war.
"Diese Dreimänner lieb' ich," sagte mit unverkennbarem Vergnügen Bardeloh. "Sie haben Charakter und repräsentiren die drei furchtbarsten Parteien der jetzigen Weltbewegung. Hier der Pietist mit seinen aphoristischen Bestrebungen, den Himmel zum Wohnort geistiger Invaliden zu machen, – er saugt seine religiösen Bedürfnisse aus dem Unterleibe, und redet nicht mit Engelssondern mit ganz andern Zungen. Daneben der Unglaube, das Kind einer wilden Ehe, die das Raffinement der zivilisation eingegangen ist mit der Dialektik des ultrarationalen Protestantismus. Gegenüber endlich der Radicalismus religiösen Hasses, ein Produkt fanatischen Bekehrungseifers. Dieser Hass ist der Vater jener unerbittlichen Rache, die mit Schlangenklugheit und der Scheu einer schuldlosen Taube mittelst Küssen und Händedrükken am Christentume nagt. Mardochai, ein Sohn des Orients in seinen Leidenschaften wie in seinen glühenden Phantasien, ist er doch immer ein Kind der Zeit, worin er lebt. Er wuchert heute' mit dem Aberglauben, nach dem die Bigotterie der ortodoxen Lehre Verlangen trägt, und verkauft das Bild des Gekreuzigten, an dessen Stamm seine Nationalität unter der Verwünschung des neuen Gottes in sich selbst zusammenbrach; und schachert morgen mit den Zetteln, worauf mitleidige Christen für die Emancipation des gottverfluchten Stammes stimmten, während er übermorgen die Ideen in seinen Bettelsack schnürt und damit hausiren geht vor den Türen seiner Unterdrükker. Dies Alles tut er aus Consequenz, aus Hass, aus unergründlich blutigem Hass. Alles bringt ihm Gold – Gold, den Christus aller Welt! Wenn der Ostermorgen mit harmonischem Glockengetön den Auferstandenen verkündigt und die noch Gläubigen zur Anbetung ruft, schleicht der orientalische Rachegeist an die Pforten der Münsterkirchen und erhandelt von dem blöden kind des Glaubens für seine erschlaffende Demut den Klang des Goldes, das ihm neue Rache erkauft, und auf dem gekrümmten Finger mit schmelzendem Kindeslaut das Geläut der Glocken travestirt. – Diese Dreimänner, junger Freund, sind die Stützen unserer Epoche, weil sie die Schöpfung der Zukunft vorbereiten helfen. Wie gesagt, ich liebe sie. –"
Bardeloh zog die Uhr, Mitternacht war vorüber. Ein Zeichen des Aufbruches liess die Gesellschaft schnell das Vergnügen einer stillen Raserei vergessen. Man empfahl sich. Bardeloh war wieder der liebenswürdige Wirt, der mit aristokratischer Feinheit sich in die weltliche Etiquette hineinzuleben verstand. – Der Jude Mardochai entfernte sich zuletzt, ich folgte dem Halborientalen, um Auguste nach haus zu geleiten. Beim Weggange reichte mir Bardeloh den Hausschlüssel.
"Dies ist ein Instrument, das Sie von heute an brauchen werden," sagte der wunderliche Mensch. "Köln hüllt sich in hellen Mondnächten in eine mährchenhafte Pracht. Ich hoffe, Sie werden nicht versäumen, in diesem Genusse zu schwelgen. Gute Nacht! –"
Da stand ich, den Schlüssel in der Hand, ehe ich noch recht begriff, wie ich dazu gekommen war. Auguste stützte sich schüchtern auf meinen Arm. Vor uns gaukelte, vom mond verlängert, der riesenhafte Schatten des Juden, der dem Dome zuwanderte. Mir schien es, als breche ein höhnisches lachen aus der tiefen Nachtstille und klimme verhallend an den Säulenschäften des gotischen Riesenbaues hinan. –
Was konnte wohl Bardeloh für Absichten haben, mir einen so gefährlichen Freundschaftsdienst zu erweisen? Halbträumend, halb in süssem Entzücken schwelgend, geleitete ich meine schöne Begleiterin nach haus. Ihre wohnung liegt dicht am Rhein, mit der Aussicht auf den breiten, belebten Strom, das Städtchen Deutz und zur Seite auf die duftige Kette des Siebengebirges mit dem Drachenfels.
Als ich Abschied von meiner Begleiterin genommen, hörte ich vom Hafen her in zitternden Klänge eine Violine, die eine lustige Tanzmusik mit einer hinreissenden Virtuosität in die feierliche Nacht hineinjauchzte. Ich horchte lange und ängstlich. Das Licht erlosch im Fenster, an dem ich zuvor noch die Umrisse von Auguste's Gestalt vorüberschweben sah. Es ward still. Leise rauschte der Strom durch die Schiffsbrücke, ungewisse Töne schwirrten wie Gedanken, die leise Freiheitswünsche stammeln, vom andern Ufer herüber. Das Mondlicht schlief gaukelnd auf den Blüten der Wellen, die lustig schaffend die Flut aus der Tiefe hob. Ein feierlicher Friede zog durch die alt-katolische Stadt, nur in mir war es nicht still. Ich ging noch lange in den engen, winklichen Strassen umher, erst als der Tag im Osten das durchsichtige Augenlid zitternd aufzuschlagen suchte, trat ich den Fussweg an. In Bardeloh's Zimmer flatterte noch der bläuliche Glanz seiner melancholischen Lampe. Obwol ich eine unruhige Nacht verlebte, war ich doch sehr, sehr glücklich. –
3.
An Ferdinand.
Köln, den 4. August.
Mit jedem Tage spannen sich hier meine Erwartungen höher. Ich selbst gewinne an Individualität unter diesen geheimen Stössen, seit ich mir nicht mehr allein angehöre. Es ist Alles anders geworden in mir seit dem Abende, wo Bardeloh's Haus jene wunderliche Gesellschaft versammelte. Noch dämmert jene stille Mondnacht wie ein glückliches Mährchen in meiner Seele, in der mir zum ersten Male das geheimnis gelöst ward, von dem Niemand eine Ahnung spürt als diejenigen, in denen es selbst in seligen Rätseln das Leben erzählt. Fürchte nicht, dass ich dich mit Liebesgeflüster langweilen werde. Du sollst von meinem eignen Sein nur dann etwas erfahren, wenn es sich mit dem Geschick von Personen verflicht, die in ihren grossartigeren Eigentümlichkeiten einen teil des Weltlebens umfassen.
In den letzt vergangenen Tagen war ich bemüht, das Innere der Stadt genauer zu besichtigen. Köln ist hässlich, eng, finster. Ein dunkler Schatten, den die Bigotterie des Mittelalters zurückgelassen hat, kriecht rastlos über die Stadt fort