natur. Was die natur verlangt, ist, jedem Sittengesetz oft zum Trotz, immer das Weltmoralische. Man versuche es und zwinge ihr Fesseln auf, sie rächt sich früher oder später! Gibt es nun Satzungen in der Welt, die Klugheit und Politik für notwendig erachteten, oder an deren Befolgung gegenwärtig das Geschick ganzer Nationen gebunden ist – gut: so befolge man sie als öffentlicher Mensch! Die natur hat ihren Tempel für sich, ihre Priester und Priesterinnen. Habt Ihr keine Scheu, dem Gesetz der Klugheit die verborgene Sittlichkeit Eures individuellen Menschen aufzuopfern, so sehe ich nicht ein, was Ihr anstehen wollt, im vollen Arm der natur einen Freudenbecher zu leeren, der Euch die Leiden und Mühen eines erkünstelten, angelernten Lebens leichter ertragen lässt. Scheidet das Gesetz, sei's heilig oder profan, den Menschen in zwei Wesen, so ist es Pflicht der natur, die Geschiedenen in neuer Schöpfung zu vereinigen. Als Teolog – das Bekenntniss wäre für mich kein Hinderniss – würde ich in den Jahren, wo es meine Kraft erlaubte, den Reiz der Weltlust, dem sinnlichen Leben geben, was es verlangt, um später desto freier, umsichtiger, durchlebter, der stillen Gottesbetrachtung obliegen zu können.'
'Die Liebe ist das höchste Gesetz unserer Religion,' seufzte ich laut in die dunkler herabstürzende Dämmerung.
'Das ist's, was mich von jeher zum Christentum hingezogen hat,' versetzte Mardochai. 'Wäre ich nur nicht ein wunderlicher Kauz, so würde ich mich taufen lassen, allein – ich halte nichts von Ceremonien bei einem Religionswechsel. Ohne Taufe will's nicht gehen, gut, so bleib' ich Jude.'
'Ich fürchte, Mardochai, Sie verwechseln den Begriff der christlichen Liebe mit dem der weltlichen.'
'Diesen Einwurf konnte ich erwarten, ich will Sie aber beruhigen. Scheinbar mag ein Unterschied bestehen zwischen geistiger oder christlicher und weltlicher oder sinnlicher Liebe. Der Unterschied liegt aber nur in der Einbildung. Scheidet nicht, so habt Ihr Einigung, und wollt Ihr consequent sein in der Befolgung Eurer Vorschriften, so müsst Ihr auch sinnlich lieben können mit einer Andacht und Inbrunst, die der geistigen Liebe nichts nachgibt.'
'Daraus würde eine wollüstige Religion entstehen.'
'Nichts weniger,' fuhr Mardochai fort. 'Liebt Ihr Euren nächsten wie Euch selbst, so werdet Ihr doch wohl auch d i e Nächste nicht ausschliessen von dieser demokratischen Gesinnung. Liebe ist Hingebung, Aufgehen des. Einen in den Andern, sei's im Geist, sei's in der Glut sinnlich zitternder Andacht! Und wäre ich ein christlicher Lehrer, ich würde mich hineinstürzen in die glühendste Woge der Liebe, um in der Lust bebender Sinne, in Kuss und Umarmung einen Massstab zu finden für meine dereinstige geistige Liebe, die ich predigen soll dem volk der Verblendung. O, dass ich kein Christ bin, ich Elender! Dass ich nur die Eine Liebe kenne und nicht die Seligkeit der Andern, die erst emporsteigt aus dem Genuss, der ihre Mutter ist! Das ist der Fluch Eures Gottes oder Propheten, der jeden Einzelnen meines Volkes verfolgt bis an das verachtete Grab. Danken Sie Ihrem Gott, dass er Sie zum Christen erschuf und Ihnen das Glück der Liebe eröffnete in all seinen entzückenden Reizen!'
Während dieses Gesprächs waren wir langsam wieder herabgestiegen von dem Kreuzberge. Die gesunde Begehrlichkeit meiner natur regte sich immer lauter und forderte ungestüm Gehör. Mardochai erbarmte mich, ich liess mich hinreissen von unzeitiger Weichheit und forderte ihn mit fieberischzitterndem Händedruck auf, fortzufahren. Die Dunkelheit der Nacht verbarg mir sein Mienenspiel, ich hörte nur den Sohn des rätselhaften, ewig jungen Morgenlandes. Er sprach, was ich längst mir zu gestehen nicht gewagt, aber von einem Dritten zu hören sehnlichst gehofft hatte.
'Sie werden es erfahren in Ihrem spätern Leben,' fuhr der Jude fort, 'dass beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist, nur hingestellt, um den Mut des Menschen zu erproben. So war's schon zur Zeit der Schöpfung. Ohne den berüchtigten Apfelbiss fehlte uns alle geschichte, mindestens alle Romantik des Lebens. Das für sündhaft Gehaltene ist das Poetische, die Schallheit der tagesflachen Wirklichkeit Heiligende. So auch mit der Moral. Versuch' Einer erst, diese Moralität in schönen Leichtsinn seines göttlichen Bewusstseins einzuhüllen und mit ihr davon zu laufen; glauben Sie wohl, es erfolge irgend eine Reue darauf? Nur die Schwäche bereut, weil sie nicht productiv ist in sich und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann. Wollten wir moralisch, tugendhaft, religiös sein im strengen Sinn dieser Worte; so wäre jede Productivität des Geistes eine Sünde, weil sie immer eng verknüpft ist mit dem Zertreten eines Festen, Gegebenen. Jeder Fortschritt wäre dann unmoralisch, denn in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden; jede neue Tat wäre eine Lästerung der geschichte, weil sie so frei ist, ohne Compliment sich neben oder über das Vorhandene zu stellen. Es dürfte überhaupt nichts Gedankliches mehr geduldet, alles eigentlich Lebendige müsste todtgeschlagen werden, und heilig allein, tugendhaft und religiös wäre nur der Automat und die Maschine. – Dies führe ich nur an, um zu beweisen, dass jedes Verbot eine versteckte Aufforderung ist, es zu übertreten. Seid mutig, keck, dreist und Niemand wagt es, Euer Tun unmoralisch zu nennen; wollen Sie mir aber Einwürfe machen, so bin ich so frei, Ihnen zu sagen,