nach kurzem Schweigen fort, "und doch ist noch nichts Wahreres als jener Ausspruch behauptet worden. Europa kennt weder Kinder noch Menschen, es trägt nur noch Caricaturen. Wie also wollen Sie von Unschuld reden und mir Vorwürfe über meine Grausamkeit machen? Nichtgeborensein ist jetzt das einzige Glück, was sich ereignen kann in Europa."
"Daran sterben wir ja eben," fiel ich ein. "Es wird keine Tat mehr geboren."
"Freilich," versetzte Bardeloh, "ich sprach aber von Menschen. Ein nichtgeborner Mensch ist Alles, ist glücklich, weil er nichts ist. Für die Tat wird gesorgt werden."
"Haben Sie Hoffnung auf Erfolg?"
"Genug." – Der Mönch liess seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen, Bardeloh erhob die Hand. "hören Sie's? Dort lallt die Hoffnung. Macht aus dem alten Weltteil ein solch fideles Ungetüm und Ihr habt Alles errungen. In geistigem Todtschlage liegt die neue Zeugung."
Damit verliess er mich und verschloss sich wieder in seinem Zimmer. Es nimmt Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an. Selten gibt er einen ganzen, ausgeborenen Gedanken, es sind blosse Gedanken-Embryone. Diese Verwüstung seines tiefsten Lebens muss zu irgend einer gewaltigen Eruption führen. Es keucht und tobt Alles in Bardeloh nach einer Tat, und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass er mit sich zu Rate geht, um diese vorzubereiten. Er schreibt und liest viel. Oefters hört man ihn auch laut mit sich selbst reden, namentlich des Nachts; dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken, wie irreguläre Pulsschläge eines Fieberkranken, bis in mein entlegenes Zimmer. Eben jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult. Der geheime Wandschrank steht offen, die fahle Lampe loht empor aus dem weissen, glänzenden Schädel, und in einem Doppelkreuz darüber senkt sich eine Menge glänzender Dolche. Schwerlich ahnet er, dass ich ihn beobachte. Ein kleines Fenster in der Tür, die aus der Warte nach Bardeloh's Studirzimmer führt, ist wahrscheinlich durch ein versehen offen geblieben. Vor ihm liegen mehrere Bücher und eine Menge Manuscripte. Alles um ihn ist so geordnet, dass es eine künstliche Aufregung der Seele verursachen muss. Weihrauch steigt, wie bei der Messe am Hochaltar, von einem Kohlenbecken aus der geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen. Aus dem mephistophelischen zug um Bardeloh's Lippen lässt sich schliessen, dass auch dieses nur eine Mummerei sei, angestellt, um den Ekel an dem zu vermehren, was er nicht mit Unrecht die verstandesschwache Nachgeburt des übercivilisirten Europa nennt. Nochmals sage ich, wir sind Alle europamüde, Bardeloh aber ist unter den Müden der Müdeste und darum auch der Tätigste! – Jetzt erlischt die Lampe, Richard hat seine weltverfluchenden Studien beschlossen.
Zwei Stunden später.
Die Säle füllen sich, die blendenden Gasflammen strömen Tageshelle weit umher. Flüsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Convenienz gehüllte Europa über das Parquett, weich und biegsam, bleich und schmiegsam wie eine Seele, die ihre Zeugungskraft abgetödtet. O, ich könnte hier einen Vergleich hinschreiben, der treffend wäre und zerschmetternd, wie ein Donner in den Hochgebirgen Mexikos, aber ich muss schweigen aus Etiquette. Bardeloh und Rosalie spielen die graziösen Wirte. Für jeden Ankömmling ist eine neue Redeblume bereit, wie ein abgewürgtes Leben wirft man sie den Gästen vor die Füsse, die ihrerseits die Schuhsohlen daran putzen. Es liegt eine höllische Malice in diesen Empfangsfeierlichkeiten! – Verdient es aber das befrackte Geschlecht anders? Kann man wohl einen ganzen Menschen herauslesen aus diesem verstümmelten Habitus, der nichts weiter ist, als ein trefflicher Schnitt für den zusammengeschrumpften Geist?
Wenn diese Menschen wüssten, dass ein Geheimschreiber ihre Physiognomien belauschte und auf die Lippen achtete, an deren Bewegung die Heuchelei saugt, wie ein Blutegel! Das ist ja notwendig die Folge der Unmoralität, dass sie Alles um sich her mit hineinreisst in ihre Strudel, und die Menschheit zur Huldigung zwingt, um das Gefühl der Versunkenheit wieder in ihr zu wecken. –
Buntgeschmückte Damen flattern, wie farbige Schmetterlinge, um die strahlenden Lüstres. Auch Lucie und Auguste sind bereits eingetreten. Lucie ist die scherzende Nymphe, die sich auf der sprudelnden Silberpalme der Freude und Lust hinaufschaukeln lässt in die zusammenstürzende Krone, und jauchzend wieder herabfällt, um das süsse Spiel von Neuem zu beginnen. Auguste scheint verstimmt. Ihr braunes Auge fliegt, ein fragender Liebeskuss, von Gruppe zu Gruppe; es klopft mit flüsterndem Licht an die trügerische Spiegelwand und bricht, wie ein zu früh ausgesprochener Wunsch, schüchtern zusammen, um in sich selbst einen Ausgang über gegenwärtige Hindernisse zu finden.
Gleichmut, das Kreuz am Halse, wie eine Kette, die ihn hinrichten soll, bringt seine frommen Wünsche dem überraschten Felix. Ihm folgt der fromme Pietist, Steinhuder, dann der junge Mann, an dem Lucie ihr lustiges Herz verschenkt hat, der Mennonitenprediger und Mardochai, der morgenländische Rachegott in einem abendländischen, christlich frivolem Salon. Eine Flut von Dandies und lieblichen Grazien schwärmen überall umher, während Bardeloh mit diplomatischer Schlauheit den Heitern spielt, und Rosalie das Glück erfassend, über den Moment die düstre Leerheit eines langen Lebens vergisst. – Jetzt muss ich lauschen, vielleicht errate ich die hohe Gesinnung eines gebildeten Publicums im Prachtsalon eines feinen Europäers.
"fräulein N. hat heute Abend eine sehr anmutige Toilette gemacht," sagte ein junger Mann seinem Nachbar in's Ohr. "Ich