1838_Willkomm_134_2.txt

Schlaf der Vergessenheit träumt, genügt doch schon mich selbst von der vielleicht lächerlichen Torheit dieses glühenden Wunsches zu überzeugen. – Was nützt jetzt Karls Streben und Mühen? Es ist langst vergessen und eingesargt in den Staub der Biblioteken, oder wohl gar verstreut in alle Winde. Die Sohle des Wanderers nimmt ein Atom seiner sichtbaren Taten mit sich hinweg, damit es vielleicht am andern Morgen der Schuhputzer abstäube. – Und doch, lebt der Name nicht? Hat er nicht für ein ganzes Jahrtausend geschaffen, und sind wir nicht zum teil ein Product seiner Taten? Da werden die Felsentrümmer um mich her lebendig, die grauen Ruinen, die den ewigen Strom bewachen, zeigen wie verwitterte Fragezeichen gegen Himmel, als wollten sie dort Lösung des Rätsels suchen, dessen Deutung auf Erden keiner mehr unternehmen mag. Sind dies nicht alles Anmahnungen zu neuem Beginnen? Stottert nicht der Geist der Vergangenheit in diesen Leichensteinen seiner Helden die zornige Frage: ob denn Alles vorüber sei auf ewig, und die Kraft völlig erlahmt, die sie zu herausfordernden Wahrzeichen aller Jahrhunderte gemacht hat?

Gefoltert von solchen Gedanken, Träumen, Empfindungen, hatte ich mich an das Geländer gelehnt und starrte in die frühlingglänzende Gegend. Der Taunus legte den dunkelblauen Gürtel seiner Berge um die Hüften des jungfräulichen Gaues. Biberich, die alte Abtei Erbach, der Johannisberg mit dem Gold seiner Reben, wallfahrteten vorüber an meinem Auge. Mainz sank in die silbernen Fluten und der Rochusberg mit Bingen und dem alten Drususkastell, dem K l o p p , drängten sich näher in den Gesichtskreis. Das Verdeck füllte sich mit Neugierigen, die alle das Bingerloch von fern schon bewundern wollten. Es ist viel Langweiliges in diesen Passagieren. Die Meisten sind Engländer, die sich mit breiter Verdrossenheit auf die Bänke werfen, oder an die aufgeschichteten Koffer lehnen und die Gegend mit ihren Herrlichkeiten nur im buch bewundern. Das nennen nun diese Menschen reisen! Einer sass mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Kajütenfenster, die Rheincharte vor sich, das Reisehandbuch daneben. "Tat is Johannisberg," sagte er phlegmatisch-teilnamlos, und "tat is Geisenheim!" Er hob kalt das Auge, sah wieder in's Buch und fuhr fort zu murmeln "a very beautiful country!" Andere hüllten sich in ihre barocken Reisemäntel, oder promenirten wie toll auf dem Verdeck umher. Man musste sich vorsehen, um nicht von ihnen umgerannt zu werden. Einige Franzosen waren vergnüglicher. Sie schwatzten ohne Ende von den Schönheiten der untern Seinegegenden, und stiessen zuweilen einen komischen Sehnsuchtsseufzer nach Paris aus. Munter bewegten sich ein paar junge Holländerinnen unter der Gesellschaft. Die nette, reinliche Kleidung, das zierliche Mieder, der graue, an unsere Tyrolerinnen erinnernde Hut mit den bunten hellfarbigen Bändern gaben den freundlich offenen Gesichtern einen doppelten Reiz. Sie schwatzten allerliebst in ihrer weichen Muttersprache und waren nicht spröde. Es ist ein gutmütiges Volk die Holländer, so lange man ihrem Gelde nicht zu nahe kommt. Ich sah aber alle diese Gestalten nur Schatten gleich an mir vorüberwandeln. fest das Auge auf die satanische Krone des Dampfschiffes geheftet, klang die Aussenwelt mit ihrem bunten Tongeräusch nicht in reiner Wärme an mein Herz. Unheimliche Gefühle beschlichen mich, mir war, als säh' ich den Teufel triumphiren über das wunderliche Menschengeschlecht. Die Riesenkrone drohte auf dem Schlot wie ein Siegerkranz. Das böse Princip hatte gesiegt, alle Welt fuhr sicher unter seinem Geleit. Die Satanskrone war das allgemeine Weltpanier geworden, vor dem sich die Flagge jeder, auch der stolzesten Nation, willig zusammenfaltete. Eben wollte ich laut ausrufen: "Der Teufel ist kapitän auf der Fahrt durch Welt und Leben, und doch gelingt uns keine Tat mehr!" – als ein lauter Aufschrei mich aus meinen überspannten Träumereien emporschreckte. Ich kehre mich um und gewahre eine zarte Frauengestalt von den schönsten Formen weit hinausgebeugt über das Geländer und ein feines Umschlagetuch von dem Schaufelrade in die Wellen hinabschleudern. Die Gewalt des Rades, die Schnelligkut des Umschwunges hätten sie beinahe über das Geländer gerissen, ehe sie Zeit gewann, das herausflatternde Tuch vollends zu lösen. Einer Ohnmacht nahe sank sie in meine arme, die Gesellschaft drängte sich um uns, zerstreute sich aber sehr bald wieder, als die Gerettete die Augen aufschlug. Das Dampfschiff legte vor Bingen an und nahm neue Passagiere an Bord.

"Haben Sie meinen Fächer?" fragte mit zitterndem Silberklang das schöne Weib, auf dessen Stirn noch die Blasse der Angst lag. "Ihren Fächer? Ich habe keinen bemerkt."

Ein peinliches Lächeln küsste die schönen Lippen. "Er liegt im Rhein," sagte sie kaum vernehmbar, "Bald wäre ich ihm gefolgt. Sie haben mich gerettet, nehmen Sie meinen Dank, obwol es vielleicht besser gewesen, ich wäre mit ihm hinabgesunken in den schönen Strom."

Mir starb das Wort auf der Zunge, ich konnte nur durch einen starren, fragenden blick antworten. Die schöne Frau musste ihn bemerkt haben, ihre Wangen überzog ein leises, duftiges Rot. Sie reichte mir den Arm, der noch zitterte und führte mich dem Steuerrade zu. Die Passagiere hatten sich meist nach dem Vorderteil des Schiffes gedrängt, wir waren allein. Die Fremde setzte sich, ich nahm Platz an ihrer Seite. Da sie schwieg, hatte ich Zeit genug, sie zu betrachten. Ich schämte mich vor mir selbst, dass ich erst jetzt durch einen Zufall diese Frau bemerkte. Sie konnte für ein Ideal moderner Weiblichkeit gelten, denn sie war in Allem