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Frieden gibt im Kuss der Geliebten! –

Gegen Morgen.

Endlich haben sich die Stürme wieder gelegt, es ist still, todtenstill um mich. Nur in mir klingen die erregten Töne im schmerzlichen Vibrationen aus. Ich möchte schweigen, um nicht die Unschuld des jungen Morgens zu entweihen mit Dingen, die besser nie hereinbrächen in den vollen Tag des Lebens; aber mein eigenes Herz zwingt mich, die Qual von mir zu stossen, soll es nicht brechen und sich selbst verzehren. Es ist eine niederschlagende Erscheinung, dass sich Lust und Leid im modernen Dasein so grauenhaft eng verketten! Bald wird es kein fest mehr geben, wo nicht die sorge verstohlen umherschleicht, und die stillgenährte Sünde ihr kahles Haupt ausruht auf dem Polster schuldloser Freuden.

Die Verkettungen, in denen mich ein seltsames Ungefähr zu handelndem Mitgliede ausgesucht, spornten mich an, Bardeloh's verhältnis zu dem Juden Mardochai näher zu erforschen. Das gesellschaftliche Umhertreiben verliert bald seinen Reiz, wenn nicht Schönheit und Grazie ihren Doppelkranz unablässig darüber schwingen. Das Leben in dem Salon meines Gastfreundes bot zu so enger Verschwisterung dieser beiden Erdengöttinnen wenig gelegenheit. Ein finsterer Unhold kroch durch den bunten Tand; er zerdrückte jede Freude, die jubelnd aufspringen wollte, und verzerrte den Nachtigallenschlag der Liebe in das Wimmern eines Gefolterten. Wenn das Leben in Gesellschaften zu ernst wird, zerbrechen die Staubfäden der Freuden in sich selbst. – So bei Bardeloh. Das Heitere, Ungenirte, Harmlose zog sich bald zurück in enger begrenzte Räume, nur dem lächelnden Verdacht blieb das bunte Parquett. Die Schlange mit dem civilisirten Gebiss kokettirte im Schillern ihrer Farben auf der gefleckten Haut der künstlichen Erde, von der allein sie ja nur leben kann.

Bardeloh war nicht habhaft zu werden. Mit der leichten Tournüre eines Weltmannes hatte er Angst, sorge, Verdacht und Verachtung schnell aus seinen Zügen entfernt, und den Sonnenstrahl gutmütiger Gastlichkeit in den lebenswilden Falten sich anhängen lassen. Ich suchte die frohe Geschwätzigkeit der jungen Damenwelt. In einem Nebenzimmer, den glücklichen Geburtstäger in der Mitte, überliess sich das lustige Völkchen den Eingebungen anmutiger Scherze. Felix hüpfte, froh, des Zwanges überheben zu sein, von Einer zur Andern und übte sein wunderliches Augenstechen.

"Wer am längsten ausdauert," sagte er, "der hat das meiste Herz."

Es war leicht zu begreifen, dass Alle gleich viel Herz haben wollten. Der Knabe konnte seine Liebhabereien bis zur Ausgelassenheit treiben. Das Schauspiel war amüsant und wurde desto interessanter, je mehr Männer sich nach und nach um den Herzensprüfer versammelten. Als der kleine Held des Tages sein Mütchen gekühlt hatte, wurden Spiele vorgeschlagen und Schabernack getrieben nach Herzenslust. Wir vergassen das Beengende, Rosalie gesellte sich von Zeit zu Zeit zu uns, und bald verbreitete sich eine allgemeine Heiterkeit. Man gab das Zeichen zum Tanz. Rosalie spielte das Fortepiano. Mit dem Springquell der Musik stiegen die Empfindungen auf den Gipfel der Verzückung. Ich war sehr glücklich, zog mich aber nach einigen Touren wieder zurück in Bardeloh's Warte. Es war keine Absicht in diesem Absondern, nur der Trieb, eine Welt, berauscht im Aeter der Musik und dem Zittern aufgeregter Gefühle, sich buntfarbig durch einander winden zu sehen, wie einen brennenden Blumenkranz, liess mich den Tummelplatz lautklopfenden Lebens verlassen, um zu beobachten. Auch im Tanz lassen sich Studien machen.

Ein unterdrückter Ausruf des Erstaunens im Nebenzimmer wandte meine Aufmerksamkeit ab von dem Gewimmel der Tanzenden. Ich erblickte durch das schon erwähnte Fenster Auguste vor dem geöffneten Wandschranke in Bardeloh's Studirzimmer, mit neugieriger Hast die ungewöhnlichen Dinge betrachtend. Die Gasflamme goss ihren vollen Glanz herab auf die schlanke Gestalt, die ein dünnes Rosaseidenkleid, wie das Morgenrot der Liebe, durchsichtig umflatterte. Der schöngeformte Nacken stieg blendend weiss aus der blassen Rosenwelle, die schlanke Schulter winkte zum Kuss mit süssem Beben. Das dunkle Haar legte sich in zierlich losem Gelock um Nacken und Schultern und ein heimliches Verlangen hob in fröhlicher Bewegung den sanft verhüllten Busen. Instinct trieb mich vom Beobachten zum Handeln. Meine Hand suchte das Schloss zur Tapetentür, ein leiser Druck öffnete esich stand hinter der in süsse Träume Verlorenen. Wenige Augenblicke und eine heisse Umarmung weckte sie aus den beschaulichen Sinnen. Sie wollte rufen, aber das bange Sehnen der Liebe bog mit schalkhaftem Finger das gefaltete Rosenblatt ihrer Lippe zum reizenden Lächeln der Vergebung. Wir hatten keine Worte, die Flügeldecken der Liebe drückten uns mit sanfter Gewalt schmeichelnd in die schwellenden Kissen. Wie eine volle Rose brach die weiche Frische der reizenden Körperfülle aus den zuckenden Gewändern. Unter uns sank die Erde ein mit ihrer irdischen Qual, der Himmel warf seinen Sternenschleier auf uns herab. Wir glaubten selig zu sein, als eine kalte, dürre Hand an meine glühende Brust klopfte. Todesschauer durchrieselte mich, der Frost des Entsetzens setzte sich wie Reif an in den Kanälen des Lebens. Ich schreckte empor, Auguste sank mit verdecktem Auge zurück wie vom Schlage getroffen. Hinter mir stand das bleiche Geripp des Mönchs. – Die Kutte hatte sich verschoben, eine knöcherne, von Geisselhieben in tausend Narben zerwühlte Brust, ward sichtbardas unfruchtbare Ackerfeld blöder, grauenhaft misverstandener Demut! – Auf seinem fahlen Gesicht stand das versteinerte Lächeln jahrelang einsam gehegter Wollustgedanken. Die Runzeln der Haut buhlten blutschänderisch mit der Ohnmacht ihres ausgemergelten Lebens. Sein blick, starr, bleich, von momentanem Glühen grässlich erleuchtet, schien uns durchbohren zu wollen, die Lippen, zwei über zu früh begrabenem Leben eingebrochene