Eine ganze Schaar Gassenjungen sammelt sich um ihn und gib Acht, Vater, Friedrich wird einen Tanz loslassen, dass die Häuser wackeln. Im Geigen tut's ihm nur der Paganini zuvor."
"Was Du bewandert bist," versetzte Bardeloh. "Weiss der Junge schon, dass es einen Paganini gibt."
"Ja das kommt von deinem Geplauder, Vater. Du hast den Paganini immer gelobt und nanntest ihn dazumal den Satansfiedler. Nun der Friedrich bringt's doch noch weiter. Der wird Dir noch den Todtentanz streichen."
"Still!" gebot Bardeloh auf diese Bemerkung. Felix verliess das Fenster und suchte verschüchtert Schutz bei mir. "Nun hab ich's wieder ganz versehen beim Vater," flüsterte er mir zu, "denn wenn er mich so kalt ansieht, hat er mich nicht lieb. Du bist aber immer sanft, Dein Auge strahlt bloss. Das lieb' ich weit mehr, als das knisternde Brennen, was ich beim Vater ordentlich hören kann, wenn ich ihn recht genau ansehe. Hörst Du? Nun geigt der Friedrich."
Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass jener Friedrich kein Anderer war, als der Schifferknecht, dessen Erscheinung mir am Hafen schon aufgefallen. Die Art und Weise, die Violine zu handhaben, der Strich des Bogens, die Tanzweise, Alles liess mich augenblicklich erraten, dass ich den Virtuosen vor einigen Tagen in der stillen Nacht am Hafen gehört hatte. Wer dieser Friedrich sein mag, will mir Niemand verraten. Gewiss hat er bessere zeiten gekannt, und Felix hat in seiner kindischen Unbefangenheit, ihn Paganini an die Seite zu stellen, nicht ganz unrecht. Friedrich spielt die Violine nicht nur meisterhaft, sondern sogar genial. In manchem Tone sieht man das Auge einer lang getäuschten Welt brechen und ein Schluchzen, wie es aus diesen abgerissenen Tönen klingt, kann nur die Melodie eines verkümmerten Genius aus der seelenlosen Saite weinen lassen.
Bardeloh's Mienenspiel bei dieser wahnwitzigen Tanzmusik kann ich Dir nicht schildern. Ein solches Gemisch von Ingrimm, tiefem Weh, frivoler Wollust, grauenhafter Weltverachtung und fashionablem Anstande habe ich noch in keines Menschen Gesicht in solch' trauter Innigkeit sich paaren sehen. War dies Muskelzucken ein Schatten der Vibrationen, die Bardeloh's Herz folterten, so liegt in diesem Menschen eine Welt verschlossen, die in ihrer naturgemässen Entfaltung geeignet sein würde, Alles zu vernichten, was ihr entgegenträte und über Europa die Sonne einer neuen Tatenära aufglänzen zu lassen.
Eine Zeit lang hörten wir schweigend zu, ich zugleich meinen Wirt, wie den Spieler beobachtend. Die Gassenjugend benutzte die gelegenheit und sprang nach Herzenslust um den fidelen Geiger. Bardeloh nahm einen Beutel aus dem Secretair und rief den Buben zu, auseinander zu gehen; er wolle Jedem vier Groschen schenken. Dem Versprechen folgte die Tat auf der Stelle. Jubelnd empfing die Gassenjugend die verheissene Gabe und zerstreute sich. Den Rest des Beutels warf er dem Geiger zu. "Hier, Friedrich," rief er mit kaltem Tone, "trinke meine Gesundheit und spiele nicht auf den Strassen. Merke Dir's, Friedrich, sonst lasse ich Dich einsperren."
Friedrich nahm den Hut ab und küsste den Beutel. Er trat dem haus näher. Sein gutmütig-schlaues Gesicht wandte sich dem Sprecher zu, indem er antwortete: "Die Erde lebt vom Sonnenschein. Es hat sich noch keine Maus vom Speck gemästet, wenn die Katze im Speisegewölbe Reveille schnurrte. Mein Herr und mein Meister, wäre ich nicht arm, so würde der Himmel ein paar Zwillinge mehr in seinem Busentuche hätscheln." Nach dieser Antwort lief er so eilig als möglich mit den knasternden Teerstiefeln in die nächste Gasse.
Ist das nicht eine Shakspearesche Narrenantwort? Wer kann hinter ihren wahrhaftigen Sinn kommen? – Bardeloh hatte den Kopf sinnend an den Fensterstock gelehnt, es vergingen fünf peinliche Minuten. Gern hätte ich gesprochen, aber eine unerklärliche Scheu verhinderte mich daran. Selbst Felix, sonst immer unbefangen, bedeckte mit beiden Händchen sein Gesicht, als fürchte er einem geheimnis in die geisterhaften Augen zu sehen. Der Eintritt Rosaliens unterbrach diese peinliche Ruhe. Wir gingen zur Tafel, an der eine unerquickliche Einsilbigkeit heimisch blieb. Erst bei dem Desert und als der schäumende Moselwein ein künstliches Leben in uns angeregt hatte, begann Bardeloh ein Gespräch, in das bald der kindlich heitere Felix seine Bemerkungen mischte. Bardeloh brachte mich abermals auf meine Excursionen, und einmal in's Erzählen geraten, erwähnte ich meines Irregehens und des Klosters. Schnell dazwischen geworfene fragen Bardeloh's verrieten ihm bald die Lage desselben und ehe ich noch selbst das Gespräch auf den Mönch hingeleitet, hatte er mir bereits ein unfreiwilliges geständnis entrissen.
"O, dass die ewige Gerechtigkeit des Weltenschöpfers Feuer vom Himmel regnen liess," rief er wie verstört aus, "damit doch endlich diesem Unsinn ein Ziel gesetzt würde!"
"Gottlob, er ist's!" seufzte Rosalie dazwischen. – Ich sass wie versteinert, mein Blut gefror in den Adern; mich zu erwärmen stürzte ich ein Glas Wein nach dem andern hinab.
"Was ist's mit dem Mönch?" fragte ich endlich.
"Eine blosse lustige geschichte," versetzte mit lächelnder Weltverachtung mein Gastfreund. "Wenn Sie bibelfest sind, wie ich, so werden Sie sich erinnern, dass Christus die Krämer gelegentlich einmal aus dem Tempel geisselte. Der Brut geschah ohne Zweifel sehr recht, und es war verdienstlich