von unserm Herrn, dass er sich zu dieser Charge selbsteigen degradirte; wissen möchte ich nun aber doch, was dieser selbige Herr Christus mit dem Gezücht anfangen würde, das sich jetzt und zwar seit Jahrhunderten mit seinem vermaledeiten Schacher eingenistet hat in den Kirchen. Sonst verkaufte man doch nur Tauben und Opfervieh, jetzt aber legt man sich mit allem Raffinement pfiffiger Entsittlichung auf den Handel mit Tugend und Moralität. Setzt sich die heilige Gesellschaft hin und scheert sich den Kopf halb kahl, um der Erleuchtung nachzuhelfen, und ist doch nicht klug genug zu bemerken, dass zum Gedeihen des Fettwerdens ein Capaunerschnitt unerlässlich! Und wenn's nun einen muntern aufgeweckten Menschen zu kopf steigt und das Fett, statt im Wanst sich anzusetzen, nach den Gehirnkammern treibt; steckt man einen solchen misratenen Halbkapaun in ein enges Gemach, damit er sich die unnatürlichen Fettwammen abwimmern kann."
"Es sind fast zehn Jahre, seit wir ihn vermissen," fiel Rosalie dem Erbitterten in die Rede. "Es wäre entsetzlich, wenn dies die Rache des Geschickes für eine unzeitige, bigotte Rechtgläubigkeit sein sollte."
"Mir wär's angenehm," versetzte Bardeloh und hob die Tafel auf. "Ohnehin muss man ja immerfort gestachelt werden, wenn's frisch bleiben soll hier in dieser Tropfsteinhöhle."
Er legte die Hand auf's Herz und mass das Zimmer mit grossen Schritten. "Morgen, mein teurer Sigismund," fuhr er zu mir gewandt fort, "morgen müssen Sie mich zum Prior jenes Klosters begleiten. Dann will ich Ihnen eine geschichte erzählen, die Ihnen beweisen soll, dass ein Mensch wie ich in Europa nötigenfalls wohl als Gestorbener aushalten kann, bei Lebzeiten aber den Leichentuchgeruch doch zu aromatisch findet, um ihn zu ertragen, und wäre er mit kölnischem wasser versetzt. Einstweilen haben Sie Dank für die Nachricht. Ich wusste wohl, dass ein Hausschlüssel in ihrer Hand zum Dietrich für Himmel und Hölle sich gestalten würde." –
Damit endigte unser Gespräch und Beisammensein. Neue Zweifel, neue Erwartungen waren in mir angeregt worden. Bardeloh schloss sich in seinem Zimmer ein und hielt Zwiesprache mit der List seines Gedankens. Neugier und Unruhe jagten mich hinaus an den Strom, der, ein ewig strahlendes Hoffnungsauge, aus der heiligen Grotte der Alpen hervorblickt mit der Verheissung grosser Taten, und mit bewegtem immer heller schimmerndem Lid durch Deutschlands Auen schweift, sie deckend, schirmend und beschattend mit weintauender Wimper. O, wer nie hineingeschaut in den goldgrünen Himmel dieses Auges, der kennt nicht den Schmerz und die Freuden der Hoffnung! Ich habe die flüsternden Wellen über mir zusammenschlagen lassen und mich gebadet lange Tage in dem Glanz der Verheissung. Bis tief hinein in das Farbenchaos der Nacht stand ich am Bord der zuckenden Flut und harrte des Momentes, wo der Puls des Weltalls durch die Schlagadern des himmels die funkelnden Stunden der Freude trieb und ihren matteren Abglanz aus dem Kristall unter meinen Füssen vorüberjagte. – Ob ich auch nur eine dieser glänzenden Stunden herausschöpfen werde aus meinem Lebensbrunnen? Ob ich erhasche, was jedem Europäer die Geburt verheisst, ein befriedigtes Alter nach bitterm Kindesschmerz und verwüstenden Lebensstürmen? – Sei's und werde' es, wie das Recht der geschichte will, meiner Hand soll weder Schwert noch Kreuz vor der geeigneten Stunde entfallen! –
Die Dämmerung wob ein warmes, farbenschillerndes Netz über die Trümmer der vielen Türme und Kirchen. Ich war den Rhein entlang hinausgegangen bis an den äussersten Turm, dessen Fuss in den Strom hinabsinkt. Duftig lag auf dem Azur des himmels das vom Abendrot umflammte Siebengebirge am Horizont, wie das zerrissene Herz Deutschlands, dem Himmel dargereicht auf blauem Kissen, und bluttriefend starrte daraus empor der Drachenfels als seine letzte verstümmelte Schlagader. Dunkler und glühender stürzte der Abend herab und der Strom trieb wie auf grünen Muscheln mit weissen Perlen gestickt das eingeschlürfte Blut des Herzens dem Ocean entgegen. Ich wandte mich der Stadt zu. Aus dem vergitterten Turmfenster klagte ein armer Gefangener. Es war schon dunkel als ich an der wohnung des protestantischen Predigers stand. Der Besuch ängstigte mich und doch konnte ich kaum den Eintritt erwarten. Ich musste mehrere Male läuten, ehe geöffnet ward. Pastor Gleichmut war zu haus. Ich liess mich anmelden und ward vorgelassen.
Der Prediger empfing mich in einem comfortable eingerichteten Zimmer, dem es jedoch keineswegs an den Insignien der Gelehrsamkeit gebrach.
"Es ist mir sehr erfreulich, Sie als Mann von Wort kennen zu lernen," redete mich der Pastor mit zuvorkommender Freundlichkeit an. "Lassen Sie uns ein Stündchen in traulichem gespräche zubringen und die Störnisse vergessen, die sich so gern an glückliche Momente wie neidische Schwämme ansetzen."
Mit einer civilen Artigkeit, wie das Herkommen eine zur Gewohnheit gewordene Lüge schmeichlerisch nennt, setzte ich mich neben ihn auf's Sopha. Er liess Licht bringen und eine zwar interessante aber körperlich verkümmerte Dame, die mir als Frau Pastorin vorgestellt ward, bereitete im Nebenzimmer vortrefflichen Tee.
"Gedenken Sie längere Zeit in Bardeloh's haus zu bleiben?"
"Wahrscheinlich so lange, als mein Aufentalt in Köln dauert!"
"Und darüber dürften noch verschiedene Wochen und Monate vergehen, nicht wahr?"
"Schwerlich; doch kann ich darüber selbst nichts Genaues bestimmen. Hätte ich immer eine Gesellschaft, wie Sie mir sie bieten dürften, so würde ich wohl auf längere Zeit gefesselt."
"Sehr verbunden!" lächelte mit verachtender Höflichkeit mein Sophanachbar. "Eine Tasse Tee? – Bitte