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zeigt, keine Indigestionen, nur die geschminkte widert mich an. Meine Charaktere aber, wie sie in Mardochai, Gleichmut, Casimir, Friedrich, Steinhuder, Bardeloh, Lucie, Rosalie etc. zu Tage liegen, tragen keine Schminke. Sie sind Menschen, wie sie aus der Verworrenheit gegenwärtiger Zustände, sobald man diese concentrirt, von selbst hervorwachsen. Auf den Kreuzwegen und Strassen freilich laufen sie uns nicht in die arme, in der mit der Aeusserlichkeit der perfiden Gewohnheitssitte grollenden Stille des Hauses aber begegnen sie dem Forscher. Mir wenigstens sind sie begegnet; denn ich habe nur porträtirt; versteht sich, mit Benutzung der Licenzen, ohne welche sich nun einmal Charaktere nicht wohl anschaulich zeichnen lassen. Man sei deshalb nicht böse, und zürne, fühlt man sich überhaupt dazu berufen, mit der Welt, nicht mit mir. Ich würde bei solchem Zorne schweigen. Nachdenken und Anschauung von Welt und Zeit, und ein gewagter kecker blick in die Zukunft haben mich die Feder eintauchen lassen. Die Eitelkeit hat keinen teil daran.

Wer mein Buch als Kunstwerk auffasst, gerät in die Brüche. Ich habe ein Bild grosser Lebensschmerzen, kein Kunstwerk schreiben wollen. –

Sollten diese Mitteilungen Freunde finden, nicht solche, die gerne sich in süsse Träume wiegen lassen auf den rhytmischen Wellen anmutig geschürzter Perioden, sondern solcher, welche a u f z u w a c h e n geneigt sind, so werde ich seiner Zeit die Fortsetzung derselben folgen lassen. Dann verlege ich die Scene an den Missisippi, und dort, unter dem Schirm der sternbesaten Flagge, wird jeder Zwiespalt vollends ausgeglichen werden, falls die von mir beabsichtigte Versöhnung am Ende dieser Bände vielleicht noch nicht mit vollem lichten Strahl aus Schmerz und leidenschaft sich erhoben haben sollte. – Dies heute mein Abschiedsgruss an die Leser, wobei wir uns, denke' ich, von Herzen die hände drücken.

L e i p z i g , i m S e p t e m b e r 1837.