den Rhein gesprungen. O Auguste!"
Sie schlang in komischer Angst ihren Arm um Auguste's Nacken, die ihrerseits durch die naive Vermutung ihrer Freundin mit schöner Purpurglut übergossen ward. Auch mir stieg das Blut in's Gesicht.
"Lucie, Du bist närrisch," sagte Auguste, die Ungestüme von sich losmachend.
"Freilich," erwiderte das lebhafte Mädchen, "das ist ja eben das Unglück. Ich wollte lieber ganz toll sein!"
Sie riss alle Fenster auf und setzte sich dann an das Fortepiano, auf dem sie Töne anschlug, die im Reich der Harmonie noch kein Bürgerrecht erlangt haben.
Auguste sass neben mir. In unsern Blicken lag tausendmal mehr Melodie als in dem Geklimper Luciens. Die sanfte Gewalt, mit der uns ein jungfräuliches Auge in seinen Kreis zu bannen weiss, hat für mich immer mehr Reiz gehabt, als die momentan hinreissende Glut, die aus Wesen, wie Lucie ist, uns überflutet. Lucie ist verführerisch, Auguste liebenswürdig. In Lucie jauchzt der Triumph, der Liebe seine vorüberrauschenden Dityramben, durch Auguste's Wesen klingt ein feierlicher Hymnenton, der den Genuss erhebt zur Innigkeit eines dauernden Glückes. Wie Lucie nur den Moment, der in seiner keuschen Entschleierung heilig ist, zur Erscheinung bringt, so feiert in Auguste die unschuldige, ewig reine Weiblichkeit in nackter Schönheit ihre Apoteose. Lucie besitzt nur die neckende Launenhaftigkeit dessen, was liebenswürdig ist am weib, Auguste aber verhüllt diesen bleibenden Reiz unter einer Zurückhaltung, die eine intensivere Wärme verrät.
Ich will Dich nicht mit dem unterhalten, was wir mit einander plauderten. Dazu taugt weit besser die halb natürliche, halb kokette Unruhe Luciens. Denn diese Art der Liebe ist phantastisch und spricht in ihrer Launenhaftigkeit weit mehr an, als jene stille Poesie der Liebe, die mit dem Senkblei tieferer Seelenbeschauung herausgehoben sein will aus dem Perlenmutterschrein der Keuschheit.
"Oskar ist ein ekelhafter Mensch!" sagte Lucie und schlug einen noch nie gehörten Accord auf dem Fortepiano an, in dessen herzzerreissendem Gewimmer wirklich ein paar saiten im Herzen des Instrumentes zersprangen. "Sobald er zu mir kommt, geb' ich ihm Nasenstüber."
"Daran tust Du ganz recht," sprach Auguste. "Besser aber wär' es noch, Du liessest ihn gar nicht mehr herein. Wirklich, glaube mir! Der Mensch ist Deiner Liebe nicht wert."
"Nein, das geht nicht, Auguste; ich muss ihn doch ärgern. Das kann ich nur mündlich."
"Wenn Sie ihm einen Kuss geben," fiel ich ein.
"Da möchte er lange warten müssen. Ich hasse das Küssen."
"Immer?" fragte ich. "Die Erfahrung wäre ganz neu."
"O, mein Bester," sagte Lucie, sich vor mich hinstellend, "glauben Sie denn die ganze Welt von Erfahrungen schon hinter sich zu haben?"
"Sie beweisen mir das Gegenteil, fräulein Lucie."
"Bei mir sollten Sie zu raten bekommen!"
"Wenn Sie es zufrieden sind, wollen wir einen Versuch mit einander wagen."
Hier schlug mich Auguste auf den Mund und meinte, ich sei ein unausstehlicher Mensch. Lucie lachte und liess die Mandoline wie einen Perpendikel an der Wand hin und herschwanken.
"Mein Gott," rief sie wieder aus, die hände angstvoll über den Busen kreuzend, "wenn er nun aus purem Wahnsinn in den Rhein gesprungen wäre! Herr Gott, was sollte ich anfangen! Gestern schlug ich ihn so heftig mit dem Fächer auf die Stirn, dass er bös ward und von mir ging. Ich wollte doch lieber, ich hätt' ihn tot geschlagen, als –"
Auf der Strasse ward ein lustiges Lied gesungen. Lucie sprang an's Fenster, warf ein paar Blumenstökke, die ihr im Wege standen, in das Zimmer und rief laut und vernehmlich "Oskar!" hinunter.
"Was Du für eine wilde Hummel bist!" schalt Auguste, die zerbrochenen Töpfe aufhebend. "Vor Dir hat nichts Ruhe. Erst das Unglück wird Dich vernünftig machen."
Lucie hörte nichts mehr. Sie griff nach Hut und Shawl, und hätte diesen im Augenblick zerrissen, als ich ihr beim Umschlagen helfen wollte. "Gute Nacht, Auguste," sprach das wundersamlebhafte Mädchen, die Freundin flüchtig küssend. Dann riss sie an der Klingel, dass die Glocke gar nicht läutete und rief dreimal in einem Atem nach Ephraim.
Der Alte war sehr schwer aus seiner Ruhe zu bringen. Ehe er erschien, hatte das mutwillige Kind schon wieder sechsmal vergeblich gerufen und auch eine Art Dialog mit Oskar auf der Strasse improvisirt.
"Du bist also nicht ertrunken?" Fragte sie hinunter.
"Ertrunken?" wiederholte verwundert Oskar.
"Nun ja doch. Ich dachte, Du hättest Dich in den Rhein gestürzt."
"Nein, teuerste, süsse Lucie, nur in sein glühendes Rebenblut."
"Gut, gut, Oskar! Aber ich war recht böse auf Dich und hatte grosse Lust Dir die Lippen blutig zu küssen."
"O die Nacht ist noch lang, mein süsses Leben! Komm nur herab, so wollen wir nachholen, was wir seit gestern versäumt haben."
Endlich trat Ephraim ein. "Wer ist denn die leibhaftige Ungeduld," fragte der Korbflechter. "Das hat ja ein Mündchen und eine Kehle, wie gebohrt. Als ich noch jung war, mussten wir Geduld