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saal begann, vergass er mit mir zu spielen und lief singend davon."

Bardeloh schwieg und stiess den Knaben von sich. Er trat zu Lucien, die todtenblass, ohnmächtig in meinen Armen hing. Mehrere Frauen schafften sie in ein Nebenzimmer. Gleichmut trat ein und lispelte mir in's Ohr "Auguste ist geborgen. Sie können Sie in ihrer wohnung besuchen, zuvor aberlesen Sie das Manuscript."

In einer Fensterbrüstung stand der Pietist und brach die hände. Der gute Mann konnte nicht begreifen, dass die Welt an seltsamen Conflicten eben so reich ist, als an religiösen Narren. Er sprach vom Untergange Sodoms und Gomorrha's, von der Rotte Korah und vielen andern alttestamentlichen Raritäten. Der Mönch war mir furchtbar, der Violinspieler ergriff mich dämonisch, dieser Pietist aber regte meinen ganzen Abscheu gegen alles frömmelnde Sectenwesen bis zum Ekel in mir auf. Erst später erfuhr ich, dass er Luciens Onkel ist und Oskar als einen Freigeist wie die Pest fürchtet. Dabei steht er mit den bigotten Katoliken auf freundschaftlichem fuss.

Bardeloh setzte sein Examen fort und begehrte zu wissen, wer die Türen zu den übrigen Zimmern so plötzlich verschlossen habe? Frauen und Mädchen entfernten sich eiligst, bald waren nur noch lauter Männer zugegen. Friedrich spielte, aller Verbote spottend, unablässig seine infernalische Geige.

Mardochai hatte bisher einen stummen Zuschauer abgegeben. Jetzt verliess er seinen Platz und trat in die Mitte der Männer zu Bardeloh.

"Richard," sagte er, die Hand fest auf seine Schulter legend, "Richard, das war ein amüsantes Stück Christenarbeit. Ich bin zwar nur ein elender Jude, aber ich muss gestehen, dass mir bis heute Ihre Religion noch nie in so schöner Märtyrerglorie erschienen ist." Der furiöse Mensch war ein guter Christwer will's läugnen? – Die hübsche Tänzerin war eine schöne Christinhabt Ihr 'was dagegen? – Der händeringende Mann dort am Fenster ist ein frommer Christ. – Wer kann sagen: Nein! – Pastor Gleichmut muss ein ausserordentlich trefflicher Christ seinwer möchte daran zweifeln, da er Priester ist? Und der arme Mensch dort, das Geigengenie mit dem hirnverrückten Schädelist's nicht ein Christ nach Noten? – O, ich beuge mich tief in den Staub vor der Majestät Eurer vielfaltigen Religion! Sie hat viele, grosse Tiefen; es liegt ein unergründlicher Abgrund der Tiefsinnigkeit in ihr, den ich erst heute Nacht erkannt habe. Seltsam, dass sie verschlossene Türen so nackt zeigen und brünstig machen!

"Mardochai," sprach Bardeloh, "hast Du die Türen verschlossen?"

"Ich musst' es, Richard," versetzte mit der Ruhe eines Geschäftsmannes, der einen Handelsbrief unterschreibt, der Jude, "sonst wäre ich in Gefahr gekommen, für den engagirten Violinisten dort mein Geld umsonst ausgegeben zu haben. Der Schwank trägt mir überhaupt keine reellen Zinsen."

"Du hast also auf ideelle gerechnet?" fragte zitternd mein Gastfreund.

"Du sagst es!" sprach kalt Mardochai. "Sie sind mir in der Tat reichlich geflossen!" "Sieh" fuhr er fort, und streckte die lange, weisse Hand aus wie ein Prophet über die schweigenden Männergruppen,"sieh! Das ist Europa, umarmt vom Christentume, und hier steht eine Trümmer meines von diesem Christentume zertretenen Stammes. Bardeloh, ich rufe Dich auf zum unparteiischen Richter! Wer ist der Gesündere? Ich bin ein Jude und versammle ich hunderttausende meiner Brüder um mich, so ist jeder Einzelne ein Jude, wie ich; keiner mehr, keiner weniger. Wir sind krank, tief krank, wir kranken noch an dem 'Kreuziget ihn!' unserer Vorfahren. Wo ist hier die Consequenz? Ist Eure Liebe so arm, dass sie sich nicht auch erstrecken kann über das kleine Häuflein eines sterbenden Volkes? Und wo ist Eure Einheit in Liebe? Hier stehen dreissig Christen und mehr. Wer ist gleich dem Andern? Wer glaubt und verteidigt in seinem Glauben, was sein nächster Bruder lehrt? Und doch nennt Ihr Euch Christen? Wehe, wehe, Eure Religion ist verkäuflich! Wer da zahlt am glänzendsten, dem ist der heilige Geist am gnädigsten! Das beweist der Katolicismus auf eine grauenhaft prägnante Manier. Und wollt ihr entgegnen: hier steht der Protestantismus, so strecke ich meine Hand auch aus über ihn, und frage: Wo ist in ihm die Liebe, das weiche Sterbekissen Eurer ganzen Religion? Die Liebe grübelt und läugnet nicht, sondern glaubt und sättigt sich an der stillen Hingebung zu dem aufflatternden Himmel. Eure Religion aber ist nicht belebt von der Liebe, die Ihr predigt; der Gleichmut nur, die Kette des Verstandes, sind es, die sie erhalten haben bisher. Was Ihr so nennt, das ist die Religion der Welt, wenn sie herabsinken wird zum blossen Wechselgeschäft. Sie wird zur Weltreligion aufsteigen, wenn das letzte Herz verwelkt ist in der Welt. Ich beneide Keinen darum, der es erlebt, zuvor aber will ich sterben als Jude, in mir ein Herz bewahrend, das zwar gebrochen wurde von der Perfidie der Weltgeschichte, aber doch noch frisch genug blieb, um bis zum letzten Schlage mit Liebe zu verehren den Stolz seines Volkes. Werdet stolzer, ihr Christen, und Eure Religion wird gewinnen an innerem Leben. Der Bettlermantel der Demut, der Euch um die dürren, lieblosen Schultern flattert, deckt nicht mehr Eure Blössen! – Schlaft wohl,