Seele, dennoch liess ich mich nicht verführen. Ich wiess den dienstfertigen Geist ab und suchte eines andächtigen Gedankens habhaft zu werden.
"Gib acht, Sigismund," sprach Felix, "der Bischoff hat schon die Monstranz in den Händen."
Der aufmerksame Knabe hatte richtig prophezeit. Lautes Geläut brach sich an dem Gewölbe, die Menge stürzte blindlings auf die Knie, wider Willen ward ich mit niedergerissen. Als wir uns wieder erhoben, fuhr Felix fort zu plaudern:
"Wissen möchte ich doch, ob im Himmel auch Messe gelesen wird?"
"Es kann uns gleichgiltig sein," versetzte ich.
"Nein, Sigismund," erwiderte der Knabe, "mir wär's gar nicht gleichgiltig. Denn ich sehe nicht ein, wo die Menschen alle hinsollten mit dem Kniebeugen, und wenn sie übereinander fielen, müsst's doch recht curios lächerlich sein im Himmel."
"Ist das Dein Ernst, Felix?"
"Ja, Sigismund, man darf's aber nicht laut sagen." –
Mir ward zu eng. Der dampfende Weihrauch erregte mir Schwindel, ich wandte mich dem Ausgange zu. "Mutter," rief Felix leise, "wir gehen fort, ich mag den Leib des Herrn nicht räuchern sehen."
Rosalie lag in Andacht hingesunken im Betstuhl. Sie hörte die kindische Bemerkung ihres Sohnes nicht, sie war in der Tat noch glücklich! Nur das Weib in der Reinheit seines geistigen Seins, auch hier die Empfangende, kann sich ohne Argwohn der Innigkeit einer künstlich erregten Begeisterung überlassen. Dem mann, diesem suchenden, forschenden und zerstörenden Ableger der Gotteit, sind jene künstlichstillen Freuden des Seelenlebens nicht mehr verstattet in der Gegenwart. Ich meines Teils glaube sogar, es gibt von natur gar keinen religiösen Mann mehr, und was sich in ihm noch dafür halten lässt, ist zur Religion gewordene Gewohnheit oder ein Aufnehmen des Weiblichen durch Entsagung kräftiger Männlichkeit. Auch besteht die Religion des Mannes jetzt mehr in der Tat, als im Gebet, und nur, weil unsere Zeit zu weibisch geworden, ist sie zu schwach zur Production einer gewaltigen Tat. Der Mann, welcher den Dom zu Köln erbaut hat, ist gewiss kein Frömmler, kein religiöser Beter im Sinne der Gewöhnlichkeit gewesen. – Niedergeschlagen, schweigsam, und fast, möchte' ich sagen, zerrissen, weil ich nicht glücklich sein konnte, wie Rosalie, kehrte ich an ihrer und Felix' Seite nach haus zurück. Es war gut, dass der Knabe mich durch sein kindisches Plaudern unterhielt.
Des Nachts.
Indem ich jetzt in heiliger Nachteinsamkeit das heute Morgen an Dich Geschriebene wieder überlese, beschleicht mich der Gedanke, ich sei zum Gotteslästerer, zum Heretiker geworden, ohne es zu wissen und zu wollen. Die Unergründlichkeit unserer geistigen natur ist die Säugamme unseres Elends! Wir Alle suchen umher in den verstecktesten Winkeln des Lebens nach einem Rettungswege aus diesen dunklen Labyrinten, die Weltirrtum und Weltforschung über uns hingebreitet. Der Zorn über unsere eigene Ohnmacht zupft die liebe Vernunft bei der Nase, und im liebevollen Hingeben unseres Selbst an das vermeint Göttliche brechen wir die Säulen wie der blinde Simson und begraben uns unter ihren tönenden Trümmern. Es muss, scheint mir, noch viel gelästert werden, Raimund, ehe der Tag neuer Welteiligung über unser unglückliches Jahrhundert heraufleuchten wird. –
Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes emporsteigen sehe in den sternenbesäten Nachtimmel; so beugt sich der friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine, den sich eines grossen Mannes Begeisterung ausgemeisselt hat für seinen Gott. Dieser Bau weckt grosse Gedanken; der Angstruf einer verschütteten Welt stammelt wie ein Sterbender in mir, ich möchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglück, aber die Kraft will sich nicht erheben, weil der Einzelne in sich zu keiner Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann. Diese Impotenz ist entsittlichend und verweichlichend, weil durch sie die Männlichkeit anschwillt zur trägen, phlegmatischen Fettmasse. Bleibt wohl noch etwas anderes übrig, als Bardeloh's verzweifelnde Verachtung, Mardochai's auflösender Hass, des Mönches Wahnwitz, Friedrich's Blödsinn oder Gleichmut's raffinirte Selbstentweihung? Hier liegt der Todtschlag des Jahrhunderts, der Mord unserer Kinder, die Selbstentleibung eines müden, lebensmattenund satten Weltteils! O mir stürzen die Tränen über die Jammergestalt unserer Zeit, über mich, ihr unseligstes Kind, in die überwachten Augen! –
Es ist an der Zeit, Dir wieder ein Bruchstück aus Gleichmut's Lebensgeschichte mitzuteilen. Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein Seelenleben zergliedert. Dass es mir vergönnt wäre, diese Biographie von Religion, Cultus und kräftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu schreien! Vielleicht lernte sie wieder hören und bekäm' ein helles Auge und besseren Geschmack. Eine Restauration der gesunden fünf Sinne könnte ihr nur von Nutzen sein.
Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre
und Streben Irregeleiteten.
(F o r t s e t z u n g .)
"Das Verschwinden Eduard's stimmte mich anfänglich überaus lustig. Es war mir neu, zu sehen, wie ein Mensch, hingerissen von der finstern Macht einer fixen idee, die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklängen verlassen und freiwillig einer funfzehnjährigen Sklaverei sich hingeben konnte, aus der die Rückkehr zu den grössten Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Viele meiner sonstigen Bekannten spotteten gleich mir über den bigotten Schwärmer, waren aber in's Geheim der Meinung, der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm lustigen Kreise wieder erscheinen. Das Letztere traf nun