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haben. Ist das Jüngferchen bereit, so will ich ihr den Arm reichen."

"über den alten Gecken!" rief Lucie, warf uns Beiden ein Kusshändchen zu und hüpfte zur Tür hinaus.

"Was? Alter Stecken?" wiederholte Ephraim. "Mein allerliebstes Kind, zwar heisse ich Ephraim Klapperbein, aber so gar steckenartig sehe ich doch noch nicht aus. Und hören Sie, Jüngferchen, wenn Sie einmal in mein Alter getreten sein werden, so wird sich's auch nicht mehr so rund und voll herumspringen lassen."

Für Lucie ging diese Rede verloren. Sie war schon die Treppe zur Hälfte hinunter. In der Tür drehte sich Ephraim noch einmal um. "Und der Herr? Gehen der Herr mit? Es ist e i n Türaufmachen und so ziemlich an der Zeit, nach haus zu gehen. In fünf Minuten gehe ich zu Bett und kein Nachtschwärmer soll mich wieder herausbringen, so wahr ich Ephraim Klapperbein heisse und in einem Jahre zehn Eimer Wein getrunken habe."

"Geh nur, Ephraim," sagte Auguste, "meinen Gesellschafter werde ich schon selbst über die schwierigsten Passagen unserer Treppe hinwegbringen."

Wir blieben allein. In den Duft der Blumen mischte sich das Aroma der säuselnden Sommernacht, Feuerfliegen schwärmten herein und glänzten in den aufgelösten Locken Auguste's wie dunkle Rubinen. Bei allen Schrecken, die über mir hingen, verlieh mir doch diese Nacht auch die seligsten Augenblicke. So verketten sich die Ringe von Glück und Unglück, wie zwei Schlangen, farbenschillernd, giftschäumend und doch bezaubernd im wandelnden Feuer, das auf ihren Schuppen spielt. –

Es schlug Mitternacht, als ich Auguste verliess, reich, wie ein Nabob, denn ich war im Besitz ihres Herzens! – Du fragst, ob dies Alles sei? Ob mich der heilige Rausch nicht hingerissen habe in seiner glücklichsten Betäubung und ich mich gebadet in der Flammenglut des Fleisches, über dessen zitternde Wogen die Psyche mit keuscher Hand den Himmel ihrer Flügeldecken wirft? – Ach, Ferdinand, Du kennst sie nicht, die wunderlichen Launen der Weiber! Auguste hat mir Alles gegeben, ihr Herz, den Glanz ihres Auges, in dessen lichter Wölbung ich die wundersamste Sterndeuterei begann, Lust und Umarmung, aber die Seligkeit auf Erden –? Das holde Kind meinte, nur die Verheissung sei beseligend. Sie entriss sich mir; es gab noch mehr Unglück unter den Blumenstöcken, ich musste mich beruhigen. –

Du kannst es ebenfalls. Dein Begriff der Tugend und Unschuld, von dem ich nie viel gehalten, steht noch sehr leserlich auf meiner Brust geschrieben. Bis Du Dich an den Gedanken der Vernichtung dieser wundersamen Gotteit gewöhnt haben wirst, soll er Dir bewahrt bleiben. Dann aber will ich ihn ausbrennen und dennoch mich nicht schämen vor Deiner schneckenkalten Sittlichkeit. –

Sieh! die Sommernacht neigt sich wieder dem Ende zu. Eine Welt in Trümmerschutt ihres Chaos habe ich hingeworfen auf das geduldige Papier. Was sich daraus formen wird, wer mag's bestimmen? über eins aber freue ich mich. Dies ist der alte Ephraim, der erste rein vergnügliche Mensch, der mir seiter begegnet ist. Dieser brave Greis weiss nichts vom Schmerz des jugendlichen Europäers. Seine Zeit ist mit ihm alt geworden und die schöneren Erinnerungen aus der Sonnenwelt der Jugend trägt er wie Reliquien mit sich herum, in deren Kusse er die welke Lippe des Alters frisch badet. Wir Andern alle, die wir uns hier getroffen, sind mehr oder weniger dem Ungemach der Gährung hingegeben. Selbst Auguste und Lucie, gewiss noch die Fleckenlosesten aus meiner Bekanntschaft, fühlen dunkel die Qual, die mit dem Fortwandeln der Tage wie eine dunkelgefleckte Boaschlange sich auf den Ast des Weltbaumes aufrollt, um sich auf ihre Opfer zu stürzen.

Der morgende Tag soll neue Rätsel lösen, vielleicht auch schürzen. Die geschichte der Ewigkeit ist über und um mir, wie der ferne, grause Donner des Malstromes. In seinen Schlund hinab fährt, dünkt mich, das Schiff der Europa. Uebermut mit Schwäche und feigem Alter gepaart ist sein Kapitän, Koketterie und Bedientendemut sein Steuermann. Glück auf die Reise, du europäischer Koloss mit dem Colosseum deiner tausend und abertausend Heldengräber! Erweckt die alten Schläfer das Donnergebraus' des Weltenstrudels, so wird dir ein Todtentanz aufgeführt, der selbst den Schatten deines versunkenen Leibes noch einmal zur Welt beleben könnte. Vergessenheit, zerdrücke den Docht meines Geistes, damit ich nicht gegenwärtig sein darf bei der Grablegung Europa's! –

4.

An Raimund.

Köln, den 6. August.

Es ist sehr unrecht von Dir, mich der Saumseligkeit zu beschuldigen. Weiss ich doch, dass Ihr Brüder so eng in einander verwachsen seid, als wäret Ihr Zwillinge. Nicht nur besteht Gütergemeinschaft zwischen Euch, die Ihr doch sonst jeden Saint Simonistischen Gedanken unerbittlich verdammt, sondern auch Euer tieferes Leben mündet sich gegenseitig in die Seele des Andern. Ich lobe und achte dieses brüderliche Vertrauen, wiewol es nicht immer klug sein mag. Briefe wenigstens sollte man nicht behandeln, wie ein gedrucktes Buch. Ein Brief ist ein in Aufwallung aller Gefühle, Empfindungen, Leidenschaften verratenes geheimes Liebesgeständniss an ein Herz, dessen Puls sympatisirende Vibrationen mit dem unsern haben muss. Hast Du Dich übrigens vernachlässigt geglaubt, so wird Dich dieser lange Brief von dem Gegenteil überzeugen.

Meine bisherigen Erlebnisse sind Dir bekannt. Dein hohes Intresse an dem Weltbewegenden, das sich darin ausspricht, wie Du meinst, bewegen mich, an das schon Gegebene