zog sich murrend zurück, und entfernte sich auf Bardeloh's Befehl, grollend im Herzen, und die Kleidung des toten Dichters fast in kleine Fetzen zerreissend. Der Tumult ward gestillt und beruhigt traten wir wieder in die Versammlung. Jetzt erst ward Bardeloh in einem gewissen Sinn lebhaft. Er klopfte mir vertraulich auf die Achsel, indem er sprach: "Nun ist's gut. Die Zeit der Tat ist gekommen." –
Die Menge der Gäste verhinderte mich, länger mit Richard zu sprechen. Es drängten sich so viele an den unergründlichen Mann, dass immer Einer dem Andern weichen musste, um nicht nach unserer Ausdrucksweise unhöflich zu erscheinen. Während nun die schwarz gallonirten Diener die Tafel bereiteten, benutzte ich die Gunst des Augenblickes und plauderte mit Auguste. Lucie und Oskar hatten sich ebenfalls in eine Fensternische zurückgezogen und überliessen sich harmlosen Scherzen und verliebten Neckereien, wie sie dem Naturell des ungewöhnlich lebhaften Mädchens zusagten.
Zu mir und Auguste gesellte sich bald wieder Felix, der in seiner schwarzen Sammetkleidung ganz allerliebst unter der burlesken Ernstaftigkeit so vieler Erwachsenen herumlief.
"Tante," sprach er, "heute soll ich eigentlich gefirmelt werden, wenn der Vater sein Wort hält, ich weiss aber immer noch nicht, wie er es anstellen will. Denn das sieht mir curios aus und gar nicht besonders heilig. Willst Du Dich nicht mit firmeln lassen, Tante? So allein mag es mir gar nicht recht gefallen."
"Lass das gut sein, liebes Kind," erwiderte Auguste. "Der Vater spricht oft Worte, die wir nicht verstehen, und da wird es mit Deiner Firmelung wohl auch nicht anders gemeint sein."
"Vielleicht ist es grade so, wie mit dem Civilisationsgift, das der Vater ordentlich recht im leib hat."
"Das hat er," sprach nahe bei uns Bardeloh's starke stimme, "ich sage Dir aber, Kind, heute Abend noch wird es ihn verlassen." Hierauf wandte er sich mit seiner gewöhnlichen graziösen Leichtigkeit zu Auguste, und reichte ihr den Arm. "Kommen Sie, liebe Schwägerin; die Tafel ist bereit, für Toaste gesorgt. Sigismund, meine Frau wartet auf Sie."
Die übrigen Versammelten folgten unserm Beispiele und ordneten sich um die lange Tafel, die fast in Form eines Kreuzes sich durch den weiten Saal hinzog. Am obersten Ende war für Mardochai ein Sitz bereitet. Ihm zur Rechten sass Steinhuder, zur Linken Gleichmut. Grade gegenüber am untersten Teile nahm Bardeloh selbst Platz zwischen Auguste und Felix. Ich sass mit Rosalie in der Mitte des Saales, uns gegenüber der greise Castelan. Neben ihm Lucie, der lustige Ephraim, Oskar und Burton. Auf beiden Seiten gemischt die recht-, irr- und ungläubige übrige Gesellschaft. Von den Bekannten vermisste ich nur Friedrichen und den Mönch. Ich fragte Rosalien, weshalb diese beiden nicht teil nähmen an dem Mahle, da sie doch in der letzteren Zeit meistenteils eine anständige Ruhe zur Schau getragen hätten.
"Richard hat über sie verfügt," antwortete sie achselzuckend. Bangigkeit lag in ihrem Auge, aber auch die Zuversicht eines gewissen, wenn auch noch fernen Glückes.
Es herrschte Anfangs eine etwas peinliche Einsylbigkeit. Nur einzelne sprachen, doch meist leise mit ihren nächsten Nachbarn. Unter die Lautesten gehörte Klapperbein, der sehr bald seine gewöhnlichen Spasshaftigkeit ein paar übermütige Sprünge machen liess und dadurch herzliches Gelächter erregte.
heute ist Fastnacht, das heisst, es fehlt nur noch ein Linschen, so ist's ganz Nacht. Man sieht's aber nicht, weil's z u hell ist, und eben darum wollen wir lustig sein und trinken. Alle tausende fällt mir da ein Lied ein, just ein Studentenlied. Es tut jedoch nichts, auch ein alter Kerl mit einem ganzen Herzen darf's immer noch mit singen. Heda, eingestimmt! Jung und Alt, Gottlos und Fromm. Es ist Fastnacht, wo Jeder sagen darf, was er will. Wohlan denn, Gläselein klinget:
"Stosst an,
Mann für Mann,
Wer den Flammberg schwingen kann etc."
Und nun sang der alte, rüstige Bruder Lustig mit so munterer Kehle, als sei er noch keine zwanzig Jahre alt. Es stimmten Viele mit ein, wenn es auch nicht Jedem von Herzen ging. Indess bewirkte dieser frische Anfang ein schnelleres Erwachen einer zum teil freilich nur erzwungenen Lust, und Lieder bald humoristischen, bald ernstaften Inhalts wurden von Diesem und Jenem angestimmt. Dadurch erheiterte sich auch Burton's Laune. Man liess Amerika leben und ein allbekanntes Nationallied ward mit steigendem Entzücken von der ganzen Gesellschaft gesungen.
Der Castelan sah diesem Treiben mit nicht sehr billigenden Blicken zu, und wirklich lag auch in dem Kontrast, welchen die Lustigkeit Einzelner mit der Trauergewandung Aller hervorbrachte, für einen stillen Beobachter etwas unaussprechlich Beengendes. Dagegen zu reden, wäre freilich unnütz und, wenn man will, für den Wirt sogar beleidigend gewesen.
Nach den ersten Gängen trat die Musik aus dem Nebenzimmer in den Saal, wo eine besondere Estrade für sie errichtet worden war. Alle Musiker waren schwarz gekleidet, trugen aber buntfarbige Bajazzokappen mit Schellen, was einen so allgewaltig komischen Eindruck auf die ganze Versammlung hervorbrachte, dass sich ein "unauslöschliches Göttergelächter" erhob. Da jeder Einzelne maskirt war, versuchten wir umsonst die Gesichter zu mustern. Bardeloh befahl inzwischen einen Straussischen Walzer, und bald flogen die Fiedelbogen, dass alle Mädchenfüsse in zukkende Bewegung gerieten.
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