1838_Willkomm_134_31.txt

fort.

"Sie haben zu befehlen, trefflicher Mann, so weit Ihre Wünsche nicht gegen die Ordensregeln verstossen, die ich als neugewählter Prior mit grosser Vorsicht beobachten muss."

"O, es ist nur eine Kleinigkeit, Hochwürden! Mein Freund hier, ein ferner Anverwandter, hat gehört, es soll sich in diesem Kloster ein Mönch aufhalten, der aus hohem stand entsprossen, sich den Unwillen seiner Familie zuzog und um ihren Verfolgungen zu entgehen, die Priesterweihe empfing. Familienverhältnisse machen ein Zwiegespräch unter vier Augen nötig."

"Dann würde ich den Herrn um Mitteilung des Namens bitten."

"Doch nicht! Ein Muttermal wird sicherer zum Ziele führen, da die Hartnäckigkeit dieses Menschen bekannt ist und ihn wahrscheinlich aus Argwohn abhalten dürfte, seinen Namen anzugeben. Ein Besuch der Zellen ist gewiss nicht verboten?"

"Keineswegs, nur muss es in meiner Begleitung geschehen."

Ein Lichtglanz, wie auf dem Ruben'schen Gemälde, umfloss Bardeloh's Gesicht. Er schien gerade diese Begleitung zu wünschen. – Stillschweigend traten wir unsere wunderliche Wanderung an. Die meisten Zellen waren leer, das Kloster schien aussterben zu wollen, wie die bigotte Andacht.

"Treten oft neue Mitglieder in den Orden?" fragte ich.

"Seit zehn Jahren ist kein Novize mehr aufgenommen worden." Jetzt kamen wir an die bewohnten Zellen. Die Mönche begrüssten uns mit dem scheuen Argwohn, der Menschen eigen ist, die nie oder höchst selten in die Welt kommen. Es lag in ihren blassen Gesichtern mehr Stupidität, als vergramtes Leben. Sie zu beherrschen konnte nicht schwer sein für Einen, der nicht ganz an Geist verwahrlost war. – Unsere Musterung ging zu Ende. Wir verliessen die letzte Zelle, das Gesicht dessen, den wir suchten, war uns noch nicht vorgekommen.

"Es muss eine Täuschung sein," sagte Bardeloh. "Wir bitten um Entschuldigung, Ew. Hochwürden gestört zu haben."

Der Prior sagte eine verbindliche Schmeichelei und ward beredt. Er erzählte verschiedene Wundersagen, die im Kloster seit Jahrhunderten heimisch geworden waren. Die Gänge auf und abwandelnd schlug Bardeloh mit diplomatischer Feinheit immer diejenigen ein, die wir noch nicht betreten hatten und war so vorsichtig, bei jeder neuen Wendung einen seinen Rötelstrich unbemerkt an die Wand zu machen, indem er sich den Anschein gab, als halte er sich daran. Der Prior bemerkte diese strategische Vorsicht nicht. Plötzlich ward das Gespräch unsers Führers durch ein lautes lachen unterbrochen, dem unmittelbar eine Strophe aus jenem mir schon bekannten lied folgte. Wir waren am Ziele. Dieser Ton wahnsinniger Lust brach dumpf aus einem Turme, der vor uns den gang schloss und mit einer ei- senbeschlagenen Tür wohl verwahrt wurde. Der Prior erbleichte, biss die Lippe ein und wollte umkehren.

"Was haben Sie denn da für einen lustigen Vogel?" sagte nachlässig lachend mein Gastfreund. "Lassen Sie uns doch näher treten. In meinem Leben habe ich noch kein so vergnügliches, frivolwitziges Lied in Klostermauern gehört."

Der Prior konnte uns nicht hindern. Wir standen an der eisernen Tür. "Es ist ein Toller," sagte unser Führer, "den wir der Sicherheit wegen in diesen engen Gewahrsam gebracht haben."

"Ach Tolle, Sie wissen es, Hochwürden, Tolle sind meine wahre Passion!" rief wie verzückt und in ganz verdachtloser Vergnüglichkeit Bardeloh aus. "Ich bitte, lassen Sie mich das seltsame Menschenkind sehen! Ohnedies beschäftige ich mich jetzt mit dem Studium der umgekehrten, will sagen, der rückwärts sich entwickelnden Menschheit, und da könnte mir der Anblick einer solchen Curiosität von ganz besonderm Nutzen sein. Bitte, Hochwürden, lassen Sie die Tür öffnen!"

"Nur auf einen Augenblick," versetzte der Prior, aus seiner Ordenstracht einen Schlüssel hervorziehend. "Ich muss hier immer selbst Pförtner sein," setzte er hinzu, "damit keine Unordnung geschieht."

Die Tür drehte sich in ihren Angeln, eine abgemergelte Menschengestalt, in die zerfetzte Ordenstracht gehüllt, sass auf einem Block. Eine starke Kette schmiedete sie an die Mauer. Mehr aber noch als die Gebrechlichkeit seines Körpers und die irre Glut, die aus dem tiefliegenden Auge brach, entsetzte mich eine blutrote Narbe, die von der linken Schläfe in Form eines Halbmondes bis auf die Mitte der Stirn herab lief. Gram, Angst und die Zerstörung des Wahnsinns hatten den Scheitel fast aller Haare beraubt. Der Mensch glich einem lebendig gewordenen Todtenkopfe.

"Er ist es!" rief Bardeloh aus und packte zugleich mit Riesenkraft den Prior. "Sieh mich an, Schurke!" fuhr er fort dem Erschrockenen in's Gewissen zu donnern, "und läugne, dass wir Brüder sind." Er riss den Hut vom Haupt und strich von der linken Schläfe die Haare zurück, die eine eben solche Narbe, nur weit kleiner und blässer verdeckten. "Das ist mein Zwillingsbruder. Wir tragen das Schreckenszeichen, dessen Anblick unsrer Mutter das Leben kostete. Ich fordere das Leben dieses Unglücklichen von Deiner Seele!"

Der Mönch lachte zu diesem Austritt und sang in kurzen Zwischenräumen Strophen aus seinem lied. In der Kirche begann eben wieder die Hora. "Ja singt nur, Ihr Heuchler," schrie Bardeloh und warf sich auf die Ketten des Wahnsinnigen, die seiner Kraft wichen und, morsch wie sie waren, zersprangen, "singt nur und ruft die Strafe des himmels herab auf die gottverlassenen Gewölbe, wo die gesunden Sinne zur Tollheit