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hoffen, dann müssen sie das Zittern des Bodens, das dem Erdbeben vorangeht, unter ihren Füssen bereits fühlen.

19.

An Ferdinand und Raimund.

Einige Tage später, am Bord der amerikanischen

Brigg: die Hoffnung.

Ein grauer Nebel schwimmt auf dem Meere, die Luft ist still, eintönig schlagen die Wogen gegen den Kiel des Schiffes. So habe ich Zeit, ein letztes Wort Euch zuzurufen, wie ich versprach. Ich tue es, obwol noch immer schmerzlich bewegt, doch mit weit leichterem Herzen, denn eine Versöhnung hat das ausgleichende Schicksal eintreten lassen, wie ich sie nimmer geahnt hätte. Glaubt aber nicht, es bestehe dieselbe in einer glücklichen Ruhe! Die Ruhe wird erst jetzt langsam aus dem Toben der Leidenschaften sich erheben. Ich will mir nicht vorgreifen, um Euch und mich selbst zu schonen, und, wie ich es bisher getan habe, als möglichst unparteiischer Berichterstatter den Ereignissen einen Weg zu Euren Herzen bahnen.

Mein letztes Schreiben erzählte Euch die unerwartet eingetretene Katastrophe, der Casimir und und Sara erlagen. Ich fürchtete sogleich irgend eine Gewaltsamkeit, da Mardochai's briefliche Mitteilung an mich den Machinationen ein Ziel setzte, die eben sowohl seinen als Bardeloh's Geist bewegt hatten. Es war der Klugheit gemäss, irgend etwas geschehen zu lassen, und Richard ergriff auch sogleich geeignete Massregeln. Sein Plan war durch des Juden Weigerung, daran teil zu nehmen, völlig zerstört, und wenn mich darüber Freude bewegte, so werdet Ihr mir nicht zürnen können. Der starre, nur dem Wink der Consequenz und seinem ungeheuren Zwecke lebende Jude hatte freiwillig sich jedes ferneren Eingreifens in das Richteramt der geschichte begeben. Diese Demut des Stolzes ward mir wertvoll, und konnte ich früher einen argen Abscheu selbst gegen die person Mardochai's nicht völlig besiegen; so sprach jetzt unverhohlen die Milde menschlichen Erbarmens, christlicher Liebe für den reuigen, wenn auch grossen Frevler. Ich hielt mit einiger Zuversicht fest an dem Glauben, auch Bardeloh werde in sich gehen, und jetzt, nach so vielen gewaltsamen Auftritten, die mehr oder minder teils als Producte ungestümen Strebens, teils als Ergebnisse trauriger Lebenswirrnisse betrachtet werden müssen, endlich zu der Einsicht kommen, dass dem Einzelnen auch bei der überwiegendsten geistigen Kraft doch nie ein volles Recht zustehe, zu richten, wenn die Gesammteit ihre Einstimmung noch nicht dazu gebe.

In dieser Hoffnung, die noch an Wert gewann durch verborgene Befürchtungen, sah ich ruhig den Vorbereitungen zu, die zum Empfang der Fastnachtsgäste getroffen wurden. Das Briefchen, welches mir der ehrliche Klapperbein am Abend der erschütternden Tat einhändigte, war von Auguste, die eine alte sehnsucht der Kindheit zum Carneval zurück in ihre Vaterstadt trieb. Auch Oskar und Lucie meldeten ihre Ankunft und baten vorläufig um bereitwillige Aufnahme. Sie kamen frühzeitig am Tage der Volksbelustigung an, noch gänzlich unbekannt mit dem Vorgefallenen. Dass ein kalter Schrecken sich Aller bei der Benachrichtigung desselben bemächtigte, werdet Ihr natürlich finden. Lucie indess, in ihrer raschen Beweglichkeit, wusste doch sehr bald den Eindruck wieder von sich abzuschütteln und betrachtete mit der ihrem Naturell eigenen Neugier die schwarzen Tapeten, womit Bardeloh die Hausflur ausschlagen liess. Da es nun einmal hiess, es werde ein Fastnachtsmahl angeordnet, so hoffte Jeder auf Zerstreuung und ausgelassene Lustbarkeiten. Auguste blieb jedoch ängstlich. Eine bange Unruhe liess sie fast krankhaft erscheinen, und ich ward besorgt für die schon mannigfach Aufgeregte. Rosalien's mütterliche Milde allein konnte sie beruhigen und glückliche Bilder dem schwarzen Maskengrauen unterschieben, das so bang und kalt durch die glänzenden Räume des ganzen Palastes wankte.

Der Anschlag Bardeloh's war von sehr erfreulicher wirkung. Ungeachtet die Klugheit es befahl, die Art und Weise von Casimir's tod geheim zu halten, hatte doch die heimliche Verräterei des Gerüchtes ungewisse, aufreizende Worte unter die Bevölkerung verstreut. Die Masse liebt es, dem Unverbürgten zuzufallen, schon weil ein dunkles Gefühl unzulänglicher Lebensbefriedigung sie gern die gelegenheit ergreifen lässt, sich auf Augenblicke zu erobern, was sie für gewöhnlich und dauernd entbehren muss. So lief denn auch frühzeitig genug die Sage von einem Morde um, der in der wohnung eines Juden verübt worden sein sollte, und als eine Unterbrechung oder wenigstens Abänderung in den Festlichkeiten angekündigt ward, reihte man Mögliches und Unmögliches rasch zusammen und construirte sich ein wundersames Bild, in denen die Hauptfarben genug des Grellen und Blutigen an sich trugen. Sobald indess nur der Scherz auf den Strassen in alter Weise begann, vergass man ungezwungen die Geheimnisse des häuslichen Unglückes und begnügte sich mit Spässen, wie der Augenblick sie erfand. Diese Improvisationen waren übrigens gar nicht zu verachten, und gaben von Neuem einen Beweis, wie die natur immer die glücklichste Schöpferin bleibt, wenn sie ungestört sich frei bewegen darf. Ohne eigentliche Anleitung bildete sich ein höchst ergötzlicher Maskenzug, der, wie gewöhnlich, zuletzt noch Besitz nahm vom Gürzenich. Nur kürzere Zeit währte der Scherz, der freilich zuweilen die Derbheit etwas in zu grosser Ungenirteit an den nächsten verhandelte.

Ein eigenes Interesse nahmen die grosse Menge der Pietisten, an Bardeloh's Einladung. Mit sicherm Takt hatte mein Gastfreund die Eitelkeit unter der demütigen Kopfbinde bei diesen Menschen herausgefühlt, und deshalb eine ganz specielle Aufforderung, sein fest zu besuchen, an sie ergehen lassen. Dass er dabei schwarze Kleidung sich ausbedang, erhob ihn noch mehr in ihren Augen; denn sie vermeinten darin gewissermassen den Widerschein der Reue zu erblicken, die bereits im Herzen des stolzen Mannes sowohl über sein früheres Leben, als über