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auch dem abenteuerlichsten greifen. Mardochai erblickte nicht sobald jenes Bild, als ein Lichtstrahl der Hoffnung über seine Mienen zog, wie der Bogen des Friedens und der Versöhnung. Er übersah rasch seine Verfolgeres waren lauter Pietisteneine gewaltige Anstrengung machte ihn frei. Mit heftigem Sprunge schwang er sich zu der Erhöhung hinauf, die unter seiner Schwere zerbrach, ergriff das wohlgemalte Maskenbild, und es schnell über sein Haupt herabziehend, streckte er die Hand aus und rief laut dem gereizten Haufen die Worte zu: "Ecce homo!"

Ein paar Secunden trat eine schwüle Stille ein, dann aber brach ein grelles Zetergeschrei aus, Steinhuder und viele Andere ergriffen den unglücklichen Mann, und die Schnüren an der Maske zusammenziehend, sank Mardochai mit leisem Röcheln langsam zurück gegen die Wand. Seine Finger zuckten krampfhaft, aber kein laut entschlüpfte seinem mund. Das Haupt neigte sich auf die Brust, der Dornenkranz sank tiefer und tiefer. Der Mann, welchem die geschichte zu langsam war in ihrer Gerechtigkeit, schied lautlos aus der Reihe der Lebendigen.

Jetzt aber ergriff auch die erhitzten Henker die Furcht. Sie flohen Saal und Haus, das Toben sank herab zur Ruhe des Todes. Auf dem Divan lehnte Felix weinend am Busen seiner Mutter. Die Leiche seines Vaters hatten Oskar und Burton aufgehoben und neben die ruhig lächelnde Gestalt seines irren Bruders gelegt, der in glückliche Gedanken versunken nur mit leisem Finger die blutende Wunde berührte und eben so ruhig, als ergeben sprach: "Das ist Dir gut, Bruder. Blut versöhnt und bändigt die Leidenschaften. Ich weiss es am besten, denn ich habe was Ehrliches für diese Bändigung geblutet. Nun Du so ruhig bist, Bruder, wollen wir zusammen schlafen gehen in's Kloster." –

Der lebensmüde Mann erhob sein Haupt und fuhr fort, den Rosenkranz zu beten. Vor ihm, mitten unter uns, stand der greise Castelan. Die Erscheinung dieses ehrwürdigen Alten, auf dessen gefurchter Stirn mit schönen Lettern die Nachricht eines über alle Stürme der Welt errungenen Sieges zu lesen war, berührte auch mich wie die Erscheinung eines versöhnenden Engels.

"Friede sei mit Euch!" sagte zitternd bewegt der edle Greis, und von der grauen Wimper herab floss der Tau mildernder Tränen. "Friede sei mit Euch! rufe ich nochmals, wenn ich auch kein geweihter Priester bin. Aus Nacht und Nebel erhebt sich immer wieder das Licht des Tages. Ihr alle wandeltet in Nacht, ein greller Blitz hat die Dunkelheit zerrissen und Einige getödtet. Das war keine Strafe, das war die Liebe Gottes! O, werdet ruhig, Ihr, die Ihr zurückbleibt, und bedenkt, dass es Aergerniss geben muss, der aber nicht zu beneiden ist, von welchem es kommt. Friede sei mit den Lebenden, Friede mit den toten! Den Mönch nehme ich in meinen Schutz. Er gehört mir zu; sein todter Bruder hat ihn mir übergeben."

"Gebrechlicher Greis," fiel Gleichmut ein, "fürchtest Du nicht einen Schuldigen, der aber seine Schuld bereut, so folge ich Dir ebenfalls, nicht etwa, um Klosterbruder zu werden, sondern um fern vom Sturme der Welt mein ganzes Leben wiederzufinden."

Der Castelan legte seine zitternde Hand auf den Scheitel Gleichmut's – es war, als spräche dieses Handauflegen eine vollständige Absolution aus über Jedermann, über die ganze Welt. –

Ich hatte unterdessen die Maske von Mardochai's haupt gelöst. Sein Gesicht trug die nämliche trotzige Ruhe des Stolzes, die ich immer an dem mann bewundert hatte. Nur die Augen standen halb offen, als hafteten sie noch auf den Irrtümern der Welt. Mit Schmerz drückte ich sie dem eigentümlich grossen mann zu. Da löschte ein Luftzug die Lichter, tiefe Finsterniss sank über den toten. Felix hing sich an meinen Hals und rief zärtlich: "Nicht wahr, jetzt wirst Du mein Vater werden?" –

Ich habe nichts mehr zu erwähnen. Zwei Tage später, nachdem Alles so gut als möglich geordnet worden war, beschlossenen wir übrig Gebliebenen, durch so wunderbare Ereignisse hart Geprüften, aber auch dem stillen Frieden der Verheissung Wiedergegebenen, das Vaterland zu verlassen. In Mardochai's wohnung fand sich eine Kiste mit einer sehr grossen Menge von Schriften und Documenten, alle auf die Emancipation seiner Brüder abzweckend. Sie wurden dem Ober-Rabbiner in H. gesendet, für den ein Zettel von Mardochai sie, im Fall seines Todes, bestimmt hatte. Reiche Legate für "Christen, die Juda's Schmerz mitfühlen und Balsam für seine Wunden bereiten," hatte der seltsame Mann ebenfalls ausgesetzt. – Die Rolle, welche auf dem altarählichen Tischchen in Bardeloh's Cabinet lag, entielt seine "Doctrin des Hasses," von der sich vielleicht später Einiges mitteilen lässt.

Sara's Leichnam war bereits gegen die Verwesung gesichert. Rosalie wünschte dasselbe ihrem Gatten und Mardochai. Wir willfahrteten den Bitten des armen, aber doch im Besitz ihres hoffnungsvollen Sohnes glücklichen Weibes. Burton besorgte ein Fahrzeug zur Aufnahme der drei Leichen, und am dritten Tage nach dem traurigen Ereignisse, noch in neblicher Dämmerung geschah die Einschiffung.

Gleichmut, der Greis und Bonifacius standen schweigend am Ufer. Sara's und Bardeloh's sterbliche Ueberreste waren bereits am Bord, die Matrosen hissten eben Mardochai's Sarg herauf. Im Osten dämmerte der erste Strahl des neuen Tages. Da zerriss ein seltsamer Zufall das eine Tau, der Sarg schlug um und versank in den Wogen