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des Stromes. Schluchzend stürzten die Wellen darüber zusammen, der Greis faltete die hände und sprach ein nochmaliges: "Friede seiner Asche!" –

Der Anker ward gehoben, in schnellen Stössen flog das Schiff den Rhein hinab. Wir alle standen auf dem Verdeck, Rosalie, Oskar, Lucie, Auguste, Felix, ich und Ephraim, und grüssten mit tränenschwerem Auge die Zurückbleibenden so lange wir sie erkennen konnten. Als der Morgennebel ihre Umrisse verhüllte, vernahmen wir die Töne aus Friedrich's Violine, und die Melodie eines alten, tief ergreifenden Kirchenliedes flog zu uns herüber, wie ein Segensruf Gottes. Da trat die Sonne hinter den Wolken hervor, und als wolle sie alle Schmerzen stillen, allen Kummer in Freude verwandeln, übergoss sie mit versöhnendem Strahle die Erde, so weit unsere Blicke reichten.

Wir schieden versöhnt mit dem Geschick, mit der Menschheit vom vaterland, und wankten auf der Brigg "die Hoffnung," geführt von Burtons erfahrener Hand, hinaus auf die unermesslichen Meere. Der Anblick des gewaltigen Elementes erhob unsere Gemüter; geeint in Liebe, riefen wir dem in den Wellen versinkenden vaterland ein lautes, herzliches Lebewohl zu, den hohen Trost mit uns nehmend, dass die Liebe versöhnt und der Glaube errettet, wenn sie beide das Product einer in tiefster Brust ewig verschlossenen Wahrheit sind. Lebt wohl in Europa! Vom Ufer des Missisippi schreibe' ich Euch wieder.

Nachschrift.

Ehe ich diesmal von meinen Lesern Abschied nehme, habe ich ihnen noch ein Wort zuzuflüstern. Bücher sind oft seltsamen Schicksalen unterworfen und zwar meistenteils bloss deshalb, weil Autor und Leser auf einem ganz verschiedenen Standpunkt der Betrachtung stehen. Kann auch die Masse der Leser, als Repräsentant einer stimmberechtigten Gesammteit, von dem Autor verlangen, er solle f ü r sie schreiben und also in einer Weise, die Allen gleich leicht verständlich, bequem und erquicklich sei; so hat doch der Autor auf der andern Seite auch wieder höhere Zwekke zu verfolgen, wenn er überhaupt schreibt, weil er die Weihe dazu von der natur empfangen zu haben überzeugt ist. Hier Jedem zu geben, was Rechtens sein mag, hat seine grossen Schwierigkeiten. Ein Schriftsteller von heute, der seine Stoffe dem unmittelbaren Leben entnehmen will, um die Mistöne auflösen zu helfen, an denen es leider noch so reich ist, kommt in vielfache Conflicte. Nicht nur mit sich selbst hat er zu ringen, Stoff und Form zu berücksichtigen, ästetischen Feinschmeckern auf die Lippen zu sehen; auch die Freunde, die Bekannten, die sogenannten Gleichgesinnten (wiewol es manchmal scheint, als sei dies ein leeres Wort), die Prüderie der Gesellschaft, die Schminke der spazierengeführten Tugendhaftigkeit, die umherstolzierende Anmassung der liberalen Quacksalber, die grosse Menge, gemischt aus tausend sich widersprechenden Atomen, und endlich die idee, diese Sonne, an deren Strahl die Zukunft lebendig wird, soll ein Autor der Gegenwart beachten! Dabei können aber die Gedanken selbst sich verlieren, und es macht sich daher oft nötig, aus L i e b e z u r W a h r h e i t Dies und Jenes unberücksichtigt zu lassen. Schleicht sich darüber die Lükkenhaftigkeit ein, so sei man billig und bedenke, dass auch ein productiver Mensch doch immer nur Mensch ist und als solcher nicht Jedermann nach dem mund reden kann. Auch möge man noch die etwas misslichen Verhältnisse betrachten, unter denen es nicht erlaubt ist, den Gedanken in der geeignetsten Weise a u s z u s p r e c h e n . Mit dem Wegfall der Gedanken verliert aber auch die Form, denn wo ich die Seele einer allgemeinen Beschneidung unterwerfe, da kann sie nicht den Körper so durchleuchten, wie es zu wünschen wäre. Findet nun dieser oder jener Leser oder Kritiker ähnliche Verwundungen an meinem buch, so bitte ich, er möge sich dafür andern Ortes bedanken oder beschweren. Ich wasche meine hände in Unschuld; ich kann die Sonne nicht scheinen lassen; denn ich fühle die Schwachheit meiner Menschennatur, und bin auch bloss ein allein stehendes Individuum.

Es kommen vielleicht einige geschickte Kreuzer, deren es allerwärts übergenug gibt, und schreien mir die Ohren voll über Grades und Ungrades, was angeblich in meinem buch zu finden sein soll. Diesen habe ich bloss zu sagen, dass ich kein Kreuzer bin, in der Kunst des Lavirens überhaupt schlecht bewandert, vielmehr nur mit vollen Segeln durch Wetter, Sturm und brausende See steuere, oder lieber ganz im Hafen bleibe. Ich weiss, dass ich mir keinen Dank damit verdienen werde; doch von Dank will ich auch nicht leben. Meine Speise ist die Wahrheit, die ungeschminkte. Sie ist aber auch mein Wimpel, an dem die Hoffnung flattert, frisch und kräftig in die blaue Luft der Zukunft hinein. Auf meine Gegenwart will ich keine Actie nehmen, ich fürchtete baldigen Bankerott, auf die Zukunft aber, so viel man will; auf sie basire ich das Glück von Völkern und Ländern. Und diese Zukunft ist licht in meinem buch, wie in meiner Seele, wenn auch sonst schwarze Wetterwolken drin blitzen und donnern.

Den Gehäbigen werden meine Charaktere nicht gefallen. Die etwas radicale Menschennatur, die heute zu Tage in Vanillentee, Himbeereis und Bonbons zu grund gegangen ist, wird den guten Leuten viel zu schaffen machen. Sollten sie Choleraschmerzen darüber bekommen, so bitte ich, sie mögen nicht mich, sondern ihre schwache, verdorbene Constitution deshalb anklagen. Mir verursacht die natur, und wenn sie auch grotesk sich