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, das ist wieder nicht meine Schuld. Du gibst mir immer nur Süsses und Angenehmes zu hören und zu essen, und wenn nun der Vater zu uns kommt, merke ich mir immer bloss das Bittere und Wunderliche, weil mir das etwas ganz Neues ist. Versuch's einmal und kehre die Gewohnheit um, da wirst Du Dich ganz wundern, wie ich mich dann über Deine Süssigkeiten erfreuen werde."

Rosalie küsste des Knaben Stirn und entfernte sich, um Toilette zu machen. "Da siehst Du's," wandte sich Felix an mich, "war das nicht hübsch von der Mutter? Hätte ich dem Vater so was gesagt, so würde ich bloss ein finsteres Gesicht dafür gekriegt haben. Ach, Sigismund, wenn Du den Vater heiter und lustig machen könntest, ich wollte Dich küssen, so herzlich wie Auguste."

Der tiefgefühlte Schmerz des so gut als verwaisten Kindes ergriff mich tiefer als manch' anderes, allgemeineres Weh. Es ist hart, dass ein schuldloses Kind in den Blütenmonaten seines Lebens so gewaltsam hineingerissen werden muss in den grossen Trauerzug, der eine halbe Welt zu grab geleitet. Dieses Ertödten der zarten Kindlichkeit erscheint mir grauenhafter als Alles, was uns bedrückt, und wollte man unsere Zustände durch alle ersinnlichen Fechterstreiche der Dialektik zu rechtfertigen suchen, ein einziges Kindesherz, das gebrochen und zerquetscht wird von den stillen, innerlich wühlenden Kämpfen, beweist die Verdorbenheit unseres Lebens. Jetzt erst fasse ich den Gram Bardeloh's, der ihn wie ein Erzittern der Nerven an der galvanischen Batterie durchbebt beim Anblick seines Kindes. Er fühlt, dass keine Rettung gegeben ist für ein harmloses Kindesherz, und dass die Pflicht, der Allgemeinheit zu Hilfe zu eilen, mächtiger ist als die specielle Vatersorge. Ein Mensch wie Bardeloh sollte nicht Vater sein! Dieser ironische Zufall kann den grossen Menschen zu einer Tat verleiten, die gewiss immer eine unsittliche bleiben würde, wenn auch der Conflict, aus dem sie geboren wird, ein milderndes Urteil fällen möchte. Versetze ich mich an Bardeloh's Stelle, nehme ich mit seinem Geist und seiner Stellung auch all' seine Schmerzen in mich auf, so fühle ich tief, dass ich als Vater entweder ein Tyrann aus Liebe sein könnte gegen mein Kind, oder freiwillig aus dem Leben zu scheiden für die grösste meiner Pflichten ansehen würde. – Wahrhaftig, kann der Einzelne, dem im Tiefblick seines Geistes die Monstrosität der Weltlage in zwerghafter Verkrüppelung klar geworden ist, nichts tun zur Errettung des Ganzen, so ist es wohl an der Zeit zu sterben. Ach, es ist weit gekommen in Europa! –

Felix begleitete uns nach dem Dome. Eine unzählbare Menschenmenge drängte sich durch das Portal, den langen gang hinab, dessen linke Seite von riesenhaften Fenstern durchbrochen wird, die uns in den brennendsten Farben die Kunst der Glasmalerei bewundern lassen. Man fühlt sich niedergedrückt, vereinsamt in diesem gigantischen Baue. Der ungeheure Raum verschlingt den blick, das Oede, Trümmerartige weckt tragische Empfindungen. Ein Gebäude wie der kölner Dom ist eine Tragödie des Mittelalters, die nicht fertig geworden und nun von allen Jahrhunderten besprochen und befühlt wird, ob sie sich wohl vollenden lasse. Es ist aber eine abgeschmackte, gotteslästerliche Torheit, sich mit einem solchen Gedanken nur zu tragen. Unserer Zeit fehlt die religiöse Begeisterung zur Vollendung, ja zum Verständniss eines solchen Baues. U n s e r e Dome sind langgestreckte, dünnleibige Fabrikgebäude. Die Begeisterung für das Materielle, reell Nutzbare harmonirt wenig mit dem erhabenen Schwung einer mittelalterlichen Phantasie. Dazumal hatte der productive Mensch in seinen Gedanken noch etwas Riesenmässiges, Himmelstürmendes. Er baute seine Wünsche aus zu Himmelsstiegen, die auch in ihrer Zertrümmerung noch grossartig genug sind, um den nachgebornen Geschlechtern Stoff zu klugen und unklugen Diatriben zu geben.

Wir traten in den hohen Chor, den einzigen vollendeten teil des Domes. Wie heisse Dankgebete stürzen sich aus der Tiefe der Muttererde die Springquellen der Säulen hinauf zum Himmel und vereinigen sich in tausend auseinander wachsenden Armen zur Palmenkrone des Gewölbes. Ein religiöses Gemüt muss beten können unter dieser steinernen Himmelsdecke, wem aber die Seele erkaltete in der Matterzigkeit des Weltlebens, oder, wer sich mit Ekel abwendete von der Profanation des Göttlichen, die wohl auch hie und da Jahrhunderte lang vollzogen ward in solchen Tempelräumen; der fühlt sich wie unter einem steinernen Sargdeckel begraben.

Ich weiss nicht mehr, mit welchen Empfindungen ich diesen Chor betrat, aber eine unaussprechliche Angst ergriff mich, als die Bigotterie kniebeugte und Kreuze schlug, und an dem Hochaltare, von tausend Kerzen erhellt, in den Nimbus des sündenverdeckenden Weihrauchduftes gehüllt, der amtaltende Bischoff sein lateinisches Formular herlallte Der Opferduft stieg hinauf in den ungeheuern Raum und kräuselte in blauen Wolken an der Wölbung.

"Macht uns denn dieser Rauch andächtiger?" fragte Felix.

"Gewiss, wenn wir glauben. Darum, Kind, bestrebe Dich nur zu glauben, so wirst Du Dich nie unglücklich fühlen."

"Da sprichst Du grade, wie der Vater," meinte der Knabe.

Ein Kirchendiener stiess mich an und fragte, ob ich das Grab der Heiligen drei Könige sehen wolle. Diese Menschen haben eine merkwürdige Gabe, die Fremden aus Hunderten und Tausenden heraus zu erkennen. Ich bemerkte, dass uns das Hochamt wohl daran verhindern möchte.

"Keineswegs, Herr Baron," versetzte der Cerberus der heiligen drei Schädelknochen, "ich bin jederzeit zum Herumführen disponirt."

Das,"Herr Baron," kitzelte zwar meine echt deutsche