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des angeführten Liedes mit einer wunderlichen Lustigkeit fest, was dem Ganzen ein unaussprechlich grelles Gemisch von dämonischem Hohne und verrückter Brunst verlieh. Nur des letzten Verses kann ich mich noch ziemlich deutlich erinnern. Ich glaube er schloss ungefähr, wie folgt:

"Lustig, lustig, hört Ihr's girren?

Ingemisco, tanquam reus

Heil'ge Brüdermit Monstranzen

Stürzen hin im wilden Tanzen

Culpa rubet vultus meus. –

Lustig, lustig, hört Ihr's girren?

Preces meae non sunt dignae

Sei gegrüsset, holde Schöne!

Dich, Maria, mit Gestöhne

Bet' ich an – 'nen Kuss, 'nen Kuss! –

Sed tu, bonus, fac benigne,

Ne perenni cremer igne.

Deinem Leib fall' ich zu Fuss.

Heisa, lustig! dies illain favillain favilla!"

Wie gefällt Dir das Lied, Ferdinand? Schüttle nicht den Kopf, verhülle nicht Dein Auge! Immerhin lass die Träne rinnen vor dem Angesichte der Welt in den Kelch der Gnade, den der sterngeschmückte Himmel allnächtlich dem Menschen herabreicht. – Noch zittern mir die Glieder, wenn ich des singenden Mönchs gedenke, dessen grauenhaftes Lied wie ein Abriss des Weltgerichts hereinheult in die vollen, heiligen Stunden des Lebens. Hättest Du ihn singen hören, diesen Mönch, dessen leise Umrisse ich kaum auffangen konnte! Ist er krank, ist er toll, oder verpestet die Seuche des vom Gelübde der Keuschheit ausgemergelten Leibes ihm den Sternenhimmel des Gedankens, der fleckenlos bleiben muss, wie sein Ebenbild, wenn er in den bald stillen, bald von Leidenschaften erbebenden Dom der Menschenbrust seine

Das sind Entdeckungen, die gewaltig viel dazu beitragen, mich auf die sündhafte Trennung hinzuführen, die leider noch immer besteht zwischen Fleisch und Geist. Auch dies gehört zu den Folterqualen des europäischen Lebens. Man ist so human gewesen, Daumschrauben, spanische Stiefeln und Hexenproben für unvernünftig zu erklären und doch noch nicht darauf gefallen, jener geistigen Folter ein Ziel zu setzen, die nur Schwärmerei und Bigotterie zu einer Gott wohlgefälligen Uebung erheben konnten. Sobald einmal etwas erfunden wird, sind die Menschen wie toll, es sich zuzueignen, tritt aber der Fall ein, dass eine neue Zeit die Nichtigkeit des ehemals Erfundenen erkennt und auf Entfernung desselben dringt; hält man es fest mit hundert Händen, sollte dabei auch die liebe Vernunft in hunderttausend Fetzen zerreissen. Ach, es ist schwer, ein Mensch zu bleiben!

Das Kloster suche ich nächstens wieder auf, vielleicht auch erfrage ich etwas Näheres über den Mönch von Bardeloh oder dem protestantischen Mephistopheles. heute Abend habe ich grosse Dinge vor. Würde ich so glücklich, als ich in diesem Augenblicke vernichtet bin! –

Nach Mitternacht.

Nur in der verschwiegenen Nachtstille kann ich Dir

vertrauen, was ich in den letzten Stunden erlebt habe. Man darf es nur darauf anlegen, Erfahrungen machen zu wollen, und die Sammlung dieser herzzerreissenden Raritäten wächst an zu einem grossartigen Kabinet. Schade, dass die Mitwelt so stumpf ist, wenig darauf zu achten! Einer, der es sich vornehmen wollte, sein Leben mit Ausstellungen so gesammelter Seltenheiten zu fristen, würde schlechte Geschäfte machen. Der Gedanke wäre zu poetisch und im grund ist doch nur die verloren gegangene Poesie in Wissenschaft, Leben und Religion das Aufreibende, Vernichtende im modernen Dasein.

Als ich von meiner Morgenwanderung zurück kam, fand ich Bardeloh in einer ungewöhnlich heitern Stimmung. Felix war bei ihm und konnte sich ungestört seinen naiven Scherzen überlassen. Dies war ein blick des geöffneten himmels in meine gequälte Seele. Ich drängte den individuellen Schmerz zurück, liess die hinter jedem civilisirten Menschenkopfe herabflatternde Lachmaskediese Kaputze des Jesuitismusüber mein Gesicht fallen und spielte eine erträgliche Humoreske.

"Sie müssen unser Nest gut durchstöbert haben," sagte Bardeloh. Seit Tages Anbruch fort kommen Sie eben jetzt erst zurück? Nicht wahr, Köln hat auch einige Seiten, von denen es fesselt, lange, lange fesselt?

"Das Altertum" versetzte ich, "hat es den Deutschen angetan, und mehr oder weniger hat Jeder von uns seine altertümlichen Gelüste."

"Mich dürfen Sie davon ausschliessen."

"Nicht ganz. Ihr Reservoir dort hinter der Tapete fällt mit diesem nationalen Hange der Deutschen zusammen."

Bardeloh verfärbte sich und an dem Spiel seiner Finger, das bei jeder Aufregung sehr lebhaft wird, bemerkte ich ein innerliches leidenschaftliches Toben.

"Sie müssen Unterschiede machen, lieber Sigismund," erwiderte mein Gastfreund, die vorige Haltung frischer Ruhe wieder annehmend. "Ich sammle nicht, ich forsche bloss; und wenn ich aus der Augenhöhle eines Todtenschädels so glücklich bin, den Lebenslauf eines Jahrhunderts herauszulesen, so werden Sie diese Fähigkeit nicht zu den Liebhabereien eines Altertümlers zählen können. Wo das Lebende nicht ausreicht, psychologisch die Menschheit zu erforschen, zwingt uns die Not, das tote zu hülfe zu nehmen. Und ich sehe nicht ein, warum nicht in einem hohlen Schädel so viel Witz stecken soll als in einem mit Gehirn erfüllten."

Felix, der unterdessen an der Fensterscheibe den preussischen Zapfenstreich getrommelt hatte, jauchzte hier laut auf, riss die Fensterflügel aus einander und rief einmal über das andere: Guten Tag, guten Tag!

"Was fällt Dir denn ein, Junge?" wandte sich der Vater an den Knaben.

"Ach, da hat sich der Friedrich mit seinen grossen Wasserstiefeln uns gegenüber an die Laterne gelehnt und stimmt seine Geige!" erzählte Felix. "