Gattin Rosalie scheint ihn zu umschweben wie ein Genius. Sie allein scheint er zu achten, aber glücklich ist er dennoch nicht.
Und kannst Du glauben, dass gerade diese Entdekkung mich ruhiger gemacht hat? So erbärmlich ist der Mensch, dass er immer und ewig an den jüdischen Trost Tubals: "Andere Leute haben auch Unglück," die elende Hütte seines Glückes anlehnt. Doch zu meiner eignen Ehrenrettung muss ich gestehen, dass meine Beruhigung ihren Grund nicht in einer so gemeinen Gesinnung hat. Nur dass ein gleicher Schmerz diesen Bardeloh das Gemüt belastet, und auch er bei äusserem Glück ruhelos umhergetrieben wird, tröstet mich, weil es einen Beweis für meine Behauptung abgibt, die Welt sei lahm und schwach geworden, und ersticke unter dem Ekel erregenden Dunst einer raffinirten zivilisation. –
"Watt und Fulton waren doch zwei grosse Männer," begann nach einiger Zeit Bardeloh. "Diese Menschen brauchen sich nicht der Jahrzehnte zu schämen, in denen sie gelebt haben. Ihrer Tatkraft ist es gelungen, eine totale Umbildung zweier Hemisphären vorzubereiten. Dampfschiffe und Dampfwagen sind eine Erfindung, die ihrem Werte nach nur der Buchdrukkerkunst gleichgestellt werden kann. Haben Sie in Mainz den Gutenberger Hof besucht?"
Ich bejahte die Frage, worauf Bardeloh fortfuhr: "Nun dieser Gutenberg war ein ganzer, vollendeter Mensch. Das ist genug. Mehr darüber sagen zu wollen, wäre Frevel. Ich hasse das Zerfasern einer Wahrheit. Aber unsere Zeit will Alles spinnennetzfein haben. Für jeden Ausspruch muss der Grund angegeben, mit der Sonde und nötigenfalls auch mit dem Senkblei untersucht werden, um zu sehen, ob er denn auch wirklich gleich sei dem Boden; und erst dann, wenn man sich durch Fühlen und Rechnen hinreichend davon überzeugt hat, begnügt man sich. Was halten Sie von unserer Zeit?"
"Sie ist nichts und kann Alles werden."
"Da treffen Sie zum Ziele," versetzte Bardeloh. Rosalie trocknete ihm mit ihrem Taschentuche die Stirn, auf der grosse Schweisstropfen standen. "Richard," bat das herrliche Weib, "Du bist noch unwohl und gerade diese gespräche solltest Du vermeiden. Hast Du die Vorschriften des Arztes schon wieder vergessen?"
"Erinnere mich daran, mein Herz," erwiderte Bardeloh, indem er einen Kuss auf Rosaliens Hand drückte. "Uebrigens ist es Bedürfniss, mich wieder einmal auszusprechen." Er wandte sich abermals zu mir und fuhr fort: "Man spricht heute zu Tage viel von neuen Lebensbahnen, unerhörten Umgestaltungen, grossen Epochen. Man hat Recht, aber nur bedingt. Ich meines Teils bin überzeugt, dieser Erdteil, auf dessen einer Ader wir eben wie ein rollender Pulschlag fortgetrieben werden, gebiert nichts, oder doch nur wenig von alle dem, was erst spät hineinleuchten wird in den dunkeln, annoch unerhellten Weltenbau. Europa kommt nicht heraus aus dem ancien régime; der Fluch klebt ihm an und hält es darnieder in einem halben Todesschlafe, wie der Fluch des kreuztragenden Gottes das Volk des Unglückes, auf das er herabsank. Wie dieses Volk jetzt noch seufzt unter der Schattenlast jenes Kreuzes, dessen Bürde es dem schuldlos Verurteilten nicht wollte ablegen lassen; so hinkt das mattgehetzte Europa schwindsüchtig in seinen Gedanken, mit verpesteter Lebenskraft immer und ewig um sein offenes Grab, und schaufelt es täglich um einige Fuss tiefer. Es hat der Einfachheit der natur die Tür gewiesen, und an deren Statt das Raffinement der Gelüste eingelassen. Dieser Unhold wird es umbringen und den erdrosselten Leichnam seines Opfers dann hinwerfen zum Frass für hungerige Wölfe. Dieser Tag aber wird der Anfang sein einer neuen Epoche, das Grabgeläute übertünchten Elends, die Wiedergeburt frischer Tatkraft! Nur fürchte ich, es sterben zuvor noch einige Jahrhunderte, aufgezehrt von Gram und Schwäche wie wir, der Einzelne so gut als die Gesammteit, d.h. diejenigen, die befähigt sind, den Jammer zu fühlen, weil sie sich einen Rest gesunder Urkraft aufbewahrt haben."
"Ist Ihnen ein Rettungsmittel bekannt, das man den Wenigen bieten könnte?" unterbrach ich hier den Unzufriedenen, "oder meinen Sie, es sei bloss die Rache des herausgeforderten Schicksals, gegen die Niemand ankämpfen dürfe?"
"Was taten Cato Uticensis und Brutus? Was so viele Andere alter und mittler Zeit?"
"Einen freiwilligen Austritt aus dem Leben zählt unsere Religion unter die ärgsten Verbrechen. Sie können unmöglich wünschen, dass ein Gedanke, verpestend und entsittlichend, sich festsetzen solle in dem Gemüt unserer Jugend, der leider ohnehin schon mehr als wünschenswert ist, die Herzen derselben umstrickt hat. Mit der Gleichgiltigkeit gegen das Leben zerfällt jede moralische Regung. Predigen wir den Selbstmord als eine Tugend, so sehe ich nicht ein, wie Rettung kommen soll für die Unmündigen."
Bardeloh war aufgestanden, seine Gattin sass in schmerzliches Sinnen verloren am Schiffsspiegel und starrte gefühllos in die grüne, schäumende Flut. Das Schiff flog an Bacharach vorüber der Pfalz zu. Längs dem Ufer an die niedrigen Hügel lehnten sich alte Römertürme in grosser Anzahl und erzählten, wie umhergestreute Todtenschädel, von dem regen Leben früherer zeiten. Bardeloh zog mich an's Schiffsgeländer. "Junger Mann," sprach er, "es gibt keusche, heilige Sünden und daneben auch Tugenden, vor deren roher, schmutziger Unkeuschheit jedes Herz, das noch im Zustande republicanischer Einfachheit sich selbst bewacht, erröten und zusammenschrumpfen muss. Sind Sie so bewandert in der heiligen geschichte des Menschenherzens, dass Sie wagen, dieser gegenüber die Satzung frommer Willkür zu erheben