? Den möchte ich sehen, junger Freund, der sein Herz zerschmetterte, wenn er es retten könnte durch einen zornigen Ausruf gegen dasjenige Wesen, dem wir die Ehre der Schöpfung zugegestehen. Ich weiss, dass die Masse lieber die Perle ihres Rosenkranzes küsst, als den süssen Mund der Geliebten; dass sie frivol wird auf Kosten sanctionirter Untugenden, ehe sie frei und mutig in dem ewigen Lebenselemente die geschwächten Glieder badet. Halten Sie dies für Religion, so fürchte ich sehr, Sie reden oder fühlen sich nur aus Langweiligkeit gewaltsam in ein Weh hinein, von dem Ihr rein menschlicher teil nichts empfindet. So lange Sie fest kleben an der Convenienz irgend einer Societät, entschlagen Sie sich des Gedankens, als seien Sie mit berufen, den Opfertod zu sterben für die Befreiung eines Geschlechts, das nur noch ein Flechten- und Moosleben führt. Sehen Sie hinüber an das Ufer! Dort liegen die zersprungener Glieder jener grossen Tatenkette, womit die Römer das Schicksal einer ganzen Welt an sich banden. Was hat sie zersprengt und rostig umhergestreut in allen Ländern, wo zivilisation herrscht? Nichts als die Tat, die man ihnen entgegenstellte. Wären unsere Vorfahren elende Schwächlinge gewesen, wie wir, entsittlicht durch das Gift des feigen Gedankens; sie hätten nie der Tatkraft Roms sich widersetzen können! Wer etwas vollbringen will, mein Freund, der darf sich durch die winzigen Scrupel der Gewissenhaftigkeit nicht beengen und abschwächen lassen."
"Sie sind also in der Tat willens, den Mord, und zwar Selbstmord, als Rettungsmittel zu empfehlen für unsere jetzigen Zustände?"
Bardeloh lächelte mitleidig-ironisch. O, könnte ich Dir sagen, wie mich dieses Lächeln zugleich entzückte und zermalmte! Nur die Welteiligkeit, umflossen von der Glorie eines Märtyrtums, wofür die geschichte bis jetzt noch keine Belohnung erfunden hat, vermochte sich in diesen Schmerzenszuckungen um Mund und Kinn zu flechten. Ich beneidete den gedankenbleichen Mann in seinen mephistophelischen Qualen. Ein Anderer vielleicht wäre schüchtern mit dem Beben tugendhaften Abscheu's davon geschlichen, indem er in Bardeloh die Gestalt des ewigen Verführers erblickt hätte; mir aber, – ja Ferdinand, ich rufe Dir's zu unter dem Purpurmantel, den eben die Sonne mildtätig über die entzückenden Gefilde dieser Rheinlandschaft faltet – mir erschien er als ein Prophet, als ein Johannes der Täufer, der vorausgesandt worden dem Christus des neuen Jahrhunderts! – Da stand der bleiche Mann an dem keuchenden Schlot, unter ihm seufzte die dämonische Maschine, der schwarze Rumpf des Schiffes durchbrach die wallende, grüne Flut des Stromes und stürmte, wie ein infernalischer Vogel, mit seinen blutroten Flossen durch das schimmernde Krystall. Da stand er, der bleiche, unglückliche Sohn unsres Jahrhunderts, das in unnatürlicher Brunst die Keuschheit seines Herzens abgetödtet an sich selbst. Ich sank auf das Kajüttenfenster, denn es war mir nie klarer geworden als jetzt, dass Tausende und Abertausende mit diesem Bardeloh sich nicht emporarbeiten können zum frohen, lichten Tatendrange, weil die Kette der Ohnmacht angeschweisst worden an das warme Fleisch ihrer Herzen!
Nach langem Schweigen trat Bardeloh wieder zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter. "Sie sind noch ein schuldloses Kind in Ihrem Jammer," sprach der seltsame Mann. "Ich würde mit Ihnen sprechen von meinen Hoffnungen und Befürchtungen, aber ich muss ausrufen wie Christus: 'Ihr könnt es noch nicht tragen!'"
"Mord, Selbstmord!" stammelte ich halblaut vor mich hin, während Bardeloh's Worte klagend durch meine Seele schrien.
"Wer spricht von Selbstmord?" erwiderte mit der Sicherheit des klarsten Bewusstseins mein neuer Bekannter. "Eine Tat ist kein Mord. Tun Sie etwas, geisseln Sie die Menschen bis auf's Blut zur Tat, sein Sie ein Despot der Freiheit, und lassen Sie die scharfen Drachenzähne der Freiheitspeitsche tief einhauen in das Fleisch der Sklaven fluchwürdiger Erschlaffung; so morden Sie nicht, sondern befreien bloss. Hat ein Mensch die Rückenmarkschwindsucht, weckt nur der glühende Stahl das verdorrte Lebensmark, oder glauben Sie, dass eine schwindsüchtige Welt mit Pfefferkuchen und Marzipan zu heilen sei? Schlagt sie in die glühenden Ketten der Scham, so wird sie gesunden!"
Hier klang wehmütig klagender Hörnerruf von dem linken Rheinufer herüber und hüpfte von Fels zu Fels, von Berg zu Berg, vielfach gebrochen auf der Tonleiter des Echo in die Ferne. Das Schiff steuerte vorüber an den Klippen des Lurlei. Bardeloh's Auge schien die Töne zu trinken; er horchte lange den fernzitternden Schwingungen der beschworenen Rheinnymphe, sah stumm und kalt das Schiff über den Strudel des wilden Gefährts brausen und stieg dann hinab in den unteren Raum zur Maschine, in dessen glühender Atmosphäre die Arbeitenden wie Kyklopen von Glut und Asche gebräunt die bewegende Flamme unterhielten. –
Rosalie hatte keinen teil genommen an meinem Gespräch mit ihren Gatten. Schweigend genoss sie die vorüberziehenden Reize der Ufer und schien übrigens viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie dem lebhaften Verkehr der manigfaltigen Fremden hätte Interesse abgewinnen können. Durch mein Bekanntwerden mit ihr hielt ich mich für berufen, sie als eine Schutzbefohlene zu betrachten und nahm wieder Platz an ihrer Seite. Sie gewahrte mich kaum, als sie teilnehmend und bewegt nach Richard fragte. Beruhigt durch meine Antwort fuhr sie fort, mir einiges Nähere über ihren Gatten mitzuteilen, wobei sie jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging, was mich tiefer in die geheimeren Verhältnisse ihres gegenseitigen Lebens hätte blicken lassen. Ich erfuhr, dass sie aus Wiesbaden zurückkehrten, wo sie während