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. Nach fünfzehn Jahren wollte er mir Nachricht geben und durch die gewonnene Seelenruhe und Herzensheiterkeit meine Zweifel für beseitigt erklären. – Er verschwand und ich habe seitdem kein Wort mehr von ihm gehört. Seine Verwandten hielten ihn für tot; Allen blieb sein Verschwinden ein Rätsel, mir aber gab es genug über den Wahnwitz schwärmerischer Gemüter zu denken.

Von ganz entgegengesetzter Denkart und fast roh in Allem, was er tat, war ein Anderer meiner Freunde, C a s i m i r . Selten ist mir ein Mensch von so urkräftiger natur wieder begegnet. Ihm galt nichts Fremdes, nichts Erworbenes, nur das Eigentümliche hatte Wert für ihn und war sein Gott. Ohne viel zu sprechen, gab er doch durch das Wenige, was er in geselligen Zirkeln etwa äusserte, dem Gespräch damals noch eine glänzende Färbung; späterhin, wo sein Denken sich wüster gestaltete, verlor sich dies. Jedes seiner Worte war ein geborner Gedankenriese, oft wunderlich verwachsen, die ungeheuern Glieder noch wild durch einander geschlungen. Casimir war Dichter und einer von denen, die schon damals einen Ekel an dem Bestehenden offen aussprachen und ohne Anhänger demokratischer Regierungsmaximen zu sein, Rettung europäischer Zustände nur in völligem Umsturz des Alten für möglich hielten. Seine riesenkräftige natur verlangte nach raffinirten Genüssen, und konnte eine Scheidung des Menschen in Geist und Materie durchaus nicht vertragen. Es grenzte an das Colossal-Burleske, wenn er von dem Geniessen des Lebens sprach, was immer in den abenteuerlich genialsten Bildern und Gleichnissen geschah. Jedem Anderen würde ein ähnliches Gebahren als Münchhauserei vorgehalten worden sein, bei Casimir aber verknüpfte sich der Gedanke immer mit der Tat. Er lebte genau, wie er sprach. Sein Leben war so colossal, wie sein Wort.

Dieser grauenhaft-erhabene Mensch fesselte mich wie ein Dämon in den Ring seines Zaubers. Jeder, auch nur mässigen Entaltsamkeit Feind, verfluchte er die Ascese in nicht zu wiederholenden Ausdrücken, und entwarf ein Bild von den Folgen derselben, das geeignet gewesen wäre, einem nervenschwachen Menschen Convulsionen zuzuziehen. Auch lebte er selbst in der Tat nichts weniger als ascetisch und verlockte durch seine Ausschweifungen viele Schwache zu grossen Extravaganzen. Machte man ihm darüber Vorwürfe, so erwiderte er ganz gleichgiltig: "Lasst die Ratten umkommen, so zernagen sie nicht den grossen Herzbeutel der Welt, die Erde." – Einige Jahre währte unser Umgang, Casimir machte sich bekannt durch originelle Dichtungen, verlor sich aber in späterer Zeit ganz aus dem Gesichtskreise und ist gegenwärtig für mich so gut als gänzlich verschwunden. Starb er, so ist sein Tod gewiss eben so originell gewesen, als sein ganzes übriges Leben, und sollte er noch leben, so fürchte ich, hat die zu grosse Originalität seiner natur das Nivellement der neuesten Zeit kaum ertragen können. Casimir war prädisponirt zu jener Göttlichkeit des Wahnsinnes, die bei ausgezeichneten Geistern immer durch die Monstrosität der Erscheinung selbst wie ein vulkanischer Glutstrom hindurchleuchtet.

Durch Eduard lernte ich noch einen Dritten kennen, dessen hohe Eigentümlichkeit in der Consequenz lag, womit er das an sich Unmoralische zur Doctrin und damit selbst zu einer Art Moral erhob. Dieser Mann, ebenfalls Mediciner, war ein Jude und hiess M a r d o c h a i . Später fanden wir uns wieder, er mich als protestantischen Geistlichen, ich ihn als Handelsmann. Unsere Freundschaft besteht jetzt, wie damals, in blossem Beharren auf den Principien unserer gegenseitigen Systeme. Diese durchaus morgenländische Erscheinung verschmolz das Charakteristische ihrer Nation mit der verderbten Schlauheit, wozu tausendjährige Verfolgungen sie gezwungen, zu einem höchst pikanten Allerlei, an dessen Duft man sich berauschen konnte. Mardochai stellte der Hauptlehre des christentum, der L i e b e , die Süssigkeit des H a s s e s entgegen, und verstand die Heiligkeit seiner individuellen Doctrin, an deren Verallgemeinerung ich freilich nicht ganz zweifeln will, mit so diabolischer Dialektik durchzuführen, dass Mancher verstummte und der Jude als Sieger das Feld behauptete.

Mit mir hatte dieser Todfeind alles christlichen Lebens und Denkens manchen harten Straus zu bestehen. Mardochai versäumte nie, das Christentum die Religion des Blödsinns, der Schwindsucht, der Schwäche, des geistigen Miswachses zu nennen, und beantwortete unsere heftigen Einwürfe nur mit einem zuckenden, halb mitleidigen Lächeln.

Ihm zur Seite in sehr innigem Verhältnisse stand ein Musiker, F r i e d r i c h S a i n d o r f . Dieser Mensch, der mit schwärmerischer Liebe an Beetoven hing, hatte sich so ganz in Mardochai's Wesen hineingelebt, dass er mir oft wie eine Schmarotzerpflanze erschien, die ohne den Stamm, um den sie sich rankt, kein selbständiges Leben zu führen vermag. Wenig tätig bei unseren häufigen Disputationen, war er nur unablässig geneigt, auf seiner Violine Töne hervorzuzaubern, die mir oft wie ein Tanz nackter Mädchengestalten alle Sinne betäubten und mich in eine Gedankenwollust hinrissen, die mir wahrhaft grässlich erschien. Bemerkte nun Mardochai die wirkung dieses Spiels, so rieb er sich lachend die hände und überliess mich dem Stachel der aufgeregten Sinne, indem er sagte: "Nun bleiben Sie doch einmal ein moralischer Rigorist! Nehmen Sie Ihre christliche Liebe zur Stütze und bändigen Sie die Rache der natur, die wütend all' Ihre Nerven zerreisst."

Beide Männer verloren sich erst später aus meinem Gesichtskreise, und als ich ihnen wieder begegnete, war, wie bemerkt, der Eine ein jüdischer Handelsmann, der Andere ein blödsinniger Schifferknecht geworden. Das Warum? habe ich nie erfahren können, wenigstens nicht die Veranlassung