erzogen werden." –
Entsetzen lähmte den Prior. Der entfesselte Mönch stand mit einem schluchzenden Gelächter auf, ergriff seine Ketten und umschlang, ehe wir es hindern konnten, mit den rostigen Gliedern den Prior. Dann fiel er in seinen Gesang und raste im wilden Tanze unter dem Sterbegeläute des Kettengeklirrs mit seinem Opfer in der Zelle umher. Mir vergingen die Sinne, ich hörte nur noch die grässlichen Worte:
"Sei gegrüsset, holde Schöne!
Dich, Maria, mit Gestöhne
Bet' ich an – 'nen Kuss, 'nen Kuss! –
– Sed tu, bonus, fac benigne,
Ne perenni cremer igne! etc."
"Da haben Sie die Moral der Rache," sagte Bardeloh, zurückgesunken in die vernichtende Ruhe eines Menschen, der im Weh des Lebens das Glück verloren hat, den Schmerz sichtbar werden zu lassen in seinen Mienen. Noch eine kurze Zeit und der Mönch stürzte mit sammt dem Prior zu Boden. Eine bange Stille trat ein. Die Jammergestalt des Unglücklichen zuckte fieberisch, der Prior, dessen Nacken von der Kette des Wahnsinnigen umschlungen ward, hob und senkte nur noch die Augenlider. fester schnürte sich die Kette um seinen Hals. Das brechende Auge schleuderte einen ewigen Fluch auf Bardeloh. Der Wahnsinnige ermattete mehr und mehr, er wiegte sein haarloses Haupt hin und her und stammelte mit lächelnder Lüsternheit die Sylben seines unsittlichen Gesanges. "Wie wird das enden?" seufzte ich aus meinem brechenden Herzen, als die Blässe des Todes wie ein Leichentuch über das Gesicht des Priors fiel.
"Sehr gut," sagte mit unerschütterlichem Gleichmut Bardeloh. "Bleiben Sie hier. Ich gehe zu den Confratres, erzähle ihnen, was sie zu wissen brauchen und legitimire mich bei der geistlichen Behörde. Wie d e r Mensch gestorben, kann ein unmündiges Kind begreifen."
Bardeloh ging fort, ich blieb bei dem Leichnam und dem in Ohnmacht gesunkenen Mörder desselben. Es war die entsetzlichste Stunde meines Lebens, die an mir vorüberzog. O, könnten wir einen Seherblick tun in die geheime geschichte klösterlichen Lebens, es würde die blutigste Biographie des Menschenherzens sich herausheben aus verschwiegenem Schutt und Moder, und der Anfang des Weltgerichts hereinbrechen über die Erde! Nur der Gedanke, dass in der Gesammtgestaltung des inneren Weltlebens ungesucht sich ein Frieden begründet, welcher den bittern Widerstreit zwischen dem lauschenden Skepticismus des Verstandes und den Irrungen des nach Heiligung trachtenden Menschenherzens ausspricht, kann uns beruhigen.
In kurzer Zeit erschienen die Brüder und knieten in stummen Gebet um ihren toten Prior. Bald darauf kam Bardeloh zurück mit den Behörden. Die Legitimation war schnell geschehen, über die Todtesart des Prior konnte kein Zweifel aufkommen. Bardeloh erzählte den Vorgang der Wahrheit getreu mit Verschweigung Alles dessen, was nachteilig für ihn hätte werden können. Der Wahnsinnige, behauptete er, habe seine Ketten selbst zerrissen. Dies musste er auf das Kruzifix beschwören, was er ohne Widerstand tat und mit grossem Ernste. Er verlangte hierauf Auslieferung des Bruders, die man ihm um so weniger verweigerte, als sorgsame Pflege sehr wahrscheinlich das einzige Mittel zu seiner Genesung werden konnte. Alle Anzeichen, auch die Aussagen der ältern Brüder, bestätigten, dass der Wahnsinnige gegen seinen Willen in's Kloster gebracht und darin festgehalten worden sei. Wie weit der Prior daran teil gehabt, war schwieriger zu ermitteln, doch schien aus Allem hervorzugehen, dass eine unerbittliche Feindschaft zwischen dem toten und dem Mönch bestanden habe, und die Einkleidung des Letzteren eine Art Rache von Seiten des Priors gewesen sei. Bardeloh beobachtete, wie gewöhnlich, ein hartnäckiges Stillschweigen, wie es schien, weil er selbst über die ächten Beweggründe nicht im Klaren war.
Nach einer halben Stunde kehrten wir in Bardeloh's wohnung zurück, etwas später ward der Bruder meines Gastfreundes in einer verschlossenen Kutsche, gefesselt an Händen und Füssen, dem Verwandten übergeben. Ein festes Zimmer ist seitdem sein Aufentalt und seine Kräfte nehmen sichtlich zu. Er ist geduldig wie ein Kind und spielt mit unverkennbarer Hinneigung zu Felix mit diesem. über den unglücklichen Tod des Priors gehen zwar verschiedene Gerüchte, doch entfernen sie sich alle weit von der Wahrheit. Bardeloh ist seitdem noch viel schwermütiger und schweigsamer geworden, behandelt mich aber mit der freundschaftlichsten Aufmerksamkeit. Ich habe ihm versprechen müssen, das ganze Jahr und auch den Winter hindurch bei ihm zu bleiben. –
Dies waren die Folgen eines unschuldigen, harmlosen Spazirganges Wie seltsam sich die Schicksale verketten! Fremd, ohne wahrhaftige Freunde zu besitzen, muss ich die Veranlassung geben zu einem Morde, aber auch einen Unglücklichen befreien, vielleicht um ihm zu einer nur mässigen Gerechtigkeit zu verhelfen. – So Ausserordentliches kann sich nur in einer katolischen Stadt ereignen, in deren rostigen Fesseln die geschichte immer des Augenblicks harrt, der sie wieder austreten lasst als Schöpferin einer Tat. Der Zwang ist unser Befreier, die Kette der Laufring, worin die Tugend gehen lernt. Und nebenher trottet die ewig geduldige Zeit, als gutmütige Amme, die besorgt um das lebhafte Kind den Ring immer enger zieht, wenn es stolpert. Wann werden wir endlich aufhören zu stolpern? Gott des himmels, lass uns doch nicht mehr stolpern, sondern kräftig wie junge Löwen umherspringen! Vielleicht macht das Alter die Amme blind. Dann wird sie sich freuen ihrer Ziehkinder, die Taten vollbringen, um der Blinden des Abends, wenn sie ruhen, die Zeit durch Erzählungen zu vertreiben. Eine Tat, ach eine Tat, die ganze Welt für eine Tat! –
Den 7