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weiss zu scheiden und bin nicht so töricht bigott oder tief religiös verbinden zu wollen, was Gott selbst lächerlich finden müsste. Die Consequenz des Schweigens ist der Talismann meines Erfolgs. Meine Gemeinde achtet mich und ich dulde sie. Was ich als Mensch, d.h. ohne Priesterrock, tu' und denke, wird mir nicht eingerechnet in mein Amt."

"Hier freilich nicht" bemerkte ich, "sollten Sie aber nicht zuweilen in sich selbst ein Warnen hören, das mit unwiderstehlichem Zittern durch Ihre Seele bebt?"

"Treffliche Anlagen zu einem Bussprediger! – Nein, Sigismund. Diese Qual eines missratenen Gewissens kenne ich jetzt nicht mehr. Dieser Livreebediente der ewigen Gerechtigkeit hat bei mir von Jugend auf eine sehr gute Erziehung genossen, was mir ungemein zu Statten kommt, da er allen Fieberanfällen und seelischen Epidemien ungehindert widersteht. In mancher Hinsicht freilich reut mich diese strenge Erziehung, da sie Ursache ist, dass ich Vieles an mir j e t z t muss vorübergehen lassen, was doch zum Ausleben des menschlichen Daseins meinen Jahren erst gehört. Ich zähle zweiunddreissig (ein bleicher Schatten wehte, wie die rächende Hand der Sünde über sein eingestürztes Gesicht) und sehe für dieses Alter etwas zurückgekommen aus. Wäre ich in der Jugend eben so Herr meines Denkens gewesen, wie jetzt, so dürfte dies leicht anders sein. Meine Wünsche aber tanzten nach der Wünschelrute älterlicher Machtvollkommenheit. Der Teolog war geachtet, ein leidliches Auskommen ward jedem gesichert, sobald ein regerer Lebenssinn ihn nicht hindrängte zu Genüssen, die in keinem Verhältnisse stehen mit der Oekonomie seines Haushaltes. Dies bedachte ich frühzeitig und richtete darnach mein Leben ein, was mir in meiner jetzigen Würde einen ungeheuchelten Ernst oft wider Willen sichert und meine Gemeinde nicht auf den Gedanken bringt, ich huldige dem Studium der heiligen geschichte zu wenig. –"

Der Teolog schwieg einige Augenblicke, in mir stritten sich Verachtung und Bewunderung dieses Mannes um den Vorrang. Ein Zug um den Mund verriet mir jedoch das Vorhandensein eines Grames, dessen tiefes Weh nur zu scharf beobachtet ward, um laut aufzuschreien in der Qual seiner Fesseln.

"Sie scheinen teil zu nehmen an mir," fuhr der Pastor fort, "und nicht unempfindsam zu sein gegen den Menschen, der sich als Geistlicher erlaubt, einen Unterschied zu machen zwischen Beiden. Ich will offen sein, um Ihnen nicht verachtungswürdig zu erscheinen. Schenken Sie mir Ihren tiefsten Hass, so sollen Sie dagegen von meiner verborgendsten Liebe getragen werden!"

Er stand auf und öffnete einen Wandschrank. Aus einer sorgfältig mit vielen Schlössern verwahrten Schatulle nahm er ein neunfach versiegeltes Manuskript.

"Hier, mein Teurer," sagte er, die Rolle mir zeigend. "Unter diesem neunfachen Siegel (ich würde deren sieben darauf gedrückt haben, wenn ich, der Ungläubige, aus Aberglauben diese Zahl nicht hasste) liegt der Schmerz eines dreissigjährigen Lebens. Lesen Sie diese m e i n e Lebensgeschichte, und lernen Sie aus ihr die geheime Biographie des teologischen Menschen im Allgemeinen kennen. Doch versprechen Sie mir, die Siegel nicht am Tage zu lösen, sondern nur unter dem Schatten der Nacht. Die Keuschheit des Gedankens entsetzt sich vor diesen Bekenntnissen, und selbst die Pracht der Sterne könnte verschiessen und der Baldachin des himmels zum Garderobestaat für die Fastnacht der Erde herabfallen, wenn Sie nicht behutsam umgehen mit diesem Vermächtniss eines auf dem Altar des Gehorsams geopferten Herzens." –

Gleichmut stiess das Fenster auf. Sternschnuppen, wie umhergestreute Schwärmer spielender Engel, stürzten in schöner Silberglut über das Steingeripp des Domes, der sich vor meinem Auge in der vollendeten Schönheit des ersten Riesenentwurfes dunkel am Himmel abzeichnete, als wäre es eine fata morgana, aus dem Todtenauge des Werkmeisters heraufzitternd in die Nacht. Gleichmut ergriff meine Hand und führte mich an's offene Fenster.

"Es ist finster, der Mond wenigstens scheint nicht. So darf ich mich zeigen vor dem vielleicht Schuldlosen, weil er glücklicher war als ich." – "Ein unentweihtes Kreuz," fuhr er fort, "steht am Zenit. Sehen Sie hinauf. (Er zeigte nach dem Sternbilde des Schwanes, dessen helle Welten ein Kreuz gestalten.) Um diesen Stamm zittert in schwärmenden Meteoren eine Krone. Bei diesem Kreuz, umwunden von jener Krone, schwören Sie mir, Ihr Wort nicht zu brechen!"

Er hielt das Manuscript dem Himmel entgegen. Ich schwur in dumpfen Sinnen. über dem Krahne des Domturmes zerschmetterte mit Knistern eine Leuchtkugel. Gleichmut schloss das Fenster, wir traten zurück, die Rolle lag in meiner Hand.

"Narr!" sprach er, die Hand an die gerunzelte Stirn legend. "Hätte ich mich doch kaum selbst für so kindisch gehalten." – Halb bewusstlos eilte ich hinaus in die weiche, warme Sommernacht. –

Auf den weniger abgelegenen Strassen war es noch lebendig. Menschengruppen, denen nur der Tyrrsusstab und die Weinranken im Haare fehlten, um für jubelnde Bacchanten gelten zu können, durchstreiften singend und scherzend die Stadt. Ungeachtet der nördlichen Lage hat das Volksleben hier, wie den ganzen Rhein hinab, eine südliche Färbung. Die Rebe rankt sich mit ihrem saftigen Freudenauge hinein in das verschwiegnere Leben und bringt den Strom der Rede in freieren Fluss.

Es gehört zu meinen Liebhabereien, an fremden Orten das Leben überall zu fassen. Nacht und Tag sind mir gleich, und ist der Mensch in mir aufgeregt zu üppigem Genusse, mäkele ich auch weniger an der Genossenschaft. Wie überall ist es auch