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hervorragenden Anwesenden, unter Andern auch Steinhuder und Oskar, hatten Toaste ausgebracht, die sich freilich in feindseliger Rüstung trotzig gegenüber standen. Die Fastnacht war und blieb der allgemeine Versöhner. Wein und sonstige Aufregung hatte die Gemüter entflammt. Lauter ertönten die Stimmen, man wog nicht mehr das Wort und gestattete dem Gedanken eine ungewöhnliche Freiheit. Da erhob sich Bardeloh, ruhig, ernst, mit spöttischer Lippenbewegung. Schweigen fiel herab auf die Versammelten, denn man erwartete nicht mit Unrecht etwas Bedeutsames aus dem mund des Geheimnissvollen zu vernehmen.

"Es ist Fastnacht," begann mit unsicherer stimme der bleiche Mann, "und da ist es von jeher erlaubt gewesen, die Wahrheit zu sagen, ein Narr zu sein, ein Allerweltsnarr! Auch ich fühle heute die Lust dazu in mir, bin aber nicht geneigt, viele Worte zu machen. Ich erhebe nur das Glas, und fordere meine ehrenwerten Gäste auf, mit mir vereint die idee leben zu lassen, welche in dem heute unterbliebenen Maskenzuge zur Erscheinung kommen sollte. Wer ein Freund der Wahrheit ist, der fülle sein Glas und stosse mit mir an! Heda, Musik! Es lebe diese verschleierte idee!"

Die Musiker begannen zu spielen. Sie hatten die Masken abgeworfen, ich erkannte in ihrem Dirigenten den blödsinnigen Friedrich, dessen Bogenstriche übrigens jetzt in alter Weise sich wieder kenntlich machten. Die Gesellschaft war aufgestanden, doch rief es von allen Seiten wiederholt: "Sag' an die idee! – Was sollte sie verwirklichen?" –

Wie zerstreut fuhr sich Bardeloh mit der Hand über die Stirn, griff im Busen und zogMardochai's Brief an mich hervor. Lächelnd reichte er denselben einem der zunächst Sitzenden. Es war ein Pietist. Der Mann gebot Ruhe und begann laut das Schreiben vorzulesen. Bardeloh erfasste die Hand seines Sohnes, Mardochai stand ruhig auf, näherte sich unserm Gastfreunde und sprach fest, aber erbleichend: "Richard, was tun Sie?" – "Was ich muss," erwiderte der Gefragte. "Nach Gewissheit verlangt meine Seele. Ich muss noch in dieser Stunde erfahren, ob meine Gedanken auch die der Welt sind." –

"Der Segen Abrahams sei mit Dir!" flüsterte Mardochai, "doch fürcht' ich, Du hast nicht gut daran getan." –

In diesem Moment erhob sich ein Murmeln, Schimpfen, Drohen. Der Pietist hatte den Brief fast zu Ende gelesen. Alles stand auf. "Lästerung! Lästerung!" schrien die Frömmler, Steinhuder an ihrer Spitze. "Ergreift sie!" tobten Andere. "Den Juden fasst! – Den reichen Nabob tödtet! – – Schleppt sie vor Gericht! – Nein, nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!" –

Alle Schrecken des bigottesten Fanatismus schritten zügellos durch die schimmernden Säle. Mardochai war schon erfasst worden, er wusste sich zu befreien, und schritt zwar fliehend, aber doch mit stolzer Haltung, der Tür zu, die nach Bardeloh's Kabinet führte. Dieser selbst bahnte sich, seinen zitternden Knaben im Arm, rasch den Weg eben dahin. Die stimme des greisen Castelans sprach Worte des Friedens, die Frauen baten und suchten die Aufgeregten zu beruhigen, sich fest an sie klammernd. Burton, Oskar und ich, auch Gleichmut, wir Alle boten die Kraft des Wortes auf, um die empörten Gemüter zu besänftigen. Allein der Aufstand war zu allgemein, die Gemüter verletzt in ihrem verborgensten Heiligtume. –

Bardeloh öffnete die Tür seines Cabinets und stürzte mit Felix hinein, am Boden kniete in schwarzem Mönchsgewande, den Rosenkranz in der Hand, Bonifacius. Ein Druck gegen die Wand spregten die Tapetentür, und es ward der bekannte Apparat sichtbar, beleuchtet von den dunkel flatternden Spiritusflammen. Hastig ergriff er einen Dolch, riss seinen Sohn zu sich empor, drückte ihn fest gegen seine linke Brust, und dann den blinkenden Stahl schwingend, rief er drohend gegen die Heranstürmenden, in deren Mitte ohnmächtig Mardochai gegen hundert arme kämpfte: "Ich sehe's, Euch ist nicht zu helfen. Die Wahrheit mögt Ihr nicht hören, selbst die Fastnacht darf sie nicht mehr laut aussprechen. Ihr lebt in der Lüge, im Wahn, in Unfreiheit! Ich und mein Sohn aber, wir wollen frei sein. Gott sei Deiner Seele gnädig!"

Der Dolch zuckte in der Luft und fuhr gegen die Brust des Knaben. Doch ein gewaltiger Stoss Oskar's, der hinter Bardeloh gesprungen war, schleuderte in demselben Augenblick das zitternde Kind aus des Vaters Hand. Es stürzte vorwärts auf einen Divan, der mit Gewalt geführte Stoss aber traf des Vaters eigene Brust. Dröhnend sank Richard zusammen auf die Pyramide und über ihn rollten die Schädel zu Boden. Ein Blutstrom kroch, wie eine rote Schlange, über das Parquett. Friedrich's Geige aber jauchzte in wunderbaren Tönenich gedachte des Knaben Worte: "der Friedrich, Vater, wird Dir noch den Todtentanz streichen." –

Mehrere sprangen dem Gefallenen bei, allein noch war es nicht Zeit, Ruhe zu suchen. Der Tumult dauerte fort, des Juden Kräfte wichen unter den Händen seiner Verfolger. Mit dem kalten blick der Verzweiflung sah Mardochai umher, ob nirgend ein Mittel der Rettung sich darböte. Hinter der eingestürzten Pyramide erhob sich eine Art Altar. Darauf lag eine versiegelte Rolle; drüber gebreitet jene bedeutungsvolle Maske. Die Angst des Entsetzens, das sichere Gefühl von der Nähe des Todes lassen den Bedrängten zu jedem Mittel,