ward mir unheimlich, weil ich den Schmerz um die verlorne Welteiligkeit aus der dunklen Glut des eingestürzten Auges herausflackern sah. Doch schien er froh, heiter gelaunt und voll Befriedigung mitten im Verkehr mit der glänzenden Welt. Seine pikanten Bemerkungen, nicht selten tiefdunkle Rosen auf die Wangen vorbeiwandelnder Mädchen zaubernd, sammelten stets einen bunten Kreis begieriger Hörer um ihn. Einige stille Jünglinge drängten sich sehr in die Nähe einer ältlichen Dame, die eben so bekannt war durch ihre Heiligkeit wie durch den Besitz zweier Nichten, deren Schönheit mehr Verehrer zu finden schien als ihre strengen Blicke. Die Jünglinge waren gut geschult, auch der Ortodoxeste hätte nichts an ihrer Haltung, Handbewegung, an Auge und Mund, aussetzen können. Weniger auffallend zeigten sich die jugendlichen Gestalten der anwesenden Damenwelt. Hier wetteiferte meistens nur die angeborne Koketterie des Geschlechts mit unverwüstlicher Herzlichkeit und sprudelnder Laune. Necken und Kichern lauschte aus den schönen frischen Augen, und die blühenden Lippen mochten nur dann stumme Lügen zerdrücken, wenn sie sich weigerten, einen begehrten Kuss zu erwiedern.
"Haben Sie die Menschheit gefunden in diesem Geschlecht?" unterbrach Bardeloh mein Schweigen. Rosalie brachte uns Limonade. "Unterhalte die Gesellschaft", wandte er sich an die Gattin, "ich werde mit unserm Freunde bald folgen."
"Sei nicht grausam, Richard," bat das schöne Weib und verliess uns.
"Zweifeln Sie wohl," hob Bardeloh abermals an, "dass Sie da draussen im Saal die Blüte europäischen Geistes versammelt sehen?"
Ich seufzte.
"O, schämen Sie sich, missmütige Seufzer auszustossen, wenn die Freuden der Gesittung im schönsten jubel um uns scherzen!" – Er schwieg und schlürfte die Limonade. "Mir wird immer seltsam lächerlich zu Mute," fuhr er fort, "wenn ich Gelehrte und Ungelehrte sich braunrot streiten höre und sehe über den Wert der Universitäten in unsern Tagen. Mein Gott, der Gegenstand ist ja nicht der Rede wert! Schickt die jungen Leute zu mir und gebt mir den zehnten teil dessen, was nur eine Universität Deutschlands jährlich kostet, so unterrichte ich Euch die strebende studirende Jugend zehnmal besser als all' Eure Professoren. Hier, dies ist mein Kateder, dort das Auditorium. Eine Nacht – ich lese bloss Nachts – in diesem Hör- und Sehsaale zugebracht, wiegt zehn Jahre mühsamen Studirens auf."
"Ist es nicht ein niederschlagender Anblick, den Menschen auf der Höhe der kultur doch so tief gesunken zu erblicken? Diese Vornehmigkeit der zivilisation, die Sie dort draussen sich tummeln sehen, repräsentirt den Zustand unseres socialen Lebens. Sie finden dort alle Tugenden beisammen, die im Katechismus eines wohlgesitteten Menschen aufgezählt werden, und doch bleibt Alles bloss Lehre, Satzung, glänzende Angewöhnung. Die natur ist dadurch verloren gegangen im Menschen, und er hat sich bewusstlos herausgehoben auf den Gipfel der Gesellschaftlichkeit. Der Mensch ist dem Benehmen gewichen, die natur der Schule!"
Soll man nun nicht darüber trauern und ernster, als es gewöhnlich ist, in die Zukunft blicken? Ist es die Aufgabe der zivilisation, das Geschlecht zu vervollkommenen, so darf in der Vervollkommnung selbst kein Rückschritt getan werden. Lücken sind nirgends zu vermeiden, auch füllt die Lücke sich aus von selbst. Die geschichte handelt hier instinktartig. In unserm Leben aber gibt es nicht blosse Lücken, hier sind tiefe Schlünde, über die man vergeblich die cultivirte Epoche Sprünge machen heisst. Der Mensch würde es wohl versuchen, wenn anders die Kleidung, in die er sich selbst schnürte, es nur erlauben wollte. Oder meinen Sie etwa, dieser hehre Gott der Schöpfung werde unsere Gesellschaftsmenschen für sein Ebenbild anerkennen? Mit Seufzen muss ich meinen bescheidenen Zweifel in dieser Hinsicht gestehen. – Gut freilich hat man nachgeformt, Zwirn und Steifleiwand sind nicht gespart worden, um dem Urbilde eines Menschen analog sein nachgeahmtes auszustaffiren.
"Und auf diese Blüte wollen Sie wirklich die schönere Zukunft der Welt basiren?" fuhr bewegt mein Gastfreund fort. "Wollen Sie mich noch der Unmoralität bezüchtigen, wenn ich behaupte, dieses Geschlecht sei nur zu erretten durch gewaltsames Aufschütteln des Menschlichen, das sich in leisen Funken noch erhalten hat zwischen den Trümmern, um die sich schmarotzend ein unbeachtetes Verderben rankt? Um die Welt verstehen zu lernen, müssen Sie die Meinungen zusammen sperren wie ich dort draussen. Dann erst erkennen Sie, wie selten eine hohe Gesinnung sich findet. Nicht die Hartnäckigkeit der verschiedensten Meinungen will ich tadeln, die farblose Charakterlosigkeit nur erbarmt mich, die zu schwach ist, um eine Meinung öffentlich auszusprechen, wenn der Andere ihr gegenüber mit einer heterogenen Ansicht debütirt. Dies nenne ich unmoralisch. Zusammengetrieben durch Visitenkarten rennen jene Gebildeten hin, wohin ich sie haben will, überall voll Heuchelei, voll Characterlosigkeit, voll Schmeichelns und Begutachtens, und nur darin einander gleich, sich selbst mit lächelndem mund Buben zu schimpfen, ohne es zu bemerken. Sollte der tiefere Denker nicht aufgefordert sein, auf ein Mittel zu sinnen, um diesen Krebsschaden am allgemeinen Körper des grossen europäischen Weltlebens operiren zu helfen, ehe er völlig unheilbar geworden ist! Es ist hart, dass eine Welt nicht eher tot ist, als bis auch das letzte Atom des Lebens in unsichtbaren Staub zerfällt. – Sind Sie davon überzeugt, und wünschen Sie einen Kranken zu heilen, selbst wenn er, dem Schwindsüchtigen ähnlich, das Umsichgreifen des Uebels für Gesundheit halten sollte, so sammeln Sie Ihre Gedanken und wagen Sie Alles daran, den Getäuschten eine richtige Ansicht von seiner