe. Seltsam nur und bitter ironisch war mir der Gedanke, dass ich gerade im Gegensatze von dem, was Eduard als Heiligendes und Vollendendes anerkennen zu müssen glaubte, m e i n e Heiligung und Vollendung ohne langes Suchen gefunden hatte. Ich sehe mit Verlangen dem Ablaufe des fünfzehnjährigen Cyclus entgegen, um Gewissheit darüber zu erlangen, wer von uns beiden der Glücklichere geworden sein wird." – Hier breche ich abermals ab, Du wirst ohnehin genug zu denken finden an dem Mitgeteilten. Der arme,