1838_Willkomm_134_33.txt

. August.

Es ist wieder Nacht, ich habe das neunfache Siegel gebrochen und einen teil von Gleichmut's Lebensgeschichte gelesen. Wenn der unsicher zitternde Buchstabe Dich anstarrt aus diesem Briefe, wie das Bangen eines Geheimnisses, so wundere Dich nicht darüber. Selten ist es uns vergönnt, im Herzen des Fremden eine Lösung für Rätsel zu finden, die mit ertödtendem Nachsinnen eine halbe Welt von der heitern Tat zurückhalten. Ich habe den Prediger schwören müssen, nur in der Einsamkeit der Nacht Umgang zu pflegen mit seinem Leben, als wäre es eine verschämte Geliebte, die sich nur im Dunkeln dem Freunde hingeben will. Das Versprechen habe ich gelöst. Ob er auch Verschwiegenheit verlangt? Schwerlich! Denn die Art seiner Erzählung klingt wie ein Aufruf an alle Welt und kann, verbreitet, Tausenden zur Rettung gereichen. Ausserdem scheint es mir, als wolle der fernere Verlauf dieser Mitteilungen sich in die Maschen des Lebensnetzes verwickeln, das der Zufall auch über mich geworfen hat. Nimmst Du teil an den Leiden eines strebenden Geistes, so lies die folgenden Blätter, fürchtest Du aber den Unmut, der wie ein finsterer Geist Dich umkreisen wird bei dieser Lectüre, so überschlage sie. Nur für den Bewegten, Freundlosen und vom Weh des Lebens Gequälten können diese Eröffnungen einen Trost entalten. Hier der Anfang.

Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre

und Streben Irregeleiteten.

"Meine Kindheit war ein langer Fluch in Mandelmilch aufgelöst. Ich trank den süssen Saft, ohne zu merken, welches Gift ich genoss. Erst im dreizehnten Jahre zeigten sich fühlbare Spuren der verschlungenen Mixtur. Dieser Fluch war die übertriebene Frömmigkeit meiner älteren, wie man damals die Unbewussteit zu nennen beliebte, die sich in unbedingter Hingabe an Altüberliefertes ausspricht. Dagegen hatte ich selbst nichts einzuwenden gehabt; denn dasjenige, was durch Gewohnheit überzeugende Kraft gewonnen, lässt sich schwer ausrotten. Der Fehler lag nur in meiner unglücklichen Constitution. Mein frommer Vater hatte, unbeschadet seiner Frömmigkeit, der Liebesgöttin zu tief in die feuchten Augen gesehen, als der Himmel sein gnädiges Gedeihen gab zu einer ungleichen Liebe in rechtmässiger Ehe. Das Kind der Ehe wardseltsam genugals ein Kind der Liebe geboren, und kam auf die Welt mit farbigen Flügeldecken, die nur notdürftig den Mut des Lebens und die Freude an heiterem ungenirten Genusse dieses Erdenlebens verbargen.

Die Liebe ist blind, selbst bei frommen älteren. Die meinigen bemerkten zu spät, dass ihre Liebe zu mir sie das Berupfen meiner Schwungfedern hatte vergessen lassen. Man wollte nachholen, was nur in e i n e m einzigen glücklichen oder unglücklichen Augenblicke gelingt; es war zu spät, die Federn liessen sich nicht mehr ausziehen! Meine älteren gingen fleissig zu Kirche und Abendmahl und schenkten dem heiligen geist zwei silberne Leuchter, wahrscheinlich, damit er mich gnädig mit dem sanften Licht seines Taubengesichtes erleuchte. Diese heilige Kur schien aber bei mir schlecht anzuschlagen, wie alles Heilige. Von stunde an wuchs meine Lebenslust, die Gedankenzwiebel fing an zu keimen und ihr narkotisches, neunhäutiges Gewand duftete so stark, dass meine älteren Kopf- und Verstandesschmerzen davon bekamen. Ich dachte schon damals Dinge, die vor zweihundert Jahren in der Schmelzglut eines Scheiterhaufens geläutert worden wären.

Diese Wahrnehmung brachte grosse Besorgniss in unser Haus. Es ward ein Rat versammelt und die Friedenspfeife angezündet. Als ihre heiligen Dampfwolken einen dichten Nimbus im Zimmer bildeten, beschloss man, mich der Kirche zu offeriren. Dieser Beschluss ward mir bekannt gemacht und ich nahm ihn hin, wie jeden andern. Konnte ich doch nebenbei tun und denken, was ich wollte. Das Bewusstsein der Göttlichkeit hoffte ich mit der Zeit ebenfalls in mich hineinzubringen.

Dreizehn Jahre alt ward ich in die Schaar der erwachsenen Christen aufgenommen. Die Confirmationshandlung unterhielt mich. Es vereinigte sich dabei viel unnötiger Flitter und einige Repräsentation. Ich hatte selbst eine Art öffentlicher Charge, konnte mich zeigen, und diese erste probe von Ostentation schmeichelte meinem ruhmsüchtigen Herzen. Das Heilige, wovon mir zwar endlos vorgeschwatzt worden, dessen Wichtigkeit Lehrer und älteren mir salbungsvoll eingeredet hatten, ohne mir doch das Warum? desselben auch vernunftgemäss dartun zu können, dieses Heilige blieb mir leider völlig unbegreiflich! Auch lebe ich noch heute der festen überzeugung, dass alle jene andächtigernsten Gesichter selbst nichts davon ahnten. Ihre Gutmütigkeit, ihre Glaubensschwäche oder Stärke, ihre gottserbärmliche Gabe, sich an etwas Gegebenes eher anzuschliessen, als aus sich selbst etwas Neues, diesem Gegebenen Entgegengesetztes zu entwickeln, vermochte sie dazu.

Unter solchen Verhältnissen nötigte mich die Confirmation zu einer Art Meineid und die erste Abendmahlsfeier konnte ichentsetzlich genugspäterhin nur als meine erste Gotteslästerung betrachten. Sicher aber wird der gnädige Gott mir diese Todsünde nicht hoch anrechnen. Wie konnte auch der weltlich gesinnte Knabe mit der schäumenden Sinnenlust Geheimnisse begreifen, die ein in Heiligkeit und beschaulichem Leben abgetödteter Mensch noch dunkel und rätselhaft genug findet! Mein einziger Genuss bei dieser kirchlichen Feierlichkeit war, dass ich Zeit dabei gewann, mich recht innerlich in meinen eignen Gedanken zu ergehen. Nach der Handlung selbst wollte ich eine lustige geschichte erzählen; da nahm mich der Vater bei der Hand und sagte feierlich-ernst: bedenke, was Du heute vorgehabt, mein Sohn! Ach, du lieber Himmel, ich hatte ja gar nichts vor, und das war eben die Ursache meiner kindlich-frommen Heiterkeit. Indess schwieg ich und war im Ernst bemüht, mich hineinzuheucheln in den feierlich-trübseligen Ton der Uebrigen.

Es vergingen Jahre, ehe mir der heilige Wahnwitz