1838_Willkomm_134_20.txt

Fehltritt machte es schwanken, es wäre beinahe die Stufen herabgefallen. Behend erfasste ich es am Arm und verschob dadurch den Schleier. Ein weltlich-frohes Gesicht von dem lieblichsten Oval, das ein Stumpfnäschen noch mehr verschönte, lächelte mit naiver Verschämteit mich an.

"Danke dem Herrn," lispelte das holde Kind, zog, als wolle es mich necken, den Schleier wieder herab und verschwand im Schiff der Kirche. An der Tür trat ein junger Mann zu der Beterin, der lebhaft sprechend mit ihr fortging. Ich folgte dem Paare durch einige Gassen und merkte mir das Haus, in dem es verschwand.

Müde des katolischen Wesens, und von Glück und Unglück gleichermassen gefoltert, trat ich in die protestantische Kirche, weniger, um in diesem Augenblicke meinem Bekenntniss ein Genüge zu tun, als den Contrast recht innerlich durchzufühlen, der in einer ächt katolischen Stadt immer grell dem Protestantismus gegenüber sich heraushebt. Die Kirche war einfach und gänzlich schmucklos. Es musste eine Frühpredigt oder ein Gebet gehalten worden sein, denn ich bemerkte den Pastor noch in der Sakristei. – Es gehört mit zu meinen Liebhabereien, die Prediger aller Secten möglichst zu beobachten. Daraus lässt sich oft ein ziemlich genauer Schluss folgern auf das Bekenntniss selbst, dessen Vorsteher und Verteidiger wir in ihnen erblicken. Als der Mann aus der Sakristei durch das Schiff der Kirche ging, traute ich kaum meinen Augen. Es war die Gestalt, Haltung, Physiognomie des hagern, erdfahlen Mannes mit den gestickten Ueberschlägeln, der mir in Bardeloh's haus so widerlich aufgefallen, vor dem sich Auguste entsetzt hatte und dessen ausgeprägte Charakterschroffheit Bardeloh mit Entzücken erfüllte.

Unbemerkt wollte ich mich entfernen, der Geistliche hatte mich gesehen und redete mich an.

"Sie sind fremd in Köln, nicht wahr?" – Ich bejahte die Frage.

"Irre ich mich nicht," fuhr der Prediger fort, "so haben wir uns schon im Vorübergehen kennen gelernt. Waren Sie nicht vor einigen Tagen in der Abendgesellschaft bei dem Particulier Bardeloh?"

"Ich erfreue mich seiner Freundschaft und wohne in seinem haus."

"Das ist viel behauptet! Bardeloh kennt keine Freundschaft. Dazu ist er zu gebildet."

"Aus dem mund eines evangelischen Geistlichen ein solches Wort zu vernehmen, kommt mir seltsam vor."

"In der Tat? Nun wenn Sie ein Freund des Seltsamen sind, so können Sie bei mir Befriedigung finden. Mein Haus steht Ihnen jederzeit offen. Ich wohne gleich neben an und stehe zu Diensten. Jetzt entschuldigen Siemeine Amtstracht –"

Mit einer stummen Kopfbeugung, begleitet von jenem Glitzern des Auges, das eben sowohl Geist als Geringschätzung wo nicht Verachtung der Welt ausdrückt, verliess mich der Prediger. Die wenigen Worte, die er an mich richtete, waren ganz geeignet, eine nähere Bekanntschaft mit ihm zu wünschen. Ich entschloss mich der Einladung zu folgen, sobald als möglich.

Die Mittagszeit war bereits herangekommen, als ich den Rückweg antrat. Noch zu wenig orientirt, verlief ich mich in dem Gewirr enger, dunkler Gassen und kam in die Nähe eines der Klöster, die es hier gibt. Die grauen Mauern, die schleichende Stille, die aus jedem Steine seufzt, liessen mich das alte, finstere Gebäude eine Zeit lang betrachten. Das Leben schien ausgestorben um diese Wohnungen des Friedens, wie die Gutmütigkeit religiös-barocker Gemüter die Marterkammern des vom Geschick verfehmten Menschen genannt hat. Gerade über mir in bedeutender Höhe vor einem schmalen Fenster blühte ein dürftiges Röschen, ein Paar Vergissmeinnicht neigten die verweinten Augen schüchtern in das klare Sonnenlicht, dunkle Winde rankte an dem Fensterstock hinan, Epheu mit dem finstern, scheuen Laube griff sich phantastisch herab vom verwitterten Schieferdache und umspann zur Hälfte die enge Oeffnung. Dumpfe, hohle Todtenstimmen begannen die Hora zu singen. Dieser Jammerlaut der Entsagung klang wie der Verzweiflungsruf und das wüste Pochen eines Lebendigbegrabenen an den mitleidslosen Sarg. Kein lebendiges Wesen ausser mir war zu erblicken; am hellen Tage schrie im Turm die Eule. Der angeborne Abscheu gegen Klöster und Zellen stürzte über mich, wie der Schauer eines kalten Bades; ich wollte forteilen, als plötzlich mit humoristischem Tone in den fernen Horagesang eine schreiende, lustige Männerstimme einfiel. Horchend blieb ich stehen. Der Ton kletterte an den Wänden herab, ich sah hinauf nach dem Fensterein eingefallnes, bleiches Mönchsgesicht leuchtete wie ein gefangener Geist durch das Gewebe des Epheu, das die Winkelspinne der Weltgeschichte anheftet überall, wo die Dunkelheit über das Licht triumphiren will. Anfangs konnte ich nur einzelne Worte verstehen, da aber der singende Mönch sich selbst zu erheitern schien an seinen Versen, den wahrscheinlichen Productionen hirnverzehrender Einsamkeit; so gestaltete sich bald in der Wiederholung ein Ganzes aus den Bruchstücken. Ich möchte Dir gern eine probe dieser Klosterzellenpoesie geben, wenn ich nicht fürchten müsste, Dich dadurch zu verwunden. Klöster sind ganz besondere Verwahrungsorte. Ich möchte sie als die Büchsen in der Weltapoteke betrachten, in denen unter hermetischem Verschlusse das potenzirte Gift des Geistes verwahrt wird, wenn die Heiligkeit des reinen Menschen in ihm zu tod gekitzelt worden ist. Doch ich bin still und füge nur noch bei, dass der Mönch in seinem lied weltlich frivole Ausdrücke, die an die tiefste Gemeinheit grenzten, so barock, so furchtbar ergreifend mit den feierlichernsten Worten der Hora und des erschütternden alten Kirchenliedes "dies irae, dies illa" zu verschmelzen wusste, dass auch der kälteste Mensch mit Entsetzen vor diesem Gesange zurückschaudern würde. Dabei hielt er die Melodie