Sargwände, bebten wie im stummen Gebete, und wie aus weiter Ferne wimmerte aus der öden Brustöhle die Melodie des bekannten frechen Liedes.
Der Entsetzliche würde in der Raserei des Augenblicks, die ihm übermenschliche Kräfte verlieh, vielleicht mir und Auguste gefährlich geworden sein, hätte nicht ein abermaliges Ungefähr – Du wirst es die ewige Vorsehung nennen – mich und die Geliebte gerettet. Eine Violine, durchdringend, jauchzend in klagender Wehmut, weinte herüber aus dem saal. So konnte nur ein Einziger den Bogen führen und die leblosen saiten ertönen lassen. – Der Mönch stutzte, er liess den Dolch, nach dem seine Knochenhand schon gegriffen, wieder fallen, und laut den letzten Vers seiner unkeuschen Dichtung wiederholend, stürzte er fort – ein Bild des wahnsinnig gewordenen Todes. –
Auguste lag regungslos, die vollen, weissen Glieder quollen marmorrein aus den aufgelösten Seidengewändern. So steigt der Tag aus dem Flammenbade des Morgens! Eine unwillkürliche Bewegung bedeckte die keusche Aphroditengestalt. Ich beugte mich über sie, meine Küsse weckten sie auf zu neuem, warmem Leben.
"Haben Sie schon die neun Siegel des anvertrauten Manuscripts erbrochen?" fragte eine bekannte stimme, die selbst in ihrer stillen Sanftmut wie das Grollen eines fernen Donners klang. Pastor Gleichmut stand neben mir; auf den schwarzen Rock fiel das weisse, kreuzgeschmückte Zeichen seines Standes. Ich fand keine Worte und nahm Auguste am Arm.
"Lassen Sie das jetzt, mein Bester," fuhr Gleichmut fort. "Es wird besser sein für Sie, wenn Sie sich entfernen und das fräulein meiner zärtlichen Sorgfalt anvertrauen."
"Ihnen!" rief ich mit schlecht verhehltem Unmut, in dem sich ein leiser Abscheu mischen mochte.
"Ja mir, lieber Sigismund. fräulein Auguste ist sicherer bei mir, als bei Ihnen. Denn von mir hat kein Weib, und wär' es das schönste, das Geringste zu fürchten. Lesen Sie das Manuscript!"
Ich verstand den Unglücklichen. Sein wehmütiges Lächeln, in das der Triumph der Hölle seinen faunischen Hohn, wie zuckende Lichter, verstreute, liess mich das Entsetzliche erraten. Im Saal entstand ein wilder Lärm, Frauen schrien laut auf, Männerstimmen tobten dazwischen, die Tanzmusik verstummte, nur die Violine jammerte, johlte, sprang und raste in allen Tonnüancen, wie der tollgewordene Genius der Musik, durch den hundertstimmigen Lärm.
Ich trat in den Salon und noch jetzt, indem ich mir das Bild allgemeiner Bestürzung zurückrufe, lähmt Entsetzen all meine Kräfte.
An eine Türpfoste gelehnt stand Friedrich, der blödsinnige Virtuos. Seine Tracht war die gewöhnliche; grosse, beteerte Wasserstiefeln reichten weit über die Knie herauf, schmutzige Matrosentracht deckte den übrigen Körper, ein breitkrempiger Hut, gestaltlos, beschattete das Gesicht. Anscheinend unbekümmert um den Wirwarr, den sein erscheinen in der Gesellschaft angerichtet hatte, spielte er den schreiendsten Wahnsinn heraus aus der Violine, in genialer Wildheit aus einer Tonart überspringend in die andere. Es war kein Spiel mehr, es war ein Wühlen und Rasen in allen Tönen und Accorden. Auf's Rad der Folter geflochten wurden den Aechzenden die Herzen gebrochen und zuckend vor den sterbenden Augen hin und hergeschwenkt. Es war der Ausbruch einer neuen Revolution; die Schreckenszeit begann im Reich der Musik, und Friedrich war Richter und Henker zugleich, und mordete mit kaltem Gleichmut Alles dahin.
Neben ihm stand, ein neuer Mephistophiles, Mardochai. Behaglich strich er sich mit der Hand den vollen Bart, das einzige Stück Vaterland, das sich das Volk der Unruhe gerettet hat aus dem allgemeinen Untergange. In seinem dunklen Auge glaubte ich die Sättigung einer langgenährten Rache lesen zu können. Shylock konnte nicht mit grösserer Begier auf den Moment harren, wo des Richters Wort ihm das bedungene Pfund Fleisch zuerkennen werde, als Mardochai auf das Schauspiel höhnisch lächelnd herabsah, das seine suffisante Schlauheit angerichtet hatte. – Denn während Alles unstätt und verstört durcheinander rannte, Frauen und Mädchen, wie verscheuchte Rehe sich flüchteten, und umsonst an den wie durch Zufall verschlossenen Türen rüttelten, tobte ganz allein in der Brunst fleischlicher Lust die Gestalt des wahnwitzigen Mönch's mit Luciens voller Körperschöne in abenteuerlicher Tanzimprovisation durch die gasbestrahlte Halle des Salons. Spieler und Tänzer schienen zu wetteifern in der Poesie der Raserei. Töne, die kein Mensch gehört, weinten aus den saiten der Violine, Accorde, die grell und doch harmonisch in das Wirrsal dieser unkeuschen Belustigung hereinschrieen, lösten sich in den süssesten Wohllaut auf. Wie glühende Küsse schwammen sie durch den Saal und fielen als Rosen der Scham nieder auf Nacken und Busen der unfreiwilligen Tänzerin. Die eisernen Glieder des Mönchs hielten die Ohnmächtige umschlungen und zerrten die leichten Gewänder in eine bedenkliche Unordnung. Entfesselt wogte die milchweisse Welle des Busens und schaukelte wie in gaukelndem Scherz eine duftige Rosenknospe. Darein fiel in Pausen die parodirte Hora des Mönchs, dessen Lebenskraft zu wachsen schien mit den Klangen der Musik.
Nach langem vergeblichen Mühen gelang es endlich Luciens Geliebten, mir und Bardeloh dem Rasenden seine Beute zu entreissen. Oskar schäumte, man musste ihn halten, um Blutvergiessen zu verhindern. Der Mönch ward gleichfalls überwältigt und in seinen Gewahrsam zurückgebracht. Zum ersten Male sah ich Bardeloh herausgerissen aus seinem felsenfesten Gleichmut. Er wollte wissen, wer Eduard's gefängnis geöffnet habe – Alles schwieg. Da trat mit der Offenheit bewusster Schuldlosigkeit Felix zum Vater und bekannte sich als den Täter. "Der arme Mann rief mich," sagte der Knabe, "und als ich die Tür aufschloss, und die Musik im