und schneidende Schroffheit des Erstern konnte Sie abschrecken, die ausgebrannte Ruhe des Letzteren anziehen. Ich hatte mich nicht geirrt, aber auch nicht geglaubt, dass Gleichmut seine geschichte Ihnen mitteilen würde. Sobald ich dies erfuhr, reute mich, dem Pastor den tiefer liegenden Zweck meines Wirkens nicht entdeckt zu haben. Bardeloh's wachsender Ekel an europäischer zivilisation bewogen mich, mit ihm zu complotiren und einen letzten, verzweifelten Versuch zu einer gewaltsamen Aufregung eines im Ganzen schnell erregbaren Volkes zu machen.
Ich weiss, dem Deutschen ergreift nichts mehr, berührt nichts tiefer das Gemüt, als ein Angriff auf religiöse Institutionen. Dies fasste ich auf mit Bardeloh, und wir beschlossen, in einem Maskenzuge das Törichte und völlig tote der Äusserlichkeiten im Cultus so ergreifend zu verspotten, dass ein Aufstand unmöglich unterbleiben konnte. Hätte nun dieser begonnen, dann wollte Bardeloh mit der überzeugenden Macht seiner Rede auftreten und dem erhitzten volk vorhalten, was notwendig sei, wolle es sich retten aus einem langsam hereinbrechenden tod. Damit hofften wir etwas Grosses zu bewirken, ein europäisches aufsehen zu erregen, und den Grundstein zu legen zu einer neuen aber gewaltigeren Reformation. Ich wollte aus Pikanterie und – gesteh' ich's offen – vielleicht auch aus einem weniger edlen Antriebe die bedeutendste Rolle dabei übernehmen. Gedenken Sie der Maske hinter dem Vorhange, gedenken Sie aber auch des Strafgerichtes, das unter ihrem blinden Auge sich dort ereignete! –
In Casimir's Tat erschien der Racheengel des himmels früher als ich sein erschütterndes Amt übernehmen konnte. Diese Tat mit ihren unmittelbaren Folgen hat meine Welt der Zukunft mit hohen Lavaschichten bedeckt. Ich habe eingesehen, dass ein Mensch sehr gross sein kann, es aber nie wagen darf, dem Gange der Weltgeschichte voraneilen zu wollen. In ihrer Hand allein ruhen die Lebensstunden der Völker. Die Tränen dieser sind ihr Rosenkranz, der glänzend an ihrem Halse zittert, und es erfolgt kein Frieden, bis die Zahl dieser Tränen nicht vollzählig geworden ist! Aber wir unruhigen Söhne der Zeit, die wir geboren wurden im Nervenfeuer der Begeisterung, wir können nicht ruhen und rasten, wir wollen stürmen und schlichten, zertrümmern und bauen, und müssten wir auch die Sterne uns dazu vom Himmel herabreissen.
Ein grosser Irrtum ist jedoch schöner und erhabener, als eine gewöhnliche Wahrheit. Am Irrtum wird die Welt gross, von ihm wird sie reich. Der Irrtum ist die Weltpoesie! – Darum reut mich mein Wollen und Streben, ob es auch oft sündig war, nicht; denn es war notwendig, weil es vollbracht wurde im Auftrage der Weltgeschichte! – Doch jetzt trete ich ab vom Schauplatze. Nach dem Gericht in meinem haus, in dessen blutigem Ausgange Christus und Moses sich versöhnten, bin auch ich versöhnt worden, nicht mit der flachen Masse, sondern mit dem Geschicke. Ich fühl' es, dass für mich die Zeit der Tat vorüber ist. Die Frucht meines unstätten Lebens ist nicht unbedeutend – mein Volk wird dies dereinst fühlen und mich segnen dafür. Aber Europa kann mich nicht trösten, nicht retten, nicht versöhnen. Ich will es verlassen, damit ich nicht noch einmal genötigt bin, mit orientalischer Phantasie die Glut meiner Rache zu vereinigen und abermal zu höhnen, was doch nur Bewunderung verdient!
Sie gehen nach Amerika, habe ich gehört. Tun Sie es, Amerika ist nicht ein Land für jedermann, wohl aber für die Meisten. Die Freiheit kann auch Sie frei machen, die dortige industrielle Macht Ihnen geben, was grade dem Europäer fehlt – die Frische der Speculation, die Verständigkeit eines geregelten Naturlebens, die gesunde Prosa des Herzens. Verschmelzen Sie diese drei Gaben des fernen Westens mit den beglückenden Träumen, dem Ueberreiz Ihrer hoch gesteigerten kultur und der unergründlichen Poesie des deutschen Gemütes; so kann jenes höchste Erdenglück nicht ausbleiben, das ein phantasiereicher Mensch mit dem Worte E d e n am besten bezeichnet. –
Mein Eden, lieber Sigismund, öffnet seine Pforten nicht in Amerika. Ich kenne jenes Land, denn ich war schon einmal dort. Es ist eben so wenig ein Land für den Juden, als Europa. Aber die Wiege der Freiheit aller andern Völker wird es sein und bleiben, wenigstens für die nächste Zukunft – nur der irrende Sohn aus dem Stamme Juda ist von jenem Glück des freien Daseins ausgeschlossen. –
Ich gehe zurück nach dem Orient, nach Syrien, nach Jerusalem!
Teilen Sie diese Zeilen Ihrem Freunde Bardeloh mit. Der Maskenzug muss unterbleiben, wenigstens kann der angeordnete nicht Statt finden. Ich mag und kann nach dem Geschehenen keinen teil daran nehmen. Die Kraft zu verschwenden an der lächelnden oder gähnenden Ohnmacht ist Torheit. Hüten wir uns also vor den Folgen dieser Torheit.
In wenig Tagen verlasse ich Deutschland und Europa. Nur meine Tochter will ich noch bestatten, d.h. ich werde sie durch Specereien der Verwesung entreissen. Sie soll im Boden ihrer Väter ruhen. Ehe ich scheide, sehe ich Sie noch.
M a r d o c h a i ."
Nach diesem Geständnisse schweige ich, weil Niemand berechtigt ist, zu sprechen, wo der Geist Gottes selbst so sichtbar die fertigen Netze der Menschen zerreisst. Darum also häufte Bardeloh Masken und Larven in seiner wohnung auf und wühlte sich allnächtlich ein in die blutigen Träume seiner wirren Gedanken? Nun fasse ich auch seine Wut bei meinem unvermuteten Eintritte in sein Kabinet, seinen Apparat von Dolchen und andern Waffen, seinen ganzen Kirchhofs- und Beinhauspomp! Gottlob, dass der