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dieser Menschen deutlicher ward. Noch aber weiss ich mich des Tages sehr wohl zu erinnern, weil an ihm die Urkunde meines ferneren Lebensunglückes von mir selbst besiegelt wurde. Ich gelobte nämlich meinem Vater, ein Gottesgelehrter werden zu wollen, ein Versprechen, das ich bitter bereut habe, weil meine innerste natur in einer feindseligen Verfassung gegen dasselbe sich befand, und dadurch genötigt ward, zum Schlimmen zu kehren, was unter anderen Umständen das Herrlichste hätte entwickeln können. 'Gut, mein Sohn' sagte der bewegte Mann, 'Du hast mein Herz beruhigt, stärke Dich an heiliger Stätte.' – Ich ging zur beichte, und Tag's darauf zum Tische des Herrn. –

O wie brach an jenem Tage der Himmel über mir zusammen und bedeckte mich mit dem Funkennebel seiner zertrümmerten Sterne! Von nun an sollte ich ja ausschliesslich mein ganzes Dasein diesem geschäftigen Dunkel widmen, das ich nie begreifen konnte, und grübeln über unbewussten heiligen Tand! Ich fühlte, dass der Drang meines Herzens nicht dahin sich wendete, sondern der entgegengesetzten Seite zu, wo das heitere Leben sich bewegte mit dem blühenden Scherz und der offenen, unverhüllten Menschlichkeit! Ich begann zu sinnen und durfte nicht lange nach einem Ausgange aus diesem Labyrinte suchen. Beruhigt tat ich fortan, was man gewöhnlich Pflicht nennt und war dabei weder kalt noch warm. Es war der erste Moment, wo ich anfing, im schlimmen Sinne ein Protestant zu werden. In dieser Zeit bildete sich stillschweigend in mir ein eigenes philosophisches System aus, das sich wesentlich von allen andern, ältesten und neuesten, unterschied. Es ist zwar nicht gedruckt worden, doch sicher unter vielen meiner lieben Amtsbrüdern sehr bekannt. Dieses System ist das jenes Protestantismus, der nie gepredigt wird. –

Abermals war eine kleine Reihe von Jahren an mir vorübergezogen. Sie verwandelten nicht meine Denkart, sondern boten nur Stoff zu deren eigentümlicher Ausbildung. Im Streit mit Allem, was Verjährung und altgewohnte Sitte zum Gesetz gestempelt hatte, ward ich ein Sohn jener freieren Weltbewegung, die erst zehn Jahre später Europa durchzitterte. Nur mit Mühe und der Angst stiller Selbstbeherrschung konnte ich die Lehren ohne Widerspruch hinnehmen, die uns als die alleinige Wahrheit von verschiedenen Seiten her geboten wurden. Es war sogar wenig Fruchtbringendes in diesem schalen Einerlei. Die Gedanken schwammen mit gebrochenen Augen darauf herum und wurden still begraben im Zuguss des neuen, wasserdünnen Nichts. Mir hüpfte das Herz vor Freuden, als die Hochschule endlich meinen Forschungen einen grösseren Spielraum für Befriedigung meiner geistigen Gelüste verhiess.

Strotzend von gesunder Lebenskraft betrat ich den Schauplatz der Welt. Mein Geist schlief nicht, er tobte mit Ungestüm gegen die Fesseln, die Schulzwang, unverständige kindliche Liebe und gepredigter Gehorsam wohlwollend ihm angelegt hatten. Sie zersprangen von selbst, als die erste Welle des freien Lebens die rostigen Glieder berührte. Es begann ein schönes Leben, voll blühender Hoffnungen, voll süssen Glückes. Das Reich des unerschöpflichen Gedankens schlug seine Flügeltore mit zauberischem Klange aus einander und neugierig, erkenntnisssüchtig stieg der unbefangene Sohn der natur in diese reichen Gänge voll unbekannter, seltsam gestalteter Erze. Wie mit tausend Geisteraugen stammte die neue Geheimnissweltein zweiter Sternenhimmelum mich und über mir; aber auch dieser sollte bald getrübt werden durch die Doctrin neuer Satzungen.

Hatte mich in der frühesten Jugend das Gemessene im Betragen, das Verlangen, jede Regung einzudämmen in die eng gezogenen Grenzen des sogenannten Schicklichen, erbittert, und dem Erfinder solcher Widersinnigkeiten fluchen lassen; so wandte sich jetzt mein Zorn mit dem ganzen Grimm der erwachenden Männlichkeit gegen ein Dogma, das, so fühle ich, dem Menschen seine Würde, dem Herzen seine seligsten Freuden raubte. Der Mensch, immer geneigt, dem Scheine zuerst zu huldigen, ehe die gesunde Vernunft ihm das Unhaltbare desselben zeigt, hatte dem Vernichtenden die Hand gereicht, und im Lauf der Jahrhunderte auf zwei Doctrinen, die allbekannt sind, das ganze Gebäude der neuen Religion gestützt. Die Hauptlehre des christentum 'die Liebe' ward unerbittlich, obwol unmerklich, aufgehoben durch jene beiden. Eigennutz und Ehrsucht ermangelten nicht, daran zu bilden und zu feilen, bis ein künstliches Netz entstand, in dem sich bequem der Mensch gefangen nehmen und die Heiligkeit seines Wesens einspinnen liess unter der Vorspiegelung, er werde dadurch gottähnlicher gemacht.

Früher, mehr beschäftigt mit der Profangeschichte als dem Kirchenleben, war mir dies so gut wie unbekannt geblieben. Nun aber schlug mit der Kirchengeschichte sehr oft ein zweitausendjähriger Jammer sein wahnsinniges Gelächter vor mir auf, und alle Völker Europa's wimmerten im Chor das Echo dieses entsetzlichen Weh's. Umsonst schloss ich die Augen, umsonst trocknete ich den Schweiss von der erbleichenden Stirn, das Weh gebar sich immer wieder von selbst aus jedem hinsterbenden Jahrzehnd, und wucherte fort, je dichter die Leichname über einander hinstürzten. Ist denn d a s Christentum? fragte ich laut und leise den Gram meiner Seele, und sollst denn Du ein Lehrer werden dieses Wahns? – Aber es erfolgte keine Antwort auf meine fragen, nur das Aechzen der sterbenden Jahrzehende weinte aus der weiten Todtenhalle, und der Duft der modernden Jahrhunderte hing seine feuchten, glänzenden Siegesfahnen in kaltem Farbenschmuck über den hinsterbenden Völkern auf. – Dort auf dem Kateder aber standen die schwarzen Männer mit den verwimmerten Gesichtern, in denen kein frisches, fröhliches Leben mehr seine heiligen Rosen erblühen liess, und docirten als geschichtliche Facta, als heilige Vermächtnisse grosser Vergangenheiten, was mein seltsam gebildeter Verstand nicht fassen konnte.

Nie war ich unglücklicher gewesen