Euch, wo ich lieber vor Aerger weinte. Tante Auguste aber spricht immer, wie's ihr im Auge liegt, und Sigismund hält's eben so. Darum nenn' ich sie Mann und Frau, was sie auch werden sollen, selbst wenn's der Vater zu seinem Gift der zivilisation rechnete."
Es war uns Beiden sehr zu wünschen, dass der kleine Redner die Aufmerksamkeit Aller im hohen Grade erregte. Die Mädchen stritten sich um den braunlockigen Burschen und fragten ihn, welche von ihnen Allen er zur Frau haben wolle?
"Gar keine," erwiderte er sehr bestimmt, "Ihr müsstet Euch denn ändern."
Diese entscheidende Antwort brachte einen allgemeinen Aufstand unter den mutwilligen Mädchen hervor. Man haschte und jagte sich gegenseitig, um den Knaben zu fangen, und da sich Felix aus dem Staube machte, so war das Zimmer in kurzer Zeit leer. Ich sass allein neben Auguste, vertieft in ein Gespräch, dessen Inhalt sich schwerlich angeben liesse. Das Weib ist nie schöner, als wenn es sich ganz dem Liebreiz angeborner Natürlichkeit überlässt. Diese graziöse Negligenz, in der doch wieder so viel Würde und Zurückhaltung liegen, ist Augusten in hohem Grade eigen. Wenn sie spricht, teilt jedes Glied ihres Körpers die Bewegung, die aus der erregten Tiefe der Seele heraufzittert. Es ist eine Melodie der Schönheit im Körper des Weibes, die tönend herausbricht, sobald der Sonnenstrahl stillen Glückes mit goldenem Glanz Gesicht und Nacken übergiesst. Auguste neckt und lockt wie der schmelzende laut einer Nachtigall, wenn sie Erinnerungen der Kindheit in leisem Gespräch erweckt. Dann flutet wie eine verdichtete Welle des Rheines das grünseid'ne Gewand um die schönen Formen, und die langen dunkeln Locken, die das Oval ihres Gesichts halb verstecken, ringeln sich schmeichelnd um den lebendigen Marmor des Nakkens. Dann küssen unsichtbare Grazien ein lächelndes Lippenpaar in die vollen Schultern, und der Zug des Herzens verbindet der Entaltsamkeit die Augen und lässt den Mund nach dem Geschenk der schalkhaften Göttin ein glückliches Suchen anstellen.
Bardeloh's Eintritt, der meist unerwartet und mit geisterhafter Geräuschlosigkeit erfolgt, störte unser Gespräch, von dem ich nichts mehr weiss, und ich hatte kaum Zeit Augusten einen Besuch in ihrer wohnung zu versprechen.
"Wieder so ganz allein?" fragte mein Gastfreund. "Man wird sie künftig an Ketten in die Welt hineinziehen müssen."
"Das wird nicht schwer sein," antwortete Auguste, "denn unser Freund ist von ungemeiner Elasticität."
"Da haben Sie mehr entdeckt in wenig Stunden als ich seit mehreren Tagen."
"Sie wissen ja, dass Entdeckungen meine Force sind," fiel Auguste lächelnd ein, "und sind Sie es zufrieden, so nehme ich die Verpflichtung über mich, unsern Freund in jede Gesellschaft zu führen, sei sie nun in der grossen oder kleinen Welt. Ich glaube, Sigismund wird diesen Antrag nicht unbedingt von sich weisen."
Bardeloh sah mich mit seinem durchbohrenden Blicke an, der glühend und kalt zugleich ist. Ich führte Auguste's Hand an meine Lippen. "Der Antrag ist gut," sagte Bardeloh, "nur seid keine Närrchen!"
Er reichte seiner Gattin, die eben eintrat, den Arm, ich fühlte Auguste's Herz an meiner Seite klopfen.
"Ersticken Sie die Gemütlichkeit, diese Kleinbürgertugend aller Deutschen," sprach Bardeloh zu mir "und sein Sie einmal ein kalter Verstandesmensch. Wer seine Zeit und Zeitgenossen will kennen lernen, muss das Termometer seines Herzens in der Gewalt haben."
Wir traten in den Saal, die Gasflammen warfen blendende Helle auf die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft.
"Spiel vereinigt," flüsterte mir Bardeloh zu, "Spiel ist ein Versöhner alles Zwiespalts, weil es sicher neuen zu erwecken versteht. Als Gott die Versöhnung stiftete, erfand der Teufel das Spiel. – Mir rast allemal der Schauer wehmutsüsser Verzückung durch Mark und Bein, wenn ich des Würfelspiels der Kriegsknechte gedenke unter dem Kreuze, an dessen Holz der blutende Versöhner Barmherzigkeit und Vergebung mit brechendem zum Himmel gerichteten Auge predigte. – Dass die Weltgeschichte so witzig, so grauenhaft witzig ist! Hier der sterbende Gott, dort der lachende Teufel, dessen Freude aus jedem Würfelauge triumphirt! – Sigismund, geben Sie Acht, ob das Spiel am Kreuzesstamme mehr Anhänger gefunden hat, als die weinende Mutter und das Stammeln um Vergebung!"
Wir gingen unbemerkt an den Gruppen der Spieler vorüber. Die katolische Geistlichkeit hatte sich zusammengesetzt. Sie war sehr vergnügt, das unsichtbare Haupt ihrer Kirche schien sie zu einigen. Diese Menschen spielten mit der Ruhe todtgeschlagener Leidenschaftlichkeit.
"Ich beneide diese Herren, weil ich ein Bedauern für sie empfinde," sagte Bardeloh. "Wo sich dies regen kann, hat das Glück noch immer einen Stein im Bret."
Jetzt standen wir in der Nähe des Tisches, an dem jener kleine, blasse protestantische Prediger Platz genommen hatte. Neben ihm sass die personificirte Heiligkeit in Gestalt eines demütig frivolen Frömmlers. Gegenüber dem Geistlichen der Jude Mardochai. Auguste's voller Arm zitterte in dem meinigen. Ich drückte ihre Hand und suchte fragend ihr dunkles Auge.
"Diese drei Menschen sind entsetzlich," rief sie mit unverhehltem Abscheu. "Wenn es deren viele in der Welt gäbe, würde gewiss in kurzer Zeit keine Tugend mehr zu finden sein."
Bardeloh stiess mich an. Die drei Spieler waren so tief in ihre sogenannte Zerstreuung versunken, dass die Aussenwelt für sie nicht vorhanden