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Glücklichen in diese Einsamkeit?" redete sie mich an. "Ein junger Mann sollte sich nie zurückziehen, nie abschliessen. Es wirkt nachteilig, mein teurer Freund. Auch Sie werden dies zeitig genug erfahren."

"Lieben Sie Maskenbälle, verehrte Frau?"

"Als ein Kind dieser Stadt muss ich daran Gefallen finden. Die Gewohnheit, alle Narretei, die man während eines ganzen Jahres aufgestapelt hat, auf einmal in vollen Strömen überschäumen zu lassen, ist ein Vermächtniss mittelalterlichen Gutes, das man, wie manches andere in der Gegenwart, zu wenig achtet."

"Es kann keinen grösseren Verehrer alles Narrentums geben auf Erden als mich, nur habe ich bisher an der Möglichkeit gezweifelt, auch ohne Kostüm eine Gesellschaft schreckenerregender Charaktermasken zu versammeln."

Rosalie entfernte sich. Dumpf rauschte aus den nahe gelegenen Sälen das Leben der maskirten Menschheit, an die verschlossene Tür klopfte der Argwohn charakterloser Gesinnung.

Die Töne eines Fortepiano klangen in gedämpften Accorden herüber zu uns, eine schöne volle Mädchenstimme sang mit hinreissender Glut die kunstlosen Verse eines Volksliedes.

"Gibt Bardeloh öfters ähnliche Gesellschaften?" fragte ich mehr aus Instinkt als aus Bedürfniss, denn eine doppelt drückende Atmosphäre wirkte betäubend auf alle meine Sinne.

"Das ist seine Schwäche," seufzte Rosalie. "Ohne diese leidenschaftliche Lust, die haut volée der Stadt immer um sich zu versammeln, würde er glücklicher sein, und selbst den verderbten grundsätzen alter Lebensweise mehr Gleichgiltigkeit als schweigende Wut entgegensetzen. Diese Gesellschaften, zusammengeweht aus allen Winkeln der Stadt, verbittern ihm sein heiligstes Leben. Mit der Wollust eines Rasenden sucht er umher nach immer grelleren Gegensätzen, und je verbissener die Wut der Geladenen sich in feiner Schmeichelei begegnet, desto glücklicher fühlt er sich in dieser Vernichtung alles edlen im Menschen." – "Mein Freund," fuhr sie fort, "was Sie bei uns sehen, ist nur ein Experiment, an einem auserlesenen Gliede der Menschheit gemacht."

"Getroffen!" unterbrach Bardeloh's sarkastisch schneidende stimme dies Bekenntniss eines Wesens, das mit reinstem Edelmut die versöhnende Liebe eines Engels verband. Er war von uns unbemerkt durch die Seitentür eingetreten. Verwirrt stand ich auf, die Ueberraschung liess mich umsonst nach einer Antwort suchen.

"Halten Sie mich für ein Kind," sprach Bardeloh, als er meine Verwirrung bemerkte, "dass Sie zusammenfahren wie ein Knabe, weil ich Sie im Gespräch treffe mit meiner Frau? Nicht dieses Alleinsein, Ihr Stolpern über sich selbst könnte mich zornig machen. Wissen Sie, junger Mann, dass ich kein Purist bin, wie Sie einige finden dort in meinem grossen Studirzimmer der Menschheit. Kommen Sie, mein Freund, und machen Sie mit mir einen gang durch jene Schatten, die trotz aller Verstellung ihre Seelen doch nicht verstecken können. Ich halte allwöchentlich über Sie Revüe und erfreue mich meines Generalats. – Rosalie, besorge für mich und unsern Freund ein Glas Limonade."

Wir traten in den Gesellschaftssaal, Bardeloh stellte mich den ausgezeichnetsten Personen vor und ergetzte sich merklich an den Komplimenten, die mir nach dem Gesetz der Convenienz gemacht wurden. An den Saal stiess ein halbkreisrundes Cabinet, von dem aus man das Gewühl der Anwesenden übersehen konnte. Dies kleine Apartement ward durch eine Glastür von dem saal geschieden, war nicht erhellt und lag in desto grösserem Dunkel, je blendendere Lichtfülle die Gasflammen durch die übrigen Räume wehten. In dies kleine Gemach führte mich Bardeloh. Ungesehen von Andern konnten wir genau jeden Einzelnen beobachten.

"Hier, mein Freund, befinden wir uns in meiner psychologischen Warte," begann Bardeloh und warf sich in die Polster einer Ottomane mit einer verächtlichen Lebensmüdigkeit. "Sehen Sie," fuhr er fort, "sehen Sie nun einmal unverwandt auf diese gebildete Menge, beobachten Sie ihr Mienenspiel, ihr Muskelzucken, ihr Augenverdrehen, und sagen Sie dann noch, dass wir im Zeitalter der zivilisation leben."

Er schwieg, ich antwortete nicht und beobachtete mit klopfendem Herzen die Gesellschaft. Da stand der stolze Prälat im traulichen Gespräch mit dem Mennoniten; daneben betete eine pietistisch gesinnte junge Dame mit dem Madonnaschnitt ihres Gesichtes zu der jugendlichen Kraft eines schönen Mannes, während der begehrerische blick vergeblich nach jener süssen Andacht haschte, womit die geübte Sünderin die natur eines gesunden Lebens zu bemeistern versteht. Am glänzend polirten Ofen lehnte der Jude Mardochai mit dem bleichen Ernst seiner Züge den orientalischen Tiefsinn schweigend hinaussendend in die um ihn rauschende Menschenwelle. Er stand allein und höhnisch flog zuweilen eine lächelnde Weltverachtung um den stolzen Mund. Dann griff er mit der schöngeformten Hand in den faltenreichen Talar von schwerer Seide, und warf spielend eine Menge neugeprägter Goldstücke in die sonnenhelle Atmosphäre. Der Verachtete zeigte kaum die Hostien aus der Monstranz des Gottes der Welt, so sanken auch schon die Herzen der Versammlung auf die Knie, und die civilisirte Menschheit betete an vor der Majestät moderner Welteiligkeit. Viele traten an Mardochai heran und suchten mit ehrerbietigem Lächeln seine Unterhaltung. Aber der Sohn des Orients blieb ruhig und ernst. Er spielte von Zeit zu Zeit mit seinem Golde, antwortete höflich, erniedrigte sich aber nicht, dem zu schmeicheln, was er hasste. Einige katolische Patres drängten sich um einen protestantischen Geistlichen, den ich an den feingestickten Ueberschlägeln erkannte, die als Zeichen seiner Würde ein durchbrochenes Kreuz zur Schau trugen. Mit diesem ausgehängten Christentume contrastirte die weltliche Tournüre und der mephistophelische blick seines schwarzen Auges, das aus den tiefen Höhlen des eingesunkenen Gesichtes dialectische fragen an alle Anwesende tat. Dieser Mann