sich nicht genau scheiden und ich bemerkte nur, dass ein paar Mönche die Hauptfiguren bildeten.
"Betrachten Sie es genauer," sprach Bardeloh. "Sie müssen aber hier stehen bleiben."
Ich befolgte seinen Rat und erkannte bald aus Farbenton und Auffassung den Pinsel Rubens.
"Es ist die Bekehrung des heiligen Franz von Assisi," versetzte Bardeloh, "ein Werk, das viel zu wenig beachtet wird von Künstlern und sogenannten Kunstkennern. In diesem Gemälde liegt eine ganze Welt. Rubens hat sich selbst übertroffen, ohne dass er es geahnt. Das Bild ist weit mehr wert, als die Kreuzigung Petri in der Peterskirche, von der jeder Commis voyageur ein Langes und Breites faselt. Jenes ist ein gutes Experiment, dies ist eine Tat. Der ganze religiöse Wahnsinn mittelalterlicher Heiligkeit ist mit den genialsten Schlaglichtern in dieses Gemälde verwebt, und Alles, was späterhin Möncherei und jesuitischer Unsinn über die getäuschte Welt verhängten, das kann man herauslesen aus diesem zusammenstürzenden Franz und seinen Begleitern. Will einer erfahren, was es heisst, eine weltgeschichtliche Epoche moralisch auffassen, und an ihr die Unmoralität der Zukunft nachweisen, der darf nur dieses Gemälde mit productivem Gemüt betrachten."
Bardeloh liess mir jetzt hinlängliche Zeit, von allen Seiten aus dem Rubens'schen Gemälde die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will nicht läugnen, dass es dem Künstler gelungen ist, mit grosser Genialität der Menschengeschichte die verschwiegensten Seelentöne abgelauscht zu haben, um sie als Harmonie durch Auflösung der grellsten Dissonanzen in diesem Gemälde zusammenzustellen; aber es gehört eine Bardeloh'sche Art und Weise dazu, die Dinge zu betrachten, um zu finden, was ihm bedünkte. Mir ist es genug, eine Tat in dem Gemälde zu erblicken, die, bestehe sie, worin sie wolle, als Schöpfung an sich immer moralisch ist. Das Werden, das Gestalten kann sich dem Unmoralischen annähern, das Gewordene aber muss, als ein Fertiges, immer moralisch bleiben. Freilich wird man dies vielfach bestreiten wollen und daraus die Moralität von Jedem und Allem ableiten; es soll mich aber nicht irren. Die Kraft ist immer gut, und die Tat als Manifestation der Kraft kann auch nur gut sein. Erst der Conflict mit Zeit und Umständen erklärt sie für moralisch oder unmoralisch, wozu als Ergänzung nicht wenig Vorurteile, Gewohnheiten, Sitten, Meinungen und Satzungen beitragen, mit Einem Worte: die Philisterei des zahmen Gedankens gibt den Ausschlag.
Gesättigt von Kunst und Ideen verliessen wir das Museum.
"Nun führen Sie mich nach dem Kloster, wo es so gesangreiche Mönche gibt," sagte Bardeloh. "Ich bin doch neugierig, wie sich ein Mönch des neunzehnten Jahrhunderts im Gegensatz zu dem in Andacht aufgelösten Francesco ausnehmen wird."
Einige Gässchen führten uns zu dem Gebäude. Dieselbe Stille wie vor einigen Tagen! Grabesruhe lag um das öde Gemäuer, Todesröcheln schien aus jedem Quadersteine heraufzustöhnen.
"Hier also sitzt der fidele Vogel?" fragte Bardeloh. "Der Ort ist passend. Die heilige Schaar ist so klug wie der profane Diplomat."
"Dort an jenem Fenster sah ich den Mann," versetzte ich und deutete nach dem engen Spalt. – Es blieb Alles still wie ausgestorben. Vor der Pforte wuchsen Gras und Nesseln.
"Unkraut," murmelte Bardeloh. "Gleich und gleich gesellt sich gern. Lassen Sie uns läuten."
Die Glocke dröhnte wie ein lauter, wehmütiger Lebensschrei in den weiten Gewölben. Ein heiseres lachen schallte von Oben herab. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe der Pförtner öffnete.
"Ist der Prior zu sprechen?" fragte Bardeloh.
"Tretet herein in das Haus des Herrn," erwiderte der Pförtner, eine Gestalt, in der das Menschliche, wie es schien, ohne Widerstreben der Regel unterlegen war. Dieser Mensch konnte für eine simple Null gelten. Er führte uns in das Sprachzimmer und entfernte sich dann, um den Prior zu rufen.
Individuen, wie dieser Pförtner, taugen ins Kloster, überhaupt zu gewöhnlichen pfaffen. Es kommt ihnen nicht schwer an, Toren zu werden und bei der notwendigen Metamorphose, die sie innerlich erleiden, geht es ab ohne Todtschlag, ohne Seelenmord. Muss aber ein ganzer, voller Mensch sich dem heiligen Wahnsinn der Satzung, des Dogma's fügen, so bleibt diese sogenannte Moralität immer ein unmoralisches Factum. Verfehmung der Menschheit in uns, um sich den sogenannten Himmel zu sichern, ist unsittlich.
Der Prior trat ein. Bardeloh schrack gleich mir zusammen, als er in dem Oberen des Klosters einen seiner Abendgäste erblickte. Auch dem Prior schien diese Entdeckung zu geniren. Es war der gewandteste Weltmann im Salon des Particulier's.
Durch seine stets lächelnde Miene war er mir schon damals aufgefallen, doch hatte ich nicht mit ihm gesprochen.
"Was verschafft mir die Ehre Ihres wertvollen Besuches?" fragte etwas verschüchtert der Prior.
"Ei," erwiderte Bardeloh, "ich konnte doch nicht unterlassen, Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Versetzung abzustatten." – Der Prior horchte mit offenen Ohren und Augen. – "Ihr Avancement vom Weltgeistlichen zum segenverheissenden Vorsteher eines Klosters ist für mich ein zu bedeutsames Ereigniss."
"Sehr verbunden, sehr verbunden!" erwiderte der Prior, mit schlauem Tact in Bardeloh's Gedanken eingehend. Er drückte meinem Begleiter die Hand, die dieser mit ächt katolisch-andächtiger Grazie an die Lippen führte.
"Als alten Bekannten werden Sie mir gewiss einen kleinen Gefallen erweisen," fuhr Bardeloh