dass alsdann Ihre ganze Religion, das Christentum mit seinen hundert Ablegern und Aesten, als die consequenteste Unmoralität in der geschichte der göttlichen Schöpfung dastehen würde, weil grade durch diese grösste Tat des Geistes alles früher für heilig Geachtete umgestossen und vernichtet wurde. Es ist nichts leichter als dies, aber auch nichts wahnsinniger, als ein solcher Einfall. Nur im ewigen Umsturz des als absolut moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes, der Ortodoxie und Bigotterie, gehüllt in die aschgraue Livree der Bornirteit, Verteidigten, liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralität der Weltgeschichte.'
'Diese Deduction, mit der schlauen Unbefangenheit jüdischer Skepsis vorgetragen, entschied über mich. Mardochai dolmetschte meine Gedanken, Gefühle, Empfindungen. Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh' eine Stunde verging, lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gotteit, dessen Namen zur Bezeichnung leiblicher Schönheit in allen Weltteilen bekannt ist. Vielleicht wäre ich nicht gefallen, hätte nicht Mardochai den Stachel der Lust listig zu schärfen verstanden durch die Poesie der Situationen. Als es längst zu spät war, begriff ich erst, mit welchem Vorbedacht mich dieser schweigsam zürnende Mensch verführt hatte.' –
Eine dämmernde Mondnacht zitterte über Flur und Stadt. Mardochai sprach mit so folternder Ruhe, dass ich ihn vor Ungeduld hätte ermorden können. Er führte mich in ein abgelegenes Haus. Ringsum die geheimnissvollste Stille. Ein Zimmer, klein, reinlich, von Ambraduft durchzogen, öffnete sich. Auf dem Ofen, der in Adlergestalt sich erhob, glommen noch die Ueberreste der Kohlen, von denen das Räucherwerk verzehrt ward. Kein Licht brannte, nur der Mond dämmerte still und heimlich durch die halbgeschlossenen Jalousien. Am Fenster stand ein Bett, mit weissem Seidenstoff überzogen.
'Treten Sie näher,' sagte Mardochai, 'wenn es Ihnen hier gefällt.' Mit sanfter Gewalt stiess er mich hin zum Lager. Eine geschickte Handbewegung schlug die Jalousien am Fenster zurück, das volle Mondlicht erleuchtete Zimmer und Bett, ich erblickte in stillem Schlummer eine schöne Frauengestalt. 'Eugenie!' rief Mardochai laut. Die Schlummernde regte sich, im nächsten Augenblick umschlang sie mich mit warmem Arm – ich erlag der Aufregung – Eugenie, das schönste Weib, das je mein Auge erblickte, gab mir den Himmel, um mein Herz der Hölle als Pfand zu überreichen. – Mardochai war verschwunden. Ich hörte seine stimme erst wieder, als die Morgenröte mich übergoss mit dem erborgten Purpur der Scham, die ich nicht mehr kannte. Eugenie ruhte neben mir; – es hätte ein Gott straucheln können bei diesem Reiz der Schönheit! –
'Mardochai!' rief ich, 'Mardochai, wo bin ich!'
'Wo Sie fortan immer sein können, wenn Sie in dieser Nacht gefühlt haben, dass ein mutiges Uebertreten weniger schmerzhaft ist, als ein feiges Folgen.'
Und von stunde' an ward Eugenie, Mardochai's Geliebte, wie ich erst späterhin erfuhr, auch die Meinige. Die Eifersucht kannte Mardochai nicht, ob aus Klugheit, Diplomatie oder sonstigen Gründen, habe ich nie ermitteln können. – Das sinnlich glühende Fleisch ward nunmehr meine Speise, die ich von stunde an in welteiliger Begeisterung mir reichen liess von der schönsten Priesterin der natur. Ich hing in süsser Verzückung an den Brüsten, die Weisheit spendeten in der Glut ihrer schwellenden Bewegung. Ich betete an in Liebe die Schönheit fleischgewordener Göttlichkeit und suchte den Himmel mit seiner äterischen Liebe zu begreifen in auflösender Umarmung. Ich ward ein Schüler Mardochai's und folgte doch nur meiner überzeugung. Die Lehre der Ascese zu verstehen, das geheimnis heilig gewordener Menschen zu fassen, lebte ich wie ein Bacchant in unstetem Rausche. Kein Gedanke der Reue warnte mich vor diesem gefährlichen Dasein. Es war Liebe und nur Liebe, die mich führte, trieb, geisselte von Genuss zu Genuss. Ich glaubte tief zu fühlen, dass nur derjenige das Leben verstehen könne, der es genossen habe wie ich; ob ich nach solchen Wollustbädern auch ein Lehrer der Liebe würde sein können, daran dachte ich nicht, wenn die schäumende Flut des Genusses in tausend scherzenden Perlen über mich zusammenstürzte. –
Es lag eine hohe Poesie in diesem Leben. Keine spätere Zeit hat mich so duftig umhaucht, wie jene, ganz an die Unschuld der entfesselten leidenschaft hingegebene. Mich riss nicht die Gemeinheit an den wollüstigen Leib der Schönheit, sondern eine Anschauung der Welt, die irrig sein mochte, aber mir doch erhaben schien. Erst später, als sich eine Art Besonnenheit, wie der Spion umherschleichender Satanstücke in den Rausch mischte, ergriff mich ein Schwindel der Feigheit. Ich sah mich umgeben von ähnlich Handelnden, aber anders Denkenden. Da schauderte ich, zog mich zurück, ward schwermütig. Der Leichtsinn meiner Genossen suchte mich auf, es kam zu Erklärungen. Meine fragen wurden mit bornirter Gutmütigkeit beantwortet oder mit ekelhaft gemeiner Frivolität. Diese Rotte schnobberte am sinnlichen Leben umher, wie ein Hund, der die Küche wittert am Duft der speisen. Das war keine Poesie, kein süsses zauderndes Entschleiern der Geheimnisse der Menschennatur – das war nur gemeines Schwelgen in grober, entarteter Sinnenlust. –
'Man muss sich's mitnehmen, weil es gelegenheit gibt, später tritt die Ernstaftigkeit und die Strenge der Lebensregeln ein.'
So sprachen Hunderte der Jünger des Herrn, unbewusst den Fluch ausstossend über sich selbst und ihre Genossenschaft. Es war die nackte Wahrheit, nur in grasser Wirklichkeit hingestellt