Stimmung mit Glück die Leitung eines heitern Festes übernehmen zu können. Doch musste ich auf irgend eine passende Weise der einmal übernommenen Verpflichtung nachzukommen suchen, und dies bezweckte ich, indem ich Sie, meine Verehrten, zu mir lud. Ueberlassen Sie sich jetzt der Heiterkeit, ich selbst will dazu beitragen. Wohlan, es beginne die Lust!"
Richard klatschte in die hände, die Flügeltüren sprangen auf und ein Bacchuszug schwärmte jauchzend herein und durch den Saal. Der Scherz und Humor würde vollständig gewesen sein, hätte nicht die durchaus schwarze Tracht auch dieser Darsteller dem überreizt Lustigen einen Anstrich finstern Ernstes verliehen. Anstatt wahrhaft zu erheitern, wirkte dieser Jubelchor mit umflorten Tyrsusstäben fast dämonisch. Man ahnte ein Grauen hinter der Tollheit der Lust, das drückend auf die Versammelten niederfiel. Dazu noch das überlaute Getümmel der Menge im Erdgeschoss, die nur den Augenblick des reichsten Genusses fest hielt und jeder Laune frei den Zügel schiessen liess. Noch hatte der Zug den Saal nicht wieder verlassen, als ein durchdringender Aufschrei unzähliger Stimmen etwas Ausserordentliches verkündigte. Eben so schnell trat eine lautlose Stille ein, nur dumpf unterbrochen von dem fernen Gemurmel der neugierig gaffenden Menge. Ein paar Diener traten bestürzt ein, und raunten Bardeloh einige Worte zu. Dieser verliess den Saal, ich folgte. Auguste hatte sich an meinen Arm festgeklammert. Alles drängte nach, ernste und lustige Gesichter, da Viele die lächerlichsten Masken trugen. Von unten her wuchs der Lärm. Die Luft schien zu brausen, wie vor dem Ausbruch eines zerstörenden Orkanes.
Zugleich mit Bardeloh erreichte ich die Hausflur. Ein Anblick, der noch jetzt in der Rückerinnerung mich tief ergreift, machte uns Alle stutzen. Nahe am Sarge Casimir's stand die ehrwürdige Gestalt des neunzigjährigen Castelan's. Seine Linke auf die Brust des toten gelegt, mit der Rechten den Krückenstab gegen die gierige Menge, halb drohend, halb besänftigend erhebend, sah er mit der Ruhe eines Mannes umher, den kein noch so trübes Ereigniss den fest gewurzelten Glauben an Gott und die ewige Gerechtigkeit hat entwenden können.
"Casimir ich vergebe Dir!" sprach jetzt laut und vernehmlich der Greis, "und Euch Allen, die Ihr hier gaffend und zürnend mich umgebt, sage ich als der Aelteste, es gibt kein Verbrechen auf Erden, das sich nicht selbst strafte! Dieser tote, dessen Hülle im Prunk des Sarges noch höhnt, war ein grosser Mensch und ein grosser Sünder. Er plünderte das Heiligtum aus reinem Uebermut, aus Lust und Freude am Seltsamen, und dafür hat das sanfte Auge Gottes seine Seele geplündert und ihr den Frieden entwendet, von dem jeder wahre Mensch einen kleinen teil in sich tragen muss, soll er glücklich werden. Ruhe aber und Vergebung dem toten! Es lebt ein Gott, es sitzt zu Gericht sein heiliger Geist!" –
"So ist es!" sagte eine feste, männliche stimme, und die hohe Gestalt Mardochai's schritt, im schwarzen, faltigen Talar, ernst, bleich, mit geisterhafter Ruhe durch die dicht geschaarte Menge der Zuschauer. Er trat neben den Greis. "Kennst Du mich, Castelan?" fragte er den zitternden Alten. "Das Werkzeug starb, der Werkmeister lebt noch. I c h b e f a h l dem da die Sünde, weil ich wusste, sie würde ihn reizen in der Monstrosität seines Geistes. Und dieser Mensch nahm Rache an mir, weil der Herr der Welt es zuliess. Friede seiner Asche, Ruhe seiner Seele! Mir wird sie vielleicht zu teil werden an der Schwelle des heiligen Grabes." –
"Der Jude, der furchtbare Jude!" lispelte der Greis. Burton, der auch dazu gekommen war, stützte den Wankenden, an dem Mardochai vorüber auf Bardeloh zuschritt. "Sie wünschten meine Gegenwart. Hier bin ich," sprach er zu seinem Geistesgenossen. Bardeloh reichte ihm die Hand, sein Gesicht zuckte fieberhaft zusammen. Sie schritten die Treppe hinauf. Langsam folgte der Greis und Gleichmut.
Bis dahin hatte Staunen und eine Art Scheu die erregte Menge ruhig gehalten, jetzt aber fassten die Einzelnen und Argwöhnischsten Worte und halbe Sätze zusammen, und bildeten daraus ein trübes Bild, dessen dunkle Fratze sie erstarrte und zur Wut hinriss. Man drängte mit Gewalt die Wächter zurück vom Sarge, um den Leichnam zu sehen. Einige erkannten den toten; denn Casimir hatte es wohl zuweilen geliebt, in die niedrigsten Winkel des geselligen Verkehrs herabzusteigen, um, wie er sich auszudrücken pflegte, "die Genialität der Zoten" zu studiren. Halb rasend fielen die einmal Erhitzten über die Leiche her. Sie entdeckten den Dolch und glaubten, man habe ihn damit ermordet. Sogleich rissen ihm ein paar die Oberkleider ab. Man sah die eingeschlagene Brust, fühlte die zerbrochenen Rippen. Geschrei, Getümmel, erfüllte die Hausflur. "Der Jude hat ihn ermordet – Casimir wollte sich rächen – Mardochai ist ein Mörder! – Nieder, nieder mit ihm!" – So tobte Alles wüst durcheinander. Im Gedränge ward der Katafalk verrückt, die Kandelaber wurden umgestürzt. Dunkel lodernd brannten sie trüb fort unter der finstern Bahre. – Die Leiche ward von den Neugierigen fast zerrissen, die Lichter ergriffen die Bahrtücher, durch Rauch und Qualm starrten die Gesichter der Erbitterten. Man wollte in die obern Gemächer – da erschienen Bardeloh und Burton. Beiden gelang es, die Tobenden zu besänftigen, indem sie klar und ruhig die Torheit der Annahme dartaten. Die rohe Menge