Lage beizubringen. Das ist jeder Edle seinem irrenden Bruder schuldig. Und ich meines Teils will nicht müssig bleiben, sonst würde ich vor Schmerz sterben."
Richard stand auf und trat in den Saal, wo die erwähnte Krankheit in Gestalt liebreizender Masken, anmutig scherzend, geistreich witzelnd, umhertobte.
Ein dumpfer Gram raubte mir fast die Besinnung. Bardeloh wandelte draussen im Saal unter seinen Gästen herum wie ein vor Zorn schweigender Gott. Jede Meinung zerfiel vor der seinigen, wenn es ihm beliebte, eine andere aufzustellen; denn der ausserordentliche Mann hatte grosses Vermögen. Ich kann diese Manie, sich selbst im tiefsten Elend der Zeit unterzutauchen, kaum begreifen. Mit einer Art Wollust sammelt dieser Mensch alle Strahlen der Lebenssonne und badet sich in ihrer fieberzeugenden Hitze. So viel unbestreitbar Wahres Bardeloh auch aussprach, und so gut es sein mag, die Schlechtigkeit der Welt kennen zu lernen, so ist es doch auch ratsam, sich vor raffinirter Lust daran zu hüten.
Ich bin wahrhaftig nicht glücklich und so manche Schmach des Jahrhunderts treibt mir die Schamröte auf das Gesicht, das einzige Abendrot, das bei den Besseren noch als verklärender Schimmer über das Grab ihrer sterbenden Mutterwelt zittert. Doch so elend als Bardeloh bin ich noch nicht! Gottlob, noch wäre es mir nicht möglich, mein Kind dem tod verfallen zu wünschen, noch eine so grauenhafte Gesellschaft zu bitten, bloss um mich zu sättigen am Ekel. Ich fürchte, dieser grosse edle Geist kann verrucht werden aus Edelmut. Er will sich anspornen zur Tat, und wählt, wie es scheint, ein gefahrdrohendes Mittel. Möge ihn die ewige Liebe beschirmen, die belebend durch die Nerven der geschichte geht und noch keinen verlassen hat, der mit der Andacht tiefster Humanität sich ihr unbedingt hingab! –
Es war mir unmöglich, nach dieser Lection meines Wirtes in den Gesellschaftssaal zurückzukehren. Mir fehlte die Kraft der Heuchelei und Verstellung, die Bardeloh in einem bewundernswürdigen Grade besitzt. Diese Moral der Unmoralität ist leider ein Product der zivilisation, sobald sie zur Caricatur ihrer selbst geworden. Sie muss, wie die Verhältnisse sich gestalten, freilich vorhanden sein, nur soll man sie nicht als Mittel anwenden, um das wahrhaft Moralische wieder zu Ehren zu bringen. Dazu kann nur die reine Unschuld, die Zauberrute des ewig Heiligen, gebraucht werden.
Wieder zu mir selbst gekommen, verliess ich die psychologische Warte Bardeloh's und ging auf einem Umwege in Rosaliens Zimmer zurück. Ich traf sie am Arbeitstisch Spielmarken zählend. Mit dem Lächeln einer tugendhaften Resignation reichte sie mir die Hand.
"Sie sind blass," sprach sie, "Richard hat Ihnen gewiss eine seiner Phantasien erzählt."
"Es war mehr als blosse Phantasie, teure Freundin!"
"Werden Sie spielen?"
"Ich pflege es nicht zu tun."
"Dann werden Sie eine Gesellschaft junger Damen unterhalten müssen. Ich will unterdessen zum Rechten sehen als Hausfrau, die auch bei den Studien ihres Mannes die Pflicht über sich hat, dem Störenden eine Seite abzugewinnen, die nicht aller Anmut entbehrt."
Rosalie verliess das Zimmer und trat in den Saal, dessen bisheriges Geräusch bald in eine flüsternde Stille zusammensank. Ich blieb einige Zeit allein, dann kam Felix, der schöne Knabe, hereingesprungen, dessen Name wie eine Satyre auf sein Leben klingt.
"Bist Du da, Sigismund?" rief er aus und kletterte behend an mir empor, um mit dem Zeigefinger mir sanft nach den Augen zu stechen. Ich weiss nicht, worin der Reiz dieser unschuldigen Spielerei für ihn liegen mag, er tut es aber bei Jedermann, dem er meint vertrauen zu dürfen, und je geduldiger man sich der sanften Berührung hingibt, desto fröhlicher wird das holde Kind. Als ich ihm seine Augenvisitationen endlich untersagte, war er sehr vergnügt, küsste meine Hand, und sprach: "Dich hab' ich gern, Sigismund, weil Du mich immer tun lässt, was ich muss."
"Ei, wer treibt Dich denn zu Deinen wunderlichen Unternehmungen?"
"Das kann ich so eigentlich nicht sagen. Der Vater spricht: es sei das Gift der zivilisation, ich glaube's aber nicht, denn ich kenne dieses seltsame Gift nicht. Und der Vater mag sich's wohl auch nur einbilden, denn letztin, als ich Rattengift in der Apoteke holen musste, fragte ich nach dem Civilisationsgifte, sie lachten mich aber nur aus und meinten, in ihrer Apoteke gäbe es keins."
"Schuldloser Engel!" rief ich und drückte den braunlockigen Knaben an mein Herz.
"Höre, Sigismund, ich wollte, Du würdest mein Vater," schwatzte der gemütliche Kleine fort. "Das ist mir noch nicht passirt, dass der Vater mich so geherzt hätte wie Du. Und nach den Augen lässt er mich vollends gar nicht stechen, obgleich ich Niemand damit wehe tue. Die Mutter hat nichts dagegen, auch die hübsche Tante mag's gern leiden, wenn ich ihr ein bischen nach den Augen steche."
"Wer ist denn Deine Tante?"
"Kennst Du meine Tante noch nicht? Wart', die soll gleich herkommen, und Du wirst nur sehen, wie hübsch sie ist. Ihr Beide solltet Euch eigentlich heiraten, weil Ihr so ganz nach einem Sinne seid. Lass mich! Gleich komme ich wieder mit Tante Auguste."
Der allerliebste Schwätzer hüpfte mit einer Zierlichkeit hinaus, als ob er auf elastischen Sohlen ginge und kehrte auch