, nie grimmiger im Leben.– Das also sollte ich mir aneignen, um eine Carriere zu machen? Das war der tiefe Sinn einer Wissenschaft, die sich in terroristischer Demut eine heilige nennt? –
Ueberall sprach man von dem Gesetz der Liebe und nirgends fand sich eine Anwendung desselben in der Praxis. Diesem zur Seite stand die Toleranz, die aber nur geübt ward in dem unmoralischen Sinne, der versteckt liegt in ihr. über beiden aber schwankte triumphirend das Gespenst der Ascese.
Das Unglück macht den Menschen eben so oft verschlossen als gesellig. Man will die Last abwerfen in der Rede zu Anderen, die gleiches Bedürfniss haben, und mit dem Lichte des Verstandes beleuchten, was der Glaube in seinen dunstigen Schleier hüllt. Nach langem, einsamen Denken schloss ich mich an einige Menschen an, die ich bald kennen gelernt hatte und deren Wesen mich anzog, ohne dass es mich gerade hinriss zur innigsten Freundschaft. Diese jungen Männer waren von den verschiedensten Naturen, alle mehr oder minder geistig begabt, aber in ihrem Denken eben so getrennt, als in den religiösen Bekenntnissen, denen sie angehörten. Um eine klare Darstellung von dem zu geben, was als Folge aus diesem Umgange für mich notwendig hervorgehen musste, sehe ich mich veranlasst, meine damaligen Freunde einzeln zu charakterisiren. Am nächsten stand mir in früherer Zeit ein katolischer Jüngling, dessen tiefes Gefühl wohltätig auf mich wirkte durch den Contrast, welchen es bildete, mit meiner Superiorität des Verstandes. E d u a r d gehörte keineswegs jenen bigotten Alltagsmenschen an, die man noch immer häufig genug unter Katoliken jedes Ranges und Standes trifft. Er hatte sich aus Neigung dem Studium der Medicin ergeben und würde dadurch allein, auch ohne ein tiefer liegendes Bedürfniss, zu einer Anschauung von Welt und Zeit gekommen sein, die einem hoch ausgebildeten geistigen Liberalismus entsprechend gewesen wäre. Eine derbe gesunde Sinnlichkeit, die wohl im Scherz die Grenzen der Convenienz übersprang, machten mir ihn besonders wert. Es war nichts in ihm krankhaft, und wo ihm nur die Ahnung einer Schadhaftigkeit beschlich, war er gewiss sogleich auf die Vertilgung derselben ernstaft bedacht. Bei dieser Freisinnigkeit war mir auffallend, wie er unerbittlich an der Vortrefflichkeit der katolischen Kirchenlehre festalten und diese sogar mit Geist und schlauer Dialektik verteidigen konnte. Am meisten Streit verursachte zwischen uns die Lehre von der Ascese, deren beseligende, sittliche Kraft Eduard unablässig anpries, ohne doch, wie ich gewiss glaube, von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt gewesen zu sein. Er war unerschöpflich in Aufzählung von Gründen und Beispielen, die alle dahin zielten, die Abtödtung des Fleisches zu apoteosiren. Die ganze geschichte der Heiligen wurde durchgegangen und an ihr scharfsinnig nachgewiesen, wie ohne Ascese ein gottgefälliges Leben unmöglich sei. Um ihn zu ärgern oder mindestens zu einem Ziele zu drangen, ermahnte ich zur Nachahmung solcher Werkheiligkeit, und bestürmte sein Gemüt so lange und heftig, bis ein unverkennbarer Trübsinn ihn befiel, seine Besuche seltener wurden und fast jede Spur früherer Gesundheit sich gänzlich an ihm verlor.
Von meinen sonstigen Freunden hörte ich, dass er seit einiger Zeit engen Umgang pflege mit einem katolischen Teologen, dessen Ruf ein höchst zweideutiger war. Man nannte mir damals den Namen dieses Mannes, die Zeit aber hat ihn aus meinem Gedächtnisse verwischt. Die allgemeine stimme Aller, die ihn kannten, vereinigte sich dahin, dass jener Teolog ein vollendeter Jesuit sei und eine glänzende Laufbahn ihm wohl nicht entgehen werde."
Eines Tages kam Eduard verstört zu mir. "Gleichmut," redete er mich an, "bist Du noch immer nicht überzeugt von dem Wert der Ascese, wie ihn die katolische Kirche lehrt?"
"Nein, Liebster," versetzte ich, "vielmehr sehe ich immer mehr die Unmoralität dieser Doctrin ein, und sieht man Dich an, Eduard, so könnte man sehr leicht auf den Gedanken kommen, Du seist seit einiger Zeit von der Teorie zur Praxis übergegangen. Eduard, Du siehst sehr krank aus."
"Ich bin es, weil ich erkannt habe, dass die Sünde an mir haftet."
"Du bist ein Narr!" fuhr ich heraus.
"Womit willst Du diesen Beweis führen?" fragte Eduard, anscheinend gleichgiltig.
"Den Beweis Deiner Narretei?"
"Ja, wenn ich bitten darf."
"Es gilt!"
"Nun?"
"Wenn ich verlange, Eduard," fuhr ich fort, nur mit Mühe ein sardonisches Lächeln unterdrückend, "Du sollst die Moralität Deiner so gepriesenen Ascese durch Selbstausübung derselben an Dir dartun, bist Du dann geneigt, dieser Forderung zu entsprechen?"
Eine hohe Röte überflog Eduards Gesicht. Ohne Antwort zu geben, riss er die Kleidungsstücke von seinem Körper und zeigte mir eine Schulter, die von Geisselhieben grausam zerrissen war. "Du siehst," setzte er hinzu, "Charlatanerie liegt nicht in meinem Charakter. Was ich behaupte, kann ich auch beweisen, und damit Du diese Pönitenz nicht etwa bloss für eine vorübergehende Grille hältst, verspreche ich Dir, fünfzehn Jahre lang der Welt zu entsagen und in einem Kloster die Frivolität meines früheren Lebens zu büssen."
Vergebens bot ich jetzt meine ganze Beredtsamkeit auf, um den Unglücklichen von diesem Entschlusse, den ich grossenteils veranlasst hatte, zurückzubringen. Eduard beharrte darauf, berief sich auf die heiligen Ermahnungen eines wohlwollenden Priesters seiner Kirche und schied, meiner verhindernden Massregeln ungeachtet, in wenig Tagen aus dem Kreise meiner Bekannten, um als Novize in ein Kloster zu treten