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christlich liebende Brüder! Mardochai, der arme, vernachlässigte Jude wollte nur sehen, wie eine im Christentum geborne zivilisation sich gebehrde, wenn bei verschlossenen Türen ein durch die sogenannte Liebe gebrochenes Herz spiele, ein anderes tanze und ein drittes in wahrhafter Liebe weinendes dirigire. Mardochai hat genug gesehen. Der Jude bleibt immer noch stolz auf sein armes, verspottetes Bekenntniss; er mag nichts wissen von Eurer Religion der falschen Liebe!"

Still und stolz wie ein Prophet ging der Sohn des Morgenlandes durch die verblüfften Secten der Christenheit. Ihm folgte spielend der blödsinnige Friedrich. Bardeloh und Gleichmut waren die Einzigen, welche dem Verschwindenden in unterdrückten Seufzern den Hauch der Versöhnung nachsandten. Die Uebrigen sprachen, nickten und blickten ein finsteres Anatem über und auf ihn herab.

Fünf Minuten später war ich mit Bardeloh allein, die Diener löschten die Lichter. "Sigismund," sprach Richard, "Gleichmut hat Ihnen seine Lebensgeschichte gegeben, wie er mir sagte. Wir wollen diese zusammenlesen, aber nicht hier. In ein paar Tagen reisen wir den Rhein hinaus. Ich muss Luft schöpfen, wenn ich nicht ersticken soll im Gram dieses schmachvoll costumirten Europäismus!"

Auf der Strasse weinte Friedrich's Violine noch immer ihre dämonischen Accorde. Wir schieden. Das Resultat meines nächtigen Lebens ist in diesen Blättern bewahrt. Denke der Liebe, wenn Du sie gelesen und schleudere keinen Fluch, auch nicht einmal im Gedanken, auf denjenigen, der zu schreiben wagt, was das Leben sich nicht schämt zu gebären. Ist die Geburt erlaubt, so konnte auch die Zeugung nicht sündhaft sein. Warum also davon schweigen? Wahrlich, das Unmoralische wird nur in der Jämmerlichkeit unseres abgestumpften, demutfrechen Geistes geboren! –

6.

An Raimund.

Köln, den 21. August.

"Haben Sie schon das Innere des Domes gesehen?" Mit dieser Frage brachte mir gestern Rosalie ihren Morgengruss. Ich war verstört und wüst von den Erlebnissen der vergangenen Nacht und konnte mich kaum besinnen. "Der Bischoff liest heute die Todtenmesse für den verstorbenen Prior," fuhr Rosalie fort, "finden Sie Vergnügen an der Kunst, so begleiten Sie mich. Des Cultus halber, den Sie gewiss längst genau kennen, will ich Sie nicht bemühen."

Ich sagte dankend zu. Der schmerzliche Vorwurf in den letzten Worten des duldenden, schönen Weibes traf mich hart, weil unverschuldet. Es scheint, Rosalie lebt des Glaubens, ich verachte jeden Cultus. Das ist eine Täuschung. Mir k a n n der Cultus heilig werden, nur verlange ich mehr Innerlichkeit, weniger Tand! Und gesetzt, ich wiess jede Erinnerung daran als Individuum von mir, so will ich damit nicht die Aufhebung des Cultus für die Gesammteit ausgesprochen haben. Lasst der Gemeinde, was ihr frommt, aber bekehrt Euch selbst zuvor und anatematisirt nicht den Eklektiker!

Wir frühstückten ganz allein mit Felix. Bardeloh erschien nicht. "Er arbeitet sich zur Ruhe," sagte Rosalie, "unter ein paar Tagen wird er sich schwerlich sehen lassen." Felix war der unbefangene Knabe wie immer.

"Sigismund," sprach er und kletterte auf meinen Schoos, "nun bin ich schon zehn Jahre und einen halben Tag alt, wenn ich noch einmal so lange gelebt habe, werde ich ein Märtyrer sein." Lächelnd, ohne den tragischen Sinn des Wortes zu fassen, grub er seine zierlichen Finger in meine Augen. "Das blitzt!" fuhr er fort. "Wenn Auguste hier wäre, kriegte ich gewiss einen Kuss von ihr; denn das närrische Mädchen behauptet, jeder Kuss sei ein Blitz der Liebe. Da muss die Liebe oft blitzen."

Ich fragte, warum er denn in zehn Jahren ein Märtyrer zu sein glaube.

"Das ist so ein Einfall des Vaters," erwiderte Felix mit rührender Harmlosigkeit. "Auch will ich's ihm gern zu Gefallen tun, wenn's nun eben sein muss, nur mag ich mich nicht auf dem Rost braten lassen, wie's ehemals Sitte gewesen sein soll im Märtyrerleben. Kann man denn nicht lustig bleiben und lachen, wenn man ein Märtyrer wird?"

Mir war es unmöglich, dies Gespräch ohne Erschütterung fortzusetzen. Die letzte Frage blieb ich dem Knaben schuldig und suchte seine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken.

"Begleitest Du die Mutter in die Messe?"

"Ich soll, lieber Sigismund" oder "Mund des Sieges," wie Auguste spricht (ich hätte den Knaben vor Seelenfreudigkeit mit Küssen ersticken mögen für seine kindische Offenheit. Die Verräterei eines Kindes ist erhaben und heilig!) "aber ich will nicht."

"Und warum denn nicht, mein Herzenskind?"

"Weil ich zu oft fromm sein muss."

"Wie denn das?"

"O Du stellst Dich entsetzlich albern," lächelte Felix. "Weisst Du denn nicht, dass in einem Todtenamt aller zwei Minuten ein- und mehrmal geläutet wird zum Niederknieen und Bekreuzigen? Das aber ist mir langweilig, denn ich bin oft gar nicht betselig, wenn die steinerne Kuppel so sinnend über mir hängt. Da hat der Vater einmal Recht! Der spricht, wenn der Weihrauch dampft und die Glocke ruft, schmoren die Sünder ihr Gewissen."

"Du könntest Dir ganz andere Lehren des Vaters merken," fiel Rosalie ein, "aber Du hast nur Ohren für die Bitterkeiten, die der Vater nicht Dir, sondern mir sagt."

"Ja, siehst Du, Mutter