und will sich nicht von ihr scheiden. Diese alt-katolische Atmosphäre hat für einen Protestanten immer etwas Beängstigendes.
In Köln fehlt es weder an Kirchen noch Klöstern. Auf allen Strassen ragt ein solcher steinerner Zahn gegen Himmel, halb zertrümmert oder doch dem Zerbrechen nahe. Und in dem hohlen Gehäuse betet einsam die Andacht ihren Rosenkranz, Weihrauch dampft als eine Ergänzung des ambrosianischen Lobgesanges um den Hochaltar, und die Kerzen dunkeln dem Erlöschen zu, wie geschwächte Augen, die das blendende Licht des hereinbrechenden Tages nicht mehr ertragen können.
Ach, mir ward schwer und bang auf meinen einsamen Wanderungen! Gedanken, vielleicht mehr als gross und unnennbar, weil zu neu, wühlten sich aus dem Schutt der alten Religiosität hervor, und klopften mit dem hellen Puls jugendlich stürmischen Lebens an das bemooste Herz des so verständig still gewordenen Menschengeschlechts. Wie mir da seltsam zu Mute ward! Wie mir in diesem weiten, eigentlich öden Köln die Religion unsers Jahrhunderts so verlassen, beinahe verfallen erschien! Diese Stadt, noch voll innigen Glaubens an die Lehren des katolischen Kirchentums, kommt mir vor wie ein grosses, gotisches Grabgewölbe, das die entwicklung der Jahrhunderte auseinandergesprengt hat. In den Riss hinein stürzt ein milder Freudenblick des heitern Lebenshimmels und erhellt den weihrauchstillen Raum, in dem der einbalsamirte Leichnam d e s Gottes schläft, dessen Andenken die Welt mit vollstem Recht zur Religion erhob. Aber Himmel, wie hat sich dieser duldende Versöhner verwandelt! Das edle Gesicht ist zusammengesunken und darauf liegt der bunte Moderstaub von achtzehn langen Jahrhunderten! Um den Gesalbten aber kniet, betet, stammelt und röchelt das ungläubige Kind der armen Gegenwart, und ist erfreut, wenn der feuchte Stern der Fäulniss, der auf der verwesten Pupille sein dämmerndes Licht anzündet, es anstrahlt mit der Bewusstlosigkeit des Todes! – Ja, Ferdinand, komm hierher, in diese heilige Stadt, da kannst Du erkennen lernen, wohin es gekommen ist mit unserm verkannten Christus! Ich habe heute gekniet an seinem moderbedeckten Leichnam, und bin aufgestanden mit gebrochenem Herzen und dem zitternden Lebensweh: o dass doch Rettung erschiene vom Himmel oder der Hölle für die verlornen Völker Europa's!
Ob du mit mir fühlst, was mich beängstigt? Ob du begreifst, wie in der Vernichtung des Göttlichen, das so grell überall heraustritt, auch ein Zusammenbrechen menschlicher Lebenszustände gegeben sei? Es wird mir immer gewisser, dass alle unsere modernen Verwirrungen nicht von Grund aus zu lösen sind, wenn wir nicht zugleich die religiösen Elemente von dem angehängten Schmutze zu reinigen suchen. Ein Heimweh des Geistes zieht den Menschen in das Heiligtum seines Schmerzes, das durchduftet ist von einem Aeter, dessen verschiedene Bestandteile sich consolidiren zur Religion. Nennt diesen Aeter des Geistes, wie Ihr wollt, es kommt nichts dabei heraus. Immer wird er Religion bleiben, wo er sich auch zeigen, wie er sich auch gestalten mag. Erscheine ich unreligiös, so ist es nicht die innere notwendigkeit, die mich dazu antreibt, sondern eine unerklärliche Scheu vor diesem äusserlich Bindenden, die mir Herz und Seele in einen Sklavenring zwängt. Wenn i c h beten will, so brauche ich keine Vorschriften. Die Lettern meines Gemüts sind dem Gotte verständlich, zu dem die Begeisterung meine Worte hinweht. – Freilich ist es mir wohl bekannt, dass Ihr, Du und deine Anhänger, immer nur behauptet, ohne Schale verderbe auch der Kern; ich möchte' aber nur den Beweis dafür sehen. Gleichnisse führen hierbei zu keinem Ziele, und ich bin gewiss, dass ein der überzeugung des Individuums völlig frei gegebener Cultus trotz seiner äusserlichen Verschiedenheit der innerlich geeinteste sein würde. Das Herz ist sich immer gleich, und betet man bloss an, wenn es das Bedürfniss erheischt, so gibt es auch nur e i n e Art der Anbetung. –
Es kommt vielleicht sehr bald eine Zeit, wo ich Dir Ausführlicheres über dieses Tema mitteilen kann. Durch den Kirchenbesuch zufällig darauf geführt, kehr' ich jetzt wieder zu meiner Berichterstattung zurück. Auch ohne das stillere Gedankenleben drang so Vieles mit wundersamer Gewalt auf mich ein, dass ich mich veranlasst fühle, davon zu sprechen. Es geschieht nichts ohne Einfluss auf das Ganze, und so trägt auch das kürzlich Gesehene und Erlebte bei, Dir jenes Bild ergänzen zu helfen, zu dem sich mein kleines Leben formt im Zusammenstossen mit dem anderer und bedeutenderer Individualitäten.
Ich besuchte zuvörderst mehrere katolische Kirchen, unter denen ich als die historisch merkwürdigsten nur die Peterskirche mit Ruben'schen Gemälden, die Gereons-, Apostel- und St. Ursulakirche nenne. Letztere fesselt viele Fremde, da in ihr die Schädel der 11,000 Jungfrauen aufbewahrt werden. Wie gewöhnlich jagte mich von dannen, was Andere hält. Die Todtenschädel mochte ich nicht bewundern. Ich liebe das Leben, das mir ohnehin noch zu tot ist, und Jungfrauenschädel habe ich lieber in lebendiger Frische. Interessanter als diese Schädel war mir daher auch eine in dunkle Seidengewänder gehüllte Gestalt, die in einer Seitenkapelle anscheinend in Andacht versunken auf den Knieen lag. Die Welt sprach zu lokkend aus den edlen Formen, die unter der dunkeln Verhüllung hervorschimmerten, als dass ich unbeachtet der Betenden hätte vorübergehen können. Ein Altargemälde betrachtend war ich bemüht, den herabfallenden Schleier mit dem blick zu durchforschen. Dies schwierige Experiment gelang mir nur zur Hälfte, doch glaubte ich zu bemerken, dass ein paar funkelnde, rheinische Augen sich mehr der Aussenwelt zuwendeten, als in innere Tiefen blickten. Das schlanke Mädchen erhob sich, ein