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zwar nicht ein, wohl aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard, die uns seinen Eintritt in ein Kloster sehr wahrscheinlich machten.

Die Jugend hält sich nicht gern an Vergangenes; ihr grösster Reiz liegt im Erfassen des Augenblicks, der sie hinweghebt über Angst und sorge des Lebens. Nach einigen Wochen war Eduard vergessen, nur meine Wette trieb unruhig, wie ein Nachtvogel, in düstern Träumen um meine verdämmerten Sinne.

Die notwendigkeit oder, wenn man lieber will, ein ironisches Pflichtgefühl, zwang mich, dem Studium der Teologie Zeit und Kräfte zu opfern. Anfangs vermeinte ich noch immer, es würde sich, aller Widersprüche ungeachtet, die der wahrhafte Mensch in mir gegen die starre Inquisitionsmiene dieser und jener Lehre erhob, ein Weg stiller Vereinigung ausmitteln lassen, doch mein Hoffen blieb vergeblich und erfolglos. Die Lehrer waren zu sehr befangen in Engherzigkeit. Das, was ich das Urmenschliche nennen möchte, und was zugleich der glänzendste Abdruck der Gottähnlichkeit in uns ist, war längst erblindet von unablässigem Gebrauch, den die solide Gewöhnlichkeit davon gemacht hatte. Mangel an schöpferischer Gedankentiefe und ein Hang zur Bequemlichkeit, die jedem Gelehrten anhängt, liessen sie nicht den Zwiespalt erkennen, der zwischen dem Gelehrten und dem Angeborenen entstehen musste. Freilich war auch die Mehrzahl derer, an die das totegewöhnlich sagt man das 'lebendige' – Wort gerichtet ward, von zu gemeiner Constitution, um zu erkennen, woran es gebreche. Die Masse der Menschen, auch der gebildeten, will nichts, als sich Fremdes zu eigen machen. So Zugeeignetes, wenn es das Aussehen geistiger Färbung hat, nennt man Gelehrsamkeit, und wer die grössten Schober davon um sich aufhäuft, erhält den Beinamen eines tüchtigen Kopfes, eines talentvollen Menschen. O, der Schmach und Verläumdung des Heiligsten in uns! Als ob der Esel, welcher vermöge seines Knochenbaues im stand ist, die grössere Last zu tragen, dadurch auch befugt werde, einer höhern Ordnung der Geschöpfe anzugehören. Wahr ist es freilich, er bekommt weniger Püffe! –

Mir regte diese Art, Vorgetragenes als wahr hinzunehmen oder durch öfteres Betrachten dafür zu halten, die Galle auf, und je deutlicher ich sah, dass, wie fast in allen Wissenschaftendie Medicin etwa ausgenommennur das Mechanische als das Grosse und Wahre auch in der Teologie docirt, abgefragt und geachtet werde, desto heftiger ward die Opposition dagegen in mir. Da ich keinen fand, der mir Rede stehen wollte, meine Zweifel löste und die verzehrende Unruhe stillte; so ging ich mit mir selbst zu Rate. In stiller Einsamkeit fand ich nun geschieden den reinen Menschen von dem starren Teologen, und in wie fern dieser als bevorzugter Repräsentant aller christlichen Lehrsätze betrachtet ward, zugleich auch von dem gewöhnlichen Christen. Denn es konnte mich nicht beruhigen, dass Reinchristliches von dem Dogmatisch-Begründeten eben so weit abstehe, als die Sonne von der Erde.

Ich empörte mich oft vor mir selbst, wenn ich meine gesunde Vernunft hinableuchten liess in diesen Wust von Satzungen, wo jede Gesundheit des Geistes verkümmert. Ich konnte mich eines bitter-wehmütigen Lachens nicht entalten, wenn ich das Auge aufschlug zu dem blauen Himmelsgewölbe, das tiefsinnig wie das niedergeschlagene Augenlid der Gotteit über mir hing, sich schämend der Geschöpfe der Erde! – Gern wäre ich umgekehrt und hätte einen Weg verlassen, der nach allen Seiten hin mich nur zu einem abgeschwächten, eingebildeten Glück, oder zu einem elenden Untergange führen musste. Schon war ich entschlossen, ihm zu entsagen; da bedachte ich, dass es wohl grösser und edler sei, darauf zu verharren, vielleicht wäre ich bestimmt, beizutragen zur Aufklärung dunkler Zustände. Der böse Geist eines zweideutigen Ruhmes umdüsterte mich, ich gab nach, ich sah mich als Märtyrer für das geistige Wohl einer halben Welt dastehen, und schwur Treue dem, was ich doch von ganzem Herzen nicht achten konnte.

Dies war meine erste Ordination zum Geistlichen, zum Gottesgelehrten. Mein Entschluss stand festich wollte g a n z Mensch sein und g a n z Teologwie sich beides bei meiner zerbröckelnden Characteranlage mit einander werde in Einklang bringen lassen, blieb mir noch unklar.

In dieser Zeit innerer Zerrissenheit, in der die Unschuld des Menschen mit der Befleckteit der geschichtlichen Teologie rang, trat der Jude Mardochai langsam meinen Kreisen näher. Es hatte dieser Mann mit der Jugendlichkeit seiner morgenländischen Phantasie etwas Bewältigendes für Alle, die in engere Berührung mit ihm kamen. Mardochai war voll geistiger Regsamkeit; ich habe nichts gekannt, was seiner Fassungskraft zu schwer gewesen wäre. Er liebte die Kunst, namentlich die Poesie und Musik und wählte seine Freunde so, dass diesen mannigfachen Gelüsten durch die Wahl selbst schon eine Befriedigung erwuchs. Seine unablässigen Begleiter waren Friedrich, Casimir und ich; doch schien er bei dieser Auswahl sein geheimstes Augenmerk nur auf mich gerichtet zu haben, während die andern Beiden mehr das aufflakkernde Kunstmoment nähren und unterhalten mussten. Mardochai war bewandert in den heiligen Büchern seines Volkes, er kannte genau die Lehren des Talmud und hielt sich streng an die Vorschriften seiner Religion. Dies fiel mir auf, da ich wohl bemerken konnte, dass nicht überzeugung, sondern nur Gewohnheit, wo nicht gar schlaue Berechnung, ihn zu so widersinniger Pflichtübung vermochten. Seltsamer Weise deuteten einige Bemerkungen in unsern Gesprächen darauf hin und Mardochai berührte mit frivoler Grazie Gegenstände, die eine sinnliche, leicht erregbare natur zu wilder Glut entstammen mussten. Der beabsichtigte Eindruck blieb nicht aus; er sah mich zittern,