Warte Bardeloh's, die ich mir zum Aufentaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen Abends. Es ist grosse Gesellschaft geladen, und eingeweiht, wenigstens zum teil in die Geheimnisse des hiesigen Lebens, will ich Beobachtungen anstellen, deren Erfolge für mich eben so belehrend als genussreich sein werden. Du kannst auf ein lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen, denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit aufschreiben, was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen lässt.
Schon ist es Abend, die gallonirten Diener Bardeloh's gleiten, wie gewichste Gespenster, in den Sälen auf und nieder, fegen und putzen, zünden die Kronleuchter an, und ordnen Stühle und Ottomanen. Bardeloh und Rosalie sind bemüht, zum Rechten zu sehen, Ersterer mit der Miene einer weltverachtenden Ironie, Letztere nur den Dank erfüllter Mutterwünsche auf den Zügen der Entsagung. Es bettet sich auf dieser sanften Stirn die Anmut des Weibes mit allen verwandten Tugenden in die Kissen der Versöhnung. –
In den letzten Tagen war Bardeloh ausschliesslich mit Durchsicht der Papiere beschäftigt, die sich in dem Klosterarchive fanden und etwa Aufschluss über das Schicksal seines Bruders geben können. Der unglückliche Mönch lebt still hier im haus. Noch hat er kaum ein Wort gesprochen, nur zu Felix scheint er ein unbegrenztes Vertrauen zu haben. Dieser bringt oft stundenlang bei ihm zu und erzählt, was ihm eben in den Sinn kommt. Dann lacht der Unglückliche vergnügt, summt die Melodie seines unseligen Liedes und zählt die wenigen Haare, die ihm, wie Dornenbüschel, über die Stirne herabhängen. Die Dienerschaft ist verschüchtert durch diesen neuen Hausgenossen und hält sich möglichst fern von dem Zimmer, das er bewohnt. Mich selbst, ich läugn' es nicht, überläuft zuweilen ein Frostschauer, wenn ich alle die Möglichkeiten durchdenke, die ein etwaiger Ausbruch wilder Raserei bei dem Mönche zur Folge haben könnte. Bardeloh wird ohnehin noch manchen Angriff abwehren müssen, den offen und versteckt die erbitterte Geistlichkeit gegen ihn leiten dürfte. Zwar fürchtet man die Verbindungen des geheimnissvollen, reichen Mannes nicht minder, als seine geistige Ueberlegenheit; dennoch aber kann es den jesuitischen Ränken und Kniffen gelingen, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Der Pförtner des Klosters scheint Zeuge gewesen zu sein von dem unseligen Auftritte, und die beleidigte Kirchenautorität wird gewiss nicht säumen, Rache dafür zu nehmen. Man sagt, das ausserordentliche Ereigniss werde genau untersucht werden und dann könnten sich grosse Schwierigkeiten für Bardeloh ergeben, wenn nicht etwa Furcht vor Entdeckung mancher Geheimnisse Kirche und Geistlichkeit zu grosser Vorsicht nötigt. –
Es gibt kein grösseres Unglück, Ferdinand, als das Vermögen zu tief in die Welt und ihre Geschicke blikken zu können! Das ist der wahre Gram des Lebens, der Alles, auch das Schönste gänzlich vernichtet. In dem süssen Namen Vater schliesst sich gemeiniglich die irdische Seligkeit ein. Der Geburtstag eines Kindes ist der Sonnenblick im Leben. Er glättet die sorgenvolle Stirn des Vaters und um die schmerzentstellte Lippe legt sich sanft lächelnd der Rosenkranz junger Hoffnungen. – Aber glaubst Du, dass Bardeloh Aehnliches empfinde? Gott im Himmel, diesem mann des Geschickes ist der heutige Tag bloss ein neuer, gewaltiger Schlag auf sein blutendes Herz! Unter seiner Last schleicht er geistig gekrümmt einher, wie die verkörperte Busse der Welt. Seine ganze Erscheinung ist ein einziger, entsetzlicher Seufzer!
Hättest Du das Auge gesehen, als ihn heute Morgen beim Frühstück das glückliche Kind begrüsste. Die schuldlose, strahlende Hoffnung beugte sich vor dem Modergeruch des Grabes. Rosalie küsste den Knaben mit der Innigkeit mütterlicher Liebe und schenkte ihm Blumen und andere Kleinigkeiten, Bardeloh aber fasste die Hand seines Sohnes und fragte ihn, ob er sich freue. Auf das Bejahen dieser wunderlichen Frage versetzte der Vater: "Nun, so wisse, dass ich mich nicht freue! Zwar ist mir es lieb, dass Du mein Sohn bist, besser aber war' es, Du hättest das Licht der Welt nicht erblickt! Denn so lange die Zeit Zeit bleibt, ist Fluch und nur Fluch der Segen für ein europäisches Menschenleben! Dies bedenke, Felix, und nimm die Zeit wahr. Damit Du es kannst, empfange diese Uhr. Je kürzere Zeit Du davon Gebrauch machen darfst, desto besser wird es sein für Dein eigenes Heil." –
Mit diesen Worten überreichte ihm Bardeloh eine wertvolle, goldene Uhr. Felix nahm sie, zitternd vor Angst, hin und küsste die Hand des Vaters. Grosse Tränen hingen an seinen kastanienbraunen Wimpern, er eilte fort und erst Mittags sahen wir ihn wieder.
Nach diesem unerhörten Auftritte hatte ich eine Unterredung mit Bardeloh. "Warum können Sie sich noch wundern über meine Aeusserungen," sagte er, "da Sie doch von meiner Weltansicht einen hinlänglichen teil kennen?"
"Nicht die Aeusserung, nur die Grausamkeit derselben dem kind gegenüber entsetzt mich."
"Schwachheit! Der Junge muss bei zeiten erkennen lernen, dass Leben nichts ist, als eine Uebung in allen Arten von Qualen."
"Felix ist noch zu sehr Kind, um dies zu begreifen."
"Es gibt kein Kind in Europa!"
"Ein starkes Paradoxon, dessen Beweis Ihnen schwer fallen würde."
"Mir? Lieber Sigismund, mir fällt nichts schwer, was sich mit einem blossen Beweise abtun lasst. Ich will Ihnen so strict und firm beweisen, Sie seien ein Grashüpfer, dass Sie sich nur darüber wundern sollen, wie Sie schon nicht längst selbst zu dieser Einsicht gekommen sind."
"Sie lächeln," fuhr er