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, bedienen Sie sich." – Wir tranken und waren sehr still. Ich beobachtete den Prediger, auch s e i n kleines, tief eingesunkenes Auge funkelte, wie das einer Klapperschlange, aus der braunen Höhlung.

"Bardeloh ist ein guter Mann," begann Pastor Gleichmut, indem er sich das Ueberschlägel abband, "ein sehr guter Mann," fuhr er rascher, belebter, ungenirter fort und in sein ganzes Wesen schien ein elektrischer Funke gefahren zu sein. "Ich liebe diesen Menschen, wie er mich, denn er verachtet Alles, was nur leise zusammenhängt mit einer Doctrin der Willkür." Sein Auge fixirte mich bei diesen Worten mit der Schärfe eines Tigerblick's.

"Aus Ihrem mund, Herr Pastor, klingt dies paradox."

"Ich bin nicht Pastor," sagte ruhig, fast kalt der Prediger.

"Wie? Nicht Pastor!"

"Der Pastor hat Abschied genommen mit diesen Läppchen," versetzte Gleichmut mit einer Ruhe, die seinem Namen Ehre machte. "Sie wundern sich, was i c h sehr begreiflich finde. Indess mache ich Ihnen bemerklich, Herr Sigismund, dass ich im Priesterrock und Ueberschlägel Amt und Würde eines evangelischen Predigers bekommen und übernommen habe. Der Mensch sass während der Ordination freilich unter der Hülle, ich glaube aber nicht, dass er bei mir etwas von den Gelübden wusste, die der Pastor tat. Ich schwor, gelobte, versprach als Maskeund was ich als solche Maske geschworen, gelobt und versprochen habe, das werde ich a l s Maske auch immer zu halten wissen. Jetzt sehen Sie in mir den Menschen demaskirt, suchen Sie auch den Geist, der die Maske belebt, da, wo jene liegt."

Der Pastor trank eine zweite Tasse Tee, ich folgte seinem Beispiele und hielt Rat mit meiner Vernunft, die wie ein erschrockenes Kind im Hintergrund meiner Seele sass.

"Wie gleicht sich denn bei einer solchen Gesinnung der Zweifel zwischen Glauben, Lehre und Ihrer eigenen überzeugung aus?" fragte ich den unheimlichen Mann.

"Sehr bequem. Als Pastor bin ich nicht mehr Ich. Mein Individuum ist aufgegangen in den Falten des schwarzen Talars, der Mensch schläft in dem gestickten Kreuze, das meinen Hals ziert. Nicht das Wort des Menschen, sondern des Priesters spricht aus meinem mund. Ich tue nicht mehr und nicht weniger, als was die Kirche verlangt, ich bin ein Diener, ein δο~λος του ’I ησο~ Χριστο~. Wer Knechtsdienste ver

υ − υ υ richtet, müsste sehr bornirt sein, wollte er dabei zugleich auch seine eigenen Angelegenheiten verhandeln."

"Dem lässt sich weniger logisch widersprechen als menschlich," versetzte ich, "nur bin ich der Meinung, Sie selbst leben in einem Irrtume, der Ihnen weder ein reines Glück, noch eine wahre Freude vergönnen wird. Als praktischer Teolog müssen Sie unglücklich sein, da Sie immer lehren, was Sie nicht achten."

"Einbildung, Grillenfängerei! Das Kleid docirt, nicht mein chI, oder wenn Sie lieber wollen, der in das Kleid eingenähte Geist. Diese feine Substanz kann nicht heraus, und ängstigt sich ab im Bemühen, zu entfliehen. Die Stossseufzer, die er vernehmen lässt, sind die Tröstungen wenigstens meiner Religion."

"Achten Sie sich noch selbst?" fragte ich.

"Ich hoffe ein menschliches Antlitz zu tragen, wie Sie, mein Verehrtester."

"Und im Priesterrocke –?"

"O, der Geist hat viele Gestalten, in die er zu Nutz und Frommen der Menschheit sich hüllen kann."

"Ich beneide Sie nicht um Ihr Amt, Herr Pastor."

"Bitte sehr, nennen Sie mich schlechtweg Gleichmut. Der Pastor hängt dort, das Kreuz und seine Lehren liegen unter meinem linken Ellbogen."

Gleichmut's Gattin brachte Backwerk, mir dunkelte es vor den Augen. Einen solchen Diener des Herrn hatte ich noch nicht kennen gelernt. Ruhig fuhr der Prediger fort:

"Consequenz, mein Teurer, ist das grosse geheimnis, das Alles zum Ziele führt. Die Welt im Allgemeinen ist viel zu gutmütig-bornirt, als dass sie an einer schlau durchgeführten Consequenz im Geringsten zu zweifeln wagte. Alle Staaten hielten sich, so lange eiserne Consequenz der Verkündiger ihrer Tugendhaftigkeit war, sie fielen langsam oder schnell, je nachdem ein unvorsichtiger Moment die Maske verrückt oder gelüftet hatte. Dies erleidet auf alle Religionen genau dieselbe Anwendung. Ich frage nicht nach dem Wert einer Religiondenn es taugt keine sehr viel, sobald sie zu einer unwandelbaren Norm und Form erhoben wirdsondern immer nur nach der Weisheit ihrer Maximen. Dem zufolge nun ist heute zu Tage der Islam die beste, dem sich am engsten im christlichen Bekenntniss der Katolicismus anschliesst. Der Protestantismus taugt am wenigsten, weil er das Menschliche gutmütig einigen wollte mit dem Priesterlichen. Das führt nur zu Spaltungen, zu Unglück der Einzelnen, wie der Völker, und geistigpolitische Gährungen sind unvermeidliche Folgen. Soll ein Cultus frommen, so muss er äusserlich phantastisch sein und innerlich hohl, oder der Fanatismus der leidenschaft, zur Moral erhoben, muss ihn beseelen. Beides fehlt dem Protestantismus, der in kindischem Wahne das Gesetz der Liebe erfüllen will, während die Skepsis seiner Verständigkeit ihm doch beweist, dass man Schmetterlinge nicht angreifen darf, wenn sie den Schmelz der Farben nicht verlieren sollen."

"Wie pflegen S i e es denn bei solcher überzeugung zu halten?"

"Ich trenne,